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Aufklärung

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Das Zeitalter der A. folgte auf die Epoche des Konfessionalismus und der Orthodoxie (Protestantische Orthodoxie, Katholische Reform). An die Stelle der dogmat. bestimmten Denkkategorien trat die Überzeugung, dass die autonome menschl. Vernunft als letzte Entscheidungsinstanz über Wahrheit und Irrtum zu befinden habe. Alle bisherigen Erkenntnisse waren darum rationaler Kritik zu unterwerfen. Die A. postulierte Freiheit der Meinungsäusserung und Toleranz.

1 - Die Frühaufklärung

Die A. erfasste, von England, den Niederlanden und Frankreich her kommend, die Schweiz relativ spät. Gegen Ende des 17. Jh. wurden die ref. Landesteile immer stärker von einer aufklärer. Haltung geprägt, welche orthodox-konfessionelle Vorstellungen abzulösen begann. Bis dahin war die Schweiz stark konfessionell bestimmt gewesen. 1712 standen die ref. Vororte Zürich und Bern gegen die fünf kath. Orte der Innerschweiz letztmals in einem Konfessionskrieg, dem 2. Villmergerkrieg, der mit einem klaren Sieg der Reformierten endete. Dieser Entscheid war zugleich ein Sieg der aufgeklärten Mentalität und der wirtschaftl. entwickelteren Gebiete.

Die frühaufklärer. Bewegung wurde in der Schweiz, die keinen zentralen Hof und keine zentrale Akad. kannte, von der geistigen Elite der ref. Städte getragen, vornehml. von der ref. Geistlichkeit, die ihre Ausbildung an den Hohen Schulen (Akademien bzw. Kollegien) erhielt. Diese vermittelten eine solide "philosoph." Grundbildung. Der Unterricht war jedoch formal-humanist. geprägt, und wer ein oder mehrere Semester an einer ausländ. Univ. absolvierte, traf dort in der Regel auf eine modernere Richtung. Die Universität Basel, die einzige Univ. in der Schweiz, war klein und diente fast nur noch der engeren Region.

Die Wende zur A. vollzog sich zuerst in Genf mit dem Theologen Jean-Alphonse Turrettini, der ab 1697 als Prof. an der Akad. in aufklärer. Geisteshaltung unterrichtete. Dann folgte der etwa gleichzeitige Wechsel in Neuenburg und in Basel unter der Führung von Jean-Frédéric Ostervald bzw. von Samuel Werenfels. Die drei genannten Theologen führten als sog. Helvet. Triumvirat ihre Kirchen zu einem humanist. Christentum zurück. Die Strukturen der Kirchen blieben die traditionellen, aber der Geist, in dem gelehrt wurde, räumte vernunftgemässem Denken breiten Raum ein. Innerhalb des Protestantismus erfolgte ein Abbau der konfessionellen Schranken. Neue Kontakte zu Anglikanern und Lutheranern wurden aufgenommen, und man verzichtete auf antikath. Apologetik. Die Sittenlehre, die Ethik, wurde ebenso wichtig wie der "richtige" Glaube. Dies bedeutete eine Abwertung der Orthodoxie und eine Abkehr von einem allzu harten Puritanismus, die man als "vernünftige Orthodoxie" (Paul Wernle) bezeichnen kann.

Die neue aufklärer. Einstellung drang von den 1730er Jahren an auch in Zürich und in der ref. Ostschweiz durch. Im patriz. Bern verschafften neben Albrecht von Haller die Brüder Niklaus Emanuel und Vinzenz Bernhard von Tscharner dem neuen Geist Eingang.

Autorin/Autor: Ulrich Im Hof

2 - Bereiche und Besonderheiten der Aufklärung in der Schweiz

In theol. Hinsicht legte die A. den Akzent auf die christl. Tat: Man entkleidete die bibl. Offenbarung aller irrationalen Züge und begnügte sich mit einfachen, der Natur entsprechenden Lehrsätzen. Die Lebensführung hatte der Lehre zu entsprechen. Urspr. nahmen die Aufklärer gegenüber dem Pietismus eine ablehnende Haltung ein, obwohl auch er gegen die alte, steife Orthodoxie Stellung nahm. Mit der Zeit begegneten die "vernünftigen Orthodoxen" den Pietisten mit mehr Toleranz. Wenn aber aufklärer. Geistliche allzu frei feste Glaubenssätze in Frage stellten, so reagierten die offiziellen Kirchen mit Härte: Drei Geistliche wurden in Basel, Neuenburg und Zürich wegen zu "freigeistigen" Meinungen abgesetzt und des Landes verwiesen. Mit fortschreitender A. fanden sie jedoch später ihre Rehabilitation.

