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Humanismus

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Unter studia humanitatis wurden im italienischen 15. Jh. unter Berufung auf die Antike und namentlich auf Cicero die fünf Fächer Grammatik, Rhetorik, Poetik, Geschichte und Moralphilosophie verstanden, als Voraussetzung für Weisheit und Beredsamkeit, die den vollwertigen Bürger - poeta et orator - auszeichneten. Sie wurden gelehrt durch den umanista (erstmals 1490 belegt) und unterschieden sich von den mittelalterlichen sieben artes liberales und von den eigentl. Universitätsfächern (Theologie, Philosophie, Jurisprudenz, Medizin, Naturwissenschaften). Diese wurden jedoch von der humanist. Methodik im 16. Jh., vom Stud. der alten Sprachen in ursprüngl. Reinheit (Latein, dann Griechisch, später Hebräisch), von Edition, Kritik, Kommentierung und Übersetzung antiker Texte stark geprägt (Philologie). Humanisten manifestierten inhaltlich divergierende Interessen und Ansichten in Briefen, Reden, Dialogen, Gedichten und anderen Textgattungen. Gemeinsam ist ihnen die pädagog. Überzeugung, über sprachl. Vermittlung ethisch-politische Praxis (vita activa) lehren zu können, und das Selbstbewusstsein, die antiken bonae litterae nach dem scholast. MA neu belebt zu haben (Renaissance).

Autorin/Autor: Thomas Maissen

1 - Rahmenbedingungen und Frühhumanismus

Der H. bot angesichts der spätma. Umbrüche - zunehmende Bedeutung der Geldwirtschaft, Urbanisierung, innereidgenössische polit. Spannungen - insbesondere den lesekundigen städt. Laien (maximal 5% der Einwohner) im Dialog mit antiker humanitas neue Formen der Selbstvergewisserung. Im Unterschied zum MA bildeten dabei die Natur des Menschen und die Bedeutung der Sprache für die Vergesellschaftung zentrale Themen. Von Italien aus entwickelte sich ein Netz von meist wandernden Lehrern der studia humanitatis, die in städt. und höf. Kanzleien, als Schulmeister, Professoren an der Artistenfakultät von Universitäten und Stadtärzte, aber auch als Geistliche (v.a. Dom- und Chorherren) ihr oft gutes Auskommen fanden. Sie verkehrten in lokalen Akademikerkreisen und mit polit. Eliten, die den wachsenden Anforderungen von Verwaltung, Rechtsprechung, Fernhandel und internat. Diplomatie genügen mussten. Theoret. Debatten setzten nun solide philolog. Kenntnisse voraus. Insofern wurde H. als "Geistesadel" wie die Militärlaufbahn ein Mittel sozialen Aufstiegs für Minderprivilegierte, insbesondere für solche der Landschaft. Für die Schweiz sehr wichtig war die Immigration fremder Gelehrter beispielsweise aus Franken, dem Elsass, Frankreich und Italien. Ein spezifischer "Schweizer" H. ist selbst ein humanist. Produkt, insofern Enea Silvio Piccolomini 1458 das Wort Helvecia (Helvetia) prägte und Humanisten - z.B. Glarean in seiner "Helvetiae descriptio" (1514) - gesamteidgenössische kulturelle Zusammengehörigkeit postulierten. Für die Eidgenossenschaft des 15. Jh. waren die geistigen Orientierungspunkte noch die Bistümer Konstanz und Basel, die als Konzilsorte den Austausch mit Italien erleichterten. In Basel und am Kaiserhof in Wien wirkte Piccolomini von 1432 bis 1455 als Sekretär und einflussreichster Lehrer des H. Im schwäb.-ostschweiz. Raum vermittelte der Kanzleischreiber Niklaus von Wyle die Werke Piccolominis als Stilideal durch Übersetzungen, gedruckte Edition (1478) und rhetor. Anweisungen. Textsammlung und -vermittlung kennzeichneten den Korrespondentenkreis um Wyle, insbesondere seinen Schüler Albrecht von Bonstetten, der in Einsiedeln 1479 unter ptolemäischem Einfluss eine erste schweiz. Landeskunde verfasste. Eine solche schrieb 1497 auch Conrad Türst.

Ebenfalls auf Piccolomini als Papst Pius II. geht die Gründung der Univ. Basel 1460 zurück. Petrus Antonius aus Final bei Genua erhielt 1464 den ersten besoldeten Lehrauftrag in arte humanitatis; der in Padua ausgebildete Poetik- und Medizinprofessor Peter Luder begründete 1465 die erste humanist. Gemeinschaft oder Sodalitas. Der Prediger Johannes Heynlin vermittelte 1464-66 und ab 1474 den Pariser Frühhumanismus (Guillaume Fichet) und die Humanistenschrift (Schrift). Sein Schüler Johannes Reuchlin lernte bei Andronikos Kontoblakas Griechisch und unterrichtete es selbst. Mit Jakob Wimpfeling und Sebastian Brant reichte die Sodalitas bis ins Elsass. Vom Heynlin-Schüler Johannes Amerbach an, der ab 1475 in Basel wirkte, wurde für sie der Buchdruck entscheidend, der auf der Infrastruktur des Konzils von Basel aufbaute, konkret auf Papiermühlen, Bibliotheken, Kopisten, Übersetzern, Vertriebskanälen und Zunftprivilegien. Die Offizinen von Johannes Froben, Johannes und Adam Petri, Andreas Cratander und Valentin Curio verbreiteten antike und humanist. Texte und beschäftigten Gelehrte als Korrektoren. Wichtige Buchdruckereien entstanden später in Zürich - so 1519 diejenige von Christoph Froschauer - und der ref. Westschweiz. In Genf blühte der ab 1478 bestehende Buchdruck ab 1549 mit der Fam. Estienne und mit Jean Crespin; weitere Buchdruckereien bestanden in Neuenburg und Lausanne. In den kath. Orten spielte der Buchdruck erst spät - in Zug beispielsweise ab 1570 - und nur marginal eine Rolle.

