Heimweh

Der Begriff H. für die Sehnsucht nach der fernen Heimat und nach der vertrauten menschl. und dingl. Umgebung wurde in der dt. Schweiz geprägt. Der Erstbeleg findet sich 1651 in einer schweiz. Sammlung von Schimpfreden (Idiotikon 15, 43). Literaturfähig wurde das anfänglich als Provinzialismus gemiedene Wort erst Ende des 18. Jh. Noch 1726 überschrieb Albrecht von Haller (1708-77) ein Heimwehgedicht mit "Sehnsucht nach dem Vaterlande". Ältere Bezeichnungen für H. sind And, Jammer und Langezeit.

Auch die Diskussion um H. als medizin. und kulturelles Phänomen ging von der Schweiz aus. H. galt lange Zeit geradezu als Schweizer Krankheit, weshalb es auch mal du Suisse oder Schweizerheimweh genannt wurde. Der Mülhauser Mediziner Johannes Hofer beschrieb es 1688 in seiner Basler Dissertation erstmals als Krankheit und führte als Neuschöpfung den Terminus Nostalgie ein, der ins Französische (nostalgie, neben mal du pays) und Italienische (nostalgia) Eingang fand, während sich im Englischen neben nostalgia auch homesickness als Lehnübersetzung durchsetzte. Theodor Zwinger behauptete in seiner Sammlung "Fasciculus Dissertationum Medicarum Selectiorum" von 1710, der Kuhreihen löse bei Schweizer Soldaten in fremden Diensten H. aus und verleite sie zur Fahnenflucht. Weite Verbreitung fand die Beschreibung und Diskussion der Krankheit durch versch. Schriften Johann Jakob Scheuchzers (1672-1733). Während Hofer die Ursache des H.s im Gehirn verortete und es als ein Leiden am Losgerissensein des Menschen aus der gewohnten Umwelt erklärte, gab Scheuchzer die Schuld dem Luftdruck, der in flachen Ländern höher sei als in den Alpen und deshalb die Blutzirkulation der Schweizer, die "den obersten Gipfel von Europa" bewohnten, behindere. H. galt als tödlich: Heilung brachte nur die Rückkehr in die Heimat, Linderung das Verbringen des Kranken an einen höher gelegenen Ort.

Im Artikel "Nostalgie, maladie du pays" in der Yverdoner "Encyclopédie" von 1774 hielt Albrecht von Haller hingegen H. für eine Art Melancholie, die zu Schwäche, Krankheit und Tod führen könne, aber durch Hoffnung auf Heimkehr heilbar sei. 1808 definierte Joachim Heinrich Campe in seinem "Wörterbuch der dt. Sprache" H. als "mit bänglicher Empfindung verbundene Sehnsucht", die nach dem Verständnis seiner Zeit weder tödlich noch typisch schweizerisch sei. Mit H. als gerichtspsychiatr. Phänomen befasste sich 1909 Karl Jaspers in seiner Dissertation "H. und Verbrechen".

Kulturgeschichtlich relevant ist die Verbindung von H. und Kuhreihen. Kolportiert wurde im 18. Jh. die Behauptung, Schweizern in fremden Diensten sei es bei Todesstrafe verboten, den Kuhreihen zu singen oder zu spielen. Jean-Jacques Rousseau nahm diese Geschichte 1767 in seinen "Dictionnaire de Musique" auf. Das Motiv von H. und Kuhreihen ging in die Literatur- und Musikgeschichte ein und wurde berühmt. 1805 erschien es im Gedicht "Der Schweizer" in Achim von Arnims und Clemens Brentanos Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn", 1809 in der Oper "Die Schweizer Familie" von Joseph Weigl, die ins Französische und Englische übersetzt wurde, 1834 in der Oper "Le Chalet" von Adolphe Charles Adam, unter dem Titel "The Swiss Cottage" vor Königin Victoria aufgeführt, und 1911 in der von Wien bis Chicago gespielten Oper "Der Kuhreigen" von Wilhelm Kienzl. Die Popularität von H. und Kuhreihen in Literatur und Musik war eine der Ursachen für die Alpen- und Schweizbegeisterung (Alpen), welche die kulturelle Elite Europas im 18. und 19. Jh. erfasste.


Literatur
– K. Jaspers, H. und Verbrechen, 1909, (Neudr. 1996)
– F. Ernst, Vom H., 1949
– I.-M. Greverus, «H. und Tradition», in SAVk 61, 1965, 1-31
– K. Brunnert, Nostalgie in der Gesch. der Medizin, 1984
Nostalgia: storia di un sentimento, hg. von A. Prete, 1992
– C. Schmid-Cadalbert, «H. oder Heimmacht», in SAVk 89, 1993, 69-85
– A. Bolzinger Histoire de la nostalgie, 2007
– S. Bunke H., 2009

Autorin/Autor: Christian Schmid