Parallel zu den theol. Veränderungen vollzog sich in der Rechts- und Staatslehre die Rezeption des neuen Naturrechts. Mit diesem beschäftigte sich vorerst einmal die welsche Naturrechtsschule von Jean Barbeyrac in Lausanne, Jean-Jacques Burlamaqui in Genf und Emer de Vattel in Neuenburg. Ihr System basierte auf dem bon sens, dem "gesunden Menschenverstand", der allein die notwendigen Kriterien für das Weltverständnis anbieten konnte: Es postulierte unverletzl. Rechte und insbes. die Freiheit des Gewissens. Sollten dem Menschen elementare Rechte genommen werden, so hatte er ein Recht auf Widerstand gegen die Tyrannis. Das Naturrecht galt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft bzw. den Staat, der eine "natürl. Gesellschaft nach den Gesetzen der Gleichheit und Freiheit" sein sollte. Handelte der Mensch gemäss dem Naturrecht, so wurde er glücklich, die Glückseligkeit (Eudämonismus) aber war das Ziel der menschl. Existenz. Diese Lehren der welschen Naturrechtsschule sollten übrigens eine polit. Rolle in der nordamerikan. Unabhängigkeitsbewegung spielen: Deren Elite hatte die entsprechenden Bücher gelesen und verstand die brit. Monarchie als Tyrannis, gegen die Widerstand rechtens war. Mit dem Staat, insbes. mit der Republik, beschäftigte sich auch Isaak Iselin in seinen "Philosoph. und patriot. Träumen eines Menschenfreundes" (1755) und Johann Georg Zimmermann in seinem "Nationalstolz" (1758). Es ging ihnen um die Freiheit der Meinungen, um die bürgerl. Tugenden und um den Einsatz des Bürgers für die Werte der Republik.

Mit den philosoph. Überlegungen einher ging die Entwicklung der Mathematik und der Naturwissenschaften. Hier konnte man an Francis Bacon und René Descartes anknüpfen. Ausgangspunkt der neuen Methode war der Zweifel, die bedingungslose Kritik, die sich wiederum auf die Vernunft abstützte. An die Stelle der Berufung auf die aristotel. Kategorien trat die Beweiskraft der mathemat. Evidenz und des wiss. Experiments. Bahnbrechend waren hier die Basler Brüder Johann und Jacob Bernoulli sowie dessen Nachkommen. Die Bernoulli zählten bald zu den Mitgliedern aller grossen Akad. Europas. Aber nicht nur in Basel, sondern auch in Genf und Zürich fanden sich internat. bekannte Mathematiker und Naturwissenschaftler, zudem in Schaffhausen die Medizinerschule der Wepfer. Nach anfängl. Widerständen, besonders gegen die Einführung des kopernikan. Weltbilds, drang der aufklärer. Geist überall durch. Weil die Theologie mitmachte, wurde die wiss. Forschung in der Schweiz nicht in einen Gegensatz zu Christentum und Religion getrieben, wie dies in vornehml. kath. Ländern geschah, wo ein betont aufklärer. Katholizismus den Kampf mit den reaktionären Kräften aufnahm. Die Wunder der Natur liessen sich fortan neben die bibl. Wunder stellen. In diesem Sinne arbeitete etwa der Genfer Naturforscher Charles Bonnet. Im 18. Jh. entstand eine neue Forschungsrichtung: die Hochgebirgsforschung und insbes. die Alpengeologie. Nirgendwo lag die Natur so offen da wie im alpinen Bereich, dessen Zentrum die Schweiz darstellte. Die neue Wiss. wurde zu einer besonderen Aufgabe der Schweizer, in Zürich gepflegt durch Johann Jakob Scheuchzer, in Genf durch Horace Bénédict de Saussure.

