• <b>Titel</b><br>Eine Seite mit Modelltitulaturen und Abkürzungen, die in der Stadt Bern um 1789 benutzt wurden, aus dem Werk "Vorschrift zum Nuzen der Bernerischen Jugend verfertiget durch Johann Jakob Roschi, Schreibmeister an der Kunstschule in Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek). Das Lehrbuch richtete sich an Schüler ab dem achten Altersjahr und sollte diese in das formal und inhaltlich korrekte Briefeschreiben einführen. Dazu gehörte auch die richtige Verwendung von Titulaturen.

Titel [Titulaturen]

T. sind Bezeichnungen, die auf Stand, Ehre, Bildung, Amt oder Dienstgrad ihres Trägers verweisen. Titulaturen sind v.a. im schriftl. Verkehr verwendete Anredeformen mit dem T. sowie zusätzl. Ehrenprädikaten. Sie können sich auf Einzelpersonen wie auf staatl. Gemeinwesen beziehen und ein Verhältnis der Unter-, Gleich- oder Überordnung zwischen Titulierendem und Tituliertem ausdrücken. Vor 1800 kam Titulaturen im Kontext einer als durchgehend hierarchisch gedachten ständ. Gesellschaftsordnung eine zentrale Bedeutung für die Konstituierung und Stabilisierung von Rang- und Herrschaftsverhältnissen zu.

Im Hl. Röm. Reich konnten Standestitel grundsätzlich nur von Kaiser oder Papst vergeben werden. Im MA war im schweiz. Raum der Grafentitel verbreitet (Grafschaft); die Zähringer, Habsburger und Savoyer erlangten den Herzogstitel. Einzelne geistl. Herrschaftsträger trugen bis 1803, die Landesherren von Neuenburg ab dem 17. Jh. bis in die Mitte des 19. Jh. den Fürstentitel (Fürstentümer). Auch in den 13 alten Orten blieben trotz des weitgehenden polit.-rechtl. Bedeutungsverlusts des Adels im SpätMA Herren-, Ritter- oder Junkertitel (Herrschaft, Rittertum, Junker) wichtige Distinktionsmerkmale. Die bei Angehörigen der Eliten verbreitete Praxis des T.-Erwerbs beim Kaiser oder europ. Königshäusern wurde indes nach 1648 zusehends als unvereinbar mit dem Souveränitätsanspruch der Republiken gesehen; die meisten Städteorte verboten deshalb ihren Bürgern das Führen auswärtiger Adelstitel.

Während sich die Orte untereinander weiterhin mit der - teils heute noch verwendeten - Solidaritätsformel "getreue, liebe Eidgenossen" anredeten, insistierten sie im diplomat. Verkehr mit auswärtigen Mächten nun vermehrt auf Titulaturen, welche die staatl. Souveränität zum Ausdruck bringen sollten. Nach einem 1650-53 ausgetragenen Titulaturenstreit liess die kaiserl. Kanzlei in Wien in der Anrede der Orte jegl. Verweise auf Reichszugehörigkeit weg. Auch die Untertanen hatten sich in Briefen an die Obrigkeit verbindlich vorgeschriebener Anredeformen zu bedienen, welche die ständ. Distanz zu den Herrschenden markierten. Im 17. Jh. war der Herrentitel zur bevorzugten Standesbezeichnung regierender Geschlechter geworden; zur Beilegung innerstädt. Konflikte wurde 1782 in Freiburg und 1783 in Bern zudem allen regimentsfähigen Bürgern erlaubt, das als adliges Rangzeichen betrachtete Prädikat "von" oder "de" zu tragen.

<b>Titel</b><br>Eine Seite mit Modelltitulaturen und Abkürzungen, die in der Stadt Bern um 1789 benutzt wurden, aus dem Werk "Vorschrift zum Nuzen der Bernerischen Jugend verfertiget durch Johann Jakob Roschi, Schreibmeister an der Kunstschule in Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Das Lehrbuch richtete sich an Schüler ab dem achten Altersjahr und sollte diese in das formal und inhaltlich korrekte Briefeschreiben einführen. Dazu gehörte auch die richtige Verwendung von Titulaturen.<BR/>
Eine Seite mit Modelltitulaturen und Abkürzungen, die in der Stadt Bern um 1789 benutzt wurden, aus dem Werk "Vorschrift zum Nuzen der Bernerischen Jugend verfertiget durch Johann Jakob Roschi, Schreibmeister an der Kunstschule in Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Mit der Infragestellung ständ. Vorrechte im Gefolge der Franz. Revolution intensivierte sich die Kritik an herausgehobenen T.n. In den Drei Bünden wurden bereits 1794 alle Adelsbezeichnungen verboten. 1798 wurden in Art. 8 der Helvet. Verfassung alle erbl. Ehrentitel für ungültig erklärt und per Dekret die allg. Anrede "Bürger" vorgeschrieben. Schon bald fanden indes die Anredeformen des Ancien Régime wieder Verwendung und wurden in der Restaurationszeit in den meisten Kantonen wieder verbindlich eingeführt. Erst mit der Bundesverfassung von 1848 (Art. 4) verschwanden die Standestitel in der ganzen Schweiz. 1903 bezeichnete der Bundesrat den Zusatz "von" oder "de" explizit als blossen Namensbestandteil; der Herrentitel hatte sich inzwischen, wie auch die Anrede "Madame" im Französischen, von seiner ständ. Bedeutung gelöst und gilt seither als reine Höflichkeitsform.

Parallel zum Verschwinden erbl. Standestitel stieg ab dem 19. Jh. die Bedeutung von Bildungstiteln für den sozialen Status und den teils rechtlich reglementierten Zugang zu Berufen. Daneben finden T. heute v.a. zur - meist zeitlich auf die Dienstdauer befristeten - Bezeichnung von Inhabern kirchl., polit. und administrativer Ämter, militär. Grade oder diplomat. Ränge Verwendung.


Literatur
– K. Ricklin, «"… Dass das schöne und simple Wort Bürger gebraucht werde..."», in ThBeitr. 136, 1999, 63-77
– N. Weber, «Die Ordnung der T.», in Archiv für Kulturgesch. 93, 2011, 113-144

Autorin/Autor: Nadir Weber