Auch in der Literatur der A. zeigten sich Veränderungen. Das Signal gab der Berner Beat Ludwig von Muralt, als er in seinen "Briefen über die Engländer und Franzosen" (1725) Stellung nahm für die freie engl. Welt des common sense gegen die artifizielle Welt Frankreichs im Zeitalter Ludwigs XIV. Die Krönung dieser Entwicklung bildete der "Versuch Schweiz. Gedichte" (1732) des Albrecht von Haller, seine in poet. Form gegossene aufklärer. Philosophie. Später folgten seine Staatsromane, in welchen er sich mit den klass. Staatsformen auseinandersetzte und eine polit. gemässigte Gesinnung vertrat, die derjenigen Montesquieus ähnl. war. Zürich wurde durch Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger zu einem neuen Zentrum der dt. Literatur. Die "Zürcher" wandten sich gegen den altväter. Stil, den etwa Johann Christoph Gottsched in Leipzig vertrat. Die Schriftsteller der modernen Richtung - wie Christoph Martin Wieland und Friedrich Gottlieb Klopstock - schlugen sich auf die Seite der "Zürcher".

Auch der Rückgriff auf die Gesch. der Schweiz - als besonderer Fall einer Republik von Republiken - drängte sich auf. Bis dahin hatten die chronikal. Darstellungen genügt. Die neue Konzeption verlangte aber im Sinne von Ashley Cooper Shaftesbury "Enthusiasmus" und "Sensualismus" auch für die hist. Untersuchungen. Diese wurden in der Schweiz v.a. durch Johann Jakob Bodmer vorangetrieben. Für ihn und seine Schüler war die Gesch. der Schweizer die "Lobrede" eines ganzen Volkes: Hervorgehoben wurden die Rechtmässigkeit ihrer Kriege, die Heiligkeit der Gesetze, der Verzicht auf territoriale Ausdehnung, die Tapferkeit und der Patriotismus ihrer Bürger und der demokrat. Ursprung ihrer Verfassungen. Bodmer sah in der Schweiz einen Sonderfall. Dabei gingen vergessen oder wurden heruntergespielt: die Brutalität der Schweizer Kriegsführung, die Oligarchisierung der republikan. Verfassungen, die militär. und später die wirtschaftl. Expansion sowie - trotz offizieller Neutralität - die Einordnung der Eidgenossenschaft in das franz. Machtsystem. Noch radikaler als Bodmer ging Jean-Jacques Rousseau vor, der sich als Bürger der Republik Genf und damit auch als Schweizer verstand. Nachdem er zuerst mit einer vernichtenden Kulturkritik schockiert hatte, trat er später für einen gemässigten demokrat. Republikanismus ein. Er übertrug das Genfer Modell auf Europa, das er sich als eine föderalist. Organisation vorstellte. Der mündige Bürger sollte sich freiwillig der polit. Gemeinschaft, der volonté générale unterziehen, und durch die Bindung aller an das Gesetz sollte eine höhere Stufe von Freiheit und Gleichheit gewonnen werden.

An die allg. Aufklärungsphilosophie leisteten versch. Schweizer originelle Beiträge. Johann Georg Zimmermann entwickelte eine psycholog. Analyse des Individuums in seiner Freiheit und Unabhängigkeit, d.h. in seiner inneren Glückseligkeit. Johann Georg Sulzer beschäftigte sich mit der Kindererziehung und forderte - lange vor Rousseau - deren Natürlichkeit. Isaak Iselin nahm das Gebiet der Universalgesch. in Angriff. Er betrachtete die Gesch. der Menschheit als fortschreitende Bewegung von den primitiven Anfängen auf das humanitäre Ziel hin. Nationalist. Tendenzen - auch in der Schweiz - lehnte er ab. Der Theologe Jakob Wegelin, der "christl. Rousseau von St. Gallen", beschäftigte sich mit universal- und ideengesch. ausgerichteter hist. Theorie.

Die neuen Theorien hatten prakt. Auswirkung auf die allg. Erziehung und die Schule. Da die Volksschule mehr oder weniger obligator. war, erreichte die Bildung, auch auf dem Lande, ein beachtl. Niveau. Hier setzte u.a. Johann Heinrich Pestalozzis Reformbewegung ein, die dann das 19. Jh. prägen sollte. Zur pädagog. Seite der A. gehörte im weiteren Sinne auch die Emanzipation der Frau. Sie hatte bisher ihren festen Platz als Hausmutter, aber keinen Anspruch auf Bildung. Das wurde anders, als in der Schweiz verheiratete Ausländerinnen oder auch einheim. Frauen in literar.-philosoph. Zirkeln (z.B. Julie Bondeli in Bern) eine verfeinerte Geselligkeit einbrachten (Salon). In der Folge entstanden vielerorts literar.-neuspr. orientierte Mädchenschulen.

Die aufklärer. Bewegung in der Schweiz und ihre spezif. schweiz. Konzeption lässt sich mit dem Begriff Helvetismus erfassen. Seine Eigenheiten sind die christl. Auffassung des Naturrechts, die patriot. Ethik, der philosoph. Ansatz vom gesunden Menschenverstand her und die enge Verbindung mit ökonom. und pädagog. Praxis, u.a. der Sinn für sparsames Haushalten. Alles gipfelte in der Verherrlichung der alpinen Natur - auch wenn die vielen grösseren und kleineren Städte des Mittellandes kulturell, polit. und wirtschaftl. in Führung standen. Die industrielle Entwicklung machte damals aus der Schweiz ein Land der Uhren und der Textilien, zwei Exportindustrien auf der Basis von Heimarbeit, die das Wesen der Schweiz veränderten. Dennoch sah man in ihr weiterhin das einzigartige Land der Alpen, mitten im sonst so flachen Europa. Diese Schweiz wurde im Sinne von Hallers "Alpen" als Hirtenland mit seinen besonderen republikan.-föderalist. Traditionen, Denk- und Lebensformen verstanden und verherrlicht.

Autorin/Autor: Ulrich Im Hof

3 - Organisierte Aufklärung: die Sozietäten

Die Philosophie der A. fand eine gewisse Organisation und Breitenwirkung in den vielen mit der Bewegung neu entstandenen Sozietäten (Vereine) und Zeitschriften: Unter Letztern nahm der Mercure suisse (1732-84) mit seinen Berichten aus dem schweiz. Geistesleben eine wichtige Position ein. Die Summe der schweiz. A. gab die Encyclopédie d'Yverdon (1770-80) wieder, die eine Alternative zur "extremen" A. der franz. Encyclopédie sein wollte.

Sozietäten fanden sich bald in fast allen Städten und Regionen der Schweiz. Sie waren getragen von der sozialen Elite des ganzen Landes. Europa wurde von einem Netz von Korrespondenzen überzogen, an welchem die Schweizer Aufklärer wesentl. Anteil hatten. In der Regel dienten die Sozietäten prakt., gemeinnützigen oder ökonom. Zwecken. Lesegesellschaften sorgten für die Verbreitung allg. literar. Bildung. In ihren Räumlichkeiten konnte man sich durch Zeitschriften und Zeitungen über vieles in der Welt orientieren. Die Ökonomischen Gesellschaften kümmerten sich in landwirtschaftl. Regionen um die Verbesserung agrar. Methoden. Im Schul- und Erziehungswesen ging es um die Modernisierung der Schulen aller Stufen. Ausserdem begann die Ausbildung, z.B. in der Medizin, fachspezifischer und differenzierter zu werden.

Alle Sozietäten waren von der aufklärer. Grundhaltung geprägt. So empfand sich die Helvetische Gesellschaft von Schinznach nicht nur als mehr oder weniger polit. motivierter Freundeskreis, sondern auch als geistige Ergänzung der eidg. Tagsatzung. Tatsächl. waren die jährl. Anreden ihrer Präsidenten Manifestationen aufklärer. Einstellung. Bemerkenswert ist die Rolle der kurzlebigen Société des citoyens in Bern: Sie verstand sich als Patriotische Gesellschaft zur Förderung aufklärer. Gedankenguts. Mit der Preisverleihung an Abbé Mably (1763) und an Cesare Beccaria (1765) nahm sie öffentl. Stellung für eine aufklärer. Rechts- und Moralphilosophie.

Die Naturforschenden Gesellschaften (Gelehrte Gesellschaften) beschäftigten sich nicht nur mit den Problemen der Praxis, sondern ebenso sehr mit der Naturphilosophie. Diese basierte in der A. nicht mehr auf der Autorität der Antike (Aristoteles), sondern auf den Erkenntnissen der reinen Vernunft. Man glaubte an den unaufhaltsamen Fortschritt der Wiss. und verachtete die früheren Zeiten, v.a. das MA, das die Natur durch "finstere Brillen" betrachtet habe. Die nachhaltigste aufklärer. Organisation war die Freimaurerei. Logen entstanden zuerst in Genf (1736), Lausanne (1739) und Zürich (1740), später in Basel (1768). Die Freimaurer verstanden es, mit ihrem Ritual der A. eine feste Form zu geben.

Autorin/Autor: Ulrich Im Hof

4 - Die Aufklärung in der katholischen Schweiz

Mit der verkürzten, oft gebrauchten und missverständl. Wortverbindung "kath. A." werden im deutschspr. Bereich die von der A. beeinflussten und gleichzeitig dem röm.-kath. Glauben verpflichteten Denkrichtungen sowie deren Repräsentanten bezeichnet. Manchmal umfasst der Begriff auch noch kirchl. Reformtendenzen, die sich ausschliessl. auf andere Vorbilder und geistige Strömungen (z.B. ma. Autoritäten, Konzil von Trient, Jansenismus, Maurinismus) berufen. Diese gehören aber strenggenommen nicht dazu. Die A. trat selbst da, wo sie in der kath. Eidgenossenschaft zeitweise Fuss fassen und eine Wirkung entfalten konnte, stets in einer gemässigten Form in Erscheinung. Sie war an Einfluss den stärkeren antiaufklärer. Tendenzen meist unterlegen. Der Wahrheitsanspruch der röm. Kirche und der christl. Offenbarung sowie die Religion als solche wurden überdies von den Aufklärern der kath. Schweiz nie angezweifelt. Die Kritik radikaler Gesinnungsgenossen am Gottesbegriff und an den religiösen Institutionen wiesen sie zurück. Erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. prägte in kath. Schweizer Städten, v.a. in Luzern und Solothurn, selten auch auf dem Land, aufklärer. Patriotismus das Denken von Angehörigen der polit. Elite (Joseph Anton Felix von Balthasar, Josef Rudolf Valentin Meyer von Schauensee, Karl Müller-Friedberg) und des Weltklerus (Bernhard Ludwig Göldlin, Franz Philipp Gugger). Die Verurteilung der geistl. Immunität, mit der die Forderung nach einer staatl. kontrollierten Kirche einherging, sowie die utilitarist. Anfechtung des kontemplativen Lebens der Mönche waren einer zustimmenden Aufnahme der A. in den Schweizer Klöstern grundsätzl. nicht förderlich. Immerhin zeigten sich die Benediktiner und Zisterzienser in der Regel der A. gegenüber aufgeschlossener als die Bettelorden. Die physikoteleolog. Konzepte der Leibniz-Wolffschen Philosophie wurden schon früh, selbst von Mendikanten und Jesuiten, obwohl nicht durchwegs zustimmend, aufgenommen. Dagegen war in den kath. Gebieten die Wirkung der franz. und engl. Aufklärer, der Naturrechtslehre des Christian Thomasius und seiner Anhänger sowie des dt. Idealismus eng begrenzt. Andererseits gingen von Schweizer Klöstern (St. Urban) und Weltgeistlichen wichtige Impulse zur Verbesserung des lokalen Unterrichtswesens, der Mädchen- und der Lehrerbildung aus, ebenso wie in diesen Kreisen hist.-quellenkrit. und naturwiss. Forschungen betrieben wurden. Oft kamen Angehörige des geistl. Standes und der patriz. Oberschicht bereits während der Ausbildung und während ihren Auslandaufenthalten mit der A. in Kontakt, z.B. als Theologiestud. im Collegium Helveticum. Zusammen mit gleichgesinnten weltl. Patrioten wandten sich kath. Geistliche gegen die päpstl. Suprematie und den röm. Zentralismus. So setzten sie sich gegen die Luzerner Nuntiatur, vorerst mit geringem Erfolg, u.a. für die Wessenbergschen Reformen in Liturgie, Seelsorge und kirchl. Unterricht ein. Der Volksaufklärung stand man, wie die kath. Landbevölkerung selbst, grundsätzl. ablehnend gegenüber. Zur ökumen. Öffnung des kulturellen Lebens und zur besseren Verbreitung der aufklärer. Literaturproduktion in den kath. Orten trugen nicht zuletzt der interkonfessionelle Gedankenaustausch, v.a. mit Berner, Basler und Zürcher Gelehrten sowie mit prot. Pfarrern, die Mitgliedschaft und das Engagement von Katholiken in der Helvet. Ges., die Gründung von lokalen, auch ökonom., Sozietäten und von Leihbibliotheken sowie das Entstehen von Zeitschriften und die interregionalen Verlagsbeziehungen bei. Erst mit dem Aufkommen des Liberalismus im 19. Jh. entfaltete das Gedankengut der A. in den kath. Landesteilen langfristig seine bis auf den heutigen Tag nicht unangefochtene polit. Wirkung.

Autorin/Autor: Hanspeter Marti

5 - Auswirkungen und Nachwirken der schweizerischen Aufklärung im In- und Ausland

Die Schweiz galt bald als besonders gutes Beispiel aufklärer. Haltung. So verliess sich der preuss. Kg. Friedrich II. im philosoph. Sektor seiner Berliner Akad. v.a. auf Schweizer (u.a. Johannes Bernoulli, Leonhard Euler, Johann Heinrich Lambert, Johann Bernhard Merian, Johann Georg Sulzer, Nicolas de Béguelin, Johannes von Müller), die ein Drittel aller Mitglieder der Akad. stellten. Sie zeichneten sich insbes. aus durch die Verbindung des Rationalistischen mit persönl. Ethik und dem Glauben an die moral. Weltordnung. Auch die russ. Zarin Katharina II. bevorzugte für ihre Petersburger Akad. Schweizer. Ein Vorteil der deutschspr. Schweizer war u.a., dass sie mit der franz. Sprache, die an die Stelle des Lateinischen getreten war, gut vertraut waren.

Die ausgesprochen rationalist. konzipierte Schweizer A. wurde in den 1770er Jahren durch den Sturm und Drang erschüttert. Der alt gewordene Rationalismus genügte nicht mehr. An seine Stelle trat die Romantik. Auch da leistete die Schweiz ihren Beitrag - sie war eigentl. ein "romant." Land, wie die vielen Reisenden feststellten. U.a. wurde nun auch das hist. Denken neu konzipiert. Dies geschah insbes. durch Johannes von Müller, der in seiner "Gesch. der Schweizer" (1780) in historist. Art das Modell einer neuen nationalen Geschichtsschreibung (Historismus) vorlegte.

Die A. war eine Sache der gesellschaftl. Elite. Es waren Patrizier und Stadtbürger - auch kleiner Munizipalstädte -, die mitmachten und mitgestalteten. Allerdings war das soziale System der alten Eidgenossenschaft nach wie vor ständ. aufgebaut, und es war unmögl., die föderalist. Ordnung der dreizehn Orte zu unterlaufen. Erst die Helvetische Revolution und die militär. Niederlagen machten 1798 Platz für neue, modernere Formen des Staats. Die Helvetische Republik von 1798-1803 war ein erster Versuch der Modernisierung in der Schweiz. Aber bis 1848 blieb die Schweiz zerrissen zwischen einer föderalist.-konservativen und einer zentralist.-fortschrittl. Parteirichtung. Erst nach dem Sieg des Liberalismus im Sonderbundskrieg konnte die Schweiz 1848 dank einer neuen, ausgewogenen Bundesverfassung zur ersten modernen Republik Europas werden, die in demokrat. Art allen Kt. die nötige Freiheit der Selbstgestaltung gab und gleichzeitig die notwendig gewordenen zentralen Einrichtungen schuf, ohne föderalist. Traditionen allzu nahe zu treten.

Autorin/Autor: Ulrich Im Hof

Quellen und Literatur

Literatur
– U. Im Hof, A. in der Schweiz, 1970, (mit älterer Lit.)
HbSG 2, 724-750
– S.S.B. Taylor, «The Enlightenment in Switzerland», in The Enlightenment in National Context, hg. von R. Porter, M. Teich, 1981
– M. Therrien «La pensée suisse française au dix-huitième siècle», in Travaux de littérature 4, 1991
– U. Im Hof Das Europa der A., 1993 (21995)
– S. Röllin, «Die Relativierung der konfessionellen Grenzen und Lebensformen im 18. Jh. unter dem Einfluss von Pietismus und A.», in Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994, 182-204, 337-339
– J. de Viguerie, Histoire et dictionnaire du temps des Lumières, 1995
Les conditions de la vie intellectuelle et culturelle en Suisse romande au temps des Lumières", hg. von A. Dubois et al., 1996
Dictionnaire européen des Lumières, hg. von M. Delon, 1997
– H. Marti Klosterkultur und A. in der Fürstabtei St. Gallen, 2003
– S. Zurbuchen Patriotismus und Kosmopolitismus, 2003
– F. Ackermann Christian Franz Freiherr von Eberstein (1719-1797): ein gelehrter Domherr des Basler Domkapitels im 18. Jh., 2004
Le rayonnement d'une maison d'édition dans l'Europe des Lumières: la Société typographique de Neuchâtel, 1769-1789, hg. von R. Darnton, M. Schlup, 2005