Im 15. Jh. studierte eine rasch wachsende Zahl von Schweizern v.a. in Heidelberg, Tübingen, Freiburg i.Br., Köln, Leipzig und Erfurt; um 1500 dominierte Basel. Wichtig war auch Wien, ferner Paris und Orléans sowie in qualitativer Hinsicht Italien; in Pavia studierte u.a. Albrecht von Bonstetten. Der polem. Methodenstreit gegen scholast. Fakultäten förderte die Gruppenbildung. Studenten folgten humanist. Lehrern besonders der eigenen Region; Anziehungspunkte waren z.B. die Bursen des Glarean in Basel, Paris und Freiburg i.Br. In Zentren des H. entstanden Zirkel von Lehrern, Schülern und Freunden, die durch Reisen und Briefwechsel international vernetzt waren.

Autorin/Autor: Thomas Maissen

2 - Blütezeit

Die Schweiz lag im Schnittbereich des oberrheinischen, auf Westeuropa ausgerichteten, juristisch und theologisch geprägten H. und des literar. H. um Maximilian I. im Donauraum. In Wien wirkte 1501-18 der 1514 zum Poeta laureatus erkorene St. Galler Vadian, der viele ostschweiz. Studenten anzog. Städt. Lateinschulen vermittelten den H., so die Schulen in Schlettstadt (Johannes Sapidus), Rottweil (Michael Rötlin) und - mit Rottweil verbunden - Bern (Heinrich Wölfli, Valerius Anshelm, Melchior Volmar). In Basel bot die Universität manchem Humanisten ein Auskommen. Der Mittelpunkt aber war Erasmus von Rotterdam, der sich 1514-16, 1518, 1521-29 und 1535-36 in Basel aufhielt und den der Buchdruck und namentlich Frobens griech. Typen für die Edition der Kirchenväter anzog. Erasmus vermittelte in seiner Philosophia Christi synthetisch antike und christl. Pädagogik und Ethik und trat ein für einen praktizierten Glauben - inbesondere Pazifismus - anstelle von blossen Frömmigkeitsritualen und Verweltlichung. Aus der philolog. Textkritik erwuchs das griech.-lat. "Neue Testament" von 1516 als Voraussetzung, um in der Exegese den mittelalterlichen vierfachen Schriftsinn auf einen (möglichst literalen) Sinn zu reduzieren. Erasmuskult und "biblischer H." prägten Humanisten der Basler Sodalitas wie Froben, Glarean, Ludwig Bär, Bruno und Bonifacius Amerbach, Bf. Christoph von Utenheim, Georg Carpentarius aus Brugg, den Schwaben Johannes Œkolampad, die Elsässer Beatus Rhenanus, Wolfgang Capito, Kaspar Hedio und Konrad Pellikan, Sigismund Gelenius aus Prag sowie die Juristen Claudius Cantiuncula aus Lothringen und Johannes Sichardus aus Tauberbischofsheim. In Briefen wirkte Erasmus weithin. So stand er u.a. auch mit Thiébaut Biétry (Pruntrut und Besançon) und Martino Bovollino (Mesocco) in Kontakt; seine Werke wurden von Leo Jud übersetzt. Seine Anhänger fanden sich, oft nach Studien in Basel und Wien, in humanist. Zirkeln in Freiburg (um Peter Falck, mit späteren Reformierten wie Pierre Girod; vorübergehend Agrippa von Nettesheim), Luzern (Ludwig Carinus sowie die später ref. Johannes Xylotectus, sein Schüler Rudolf Ambühl und Oswald Myconius), Zug (die später ref. Jodocus Molitor und Peter Kolin), Glarus (Valentin, Peter und Aegidius Tschudi) und Schaffhausen (Stadtarzt Johannes Adelphus); Melchior Macrinus wirkte in Solothurn, Diebold von Geroldseck in Einsiedeln. Besondere Bedeutung kam seit Reuchlin der Hebraistik zu: Konrad Pellikan, Wolfgang Capito, Jakob Ceporin, später Theodor Bibliander, Sebastian Münster und Johannes Buxtorf beschäftigten sich mit hebräischen Texten; Froben besass ab 1516 hebräische Typen.

Autorin/Autor: Thomas Maissen

3 - Humanismus und Reformation

H. und Reformation sprachen gleichermassen den gebildeten städt. Laien an, der einen direkten, individuellen Zugang zu Gott suchte: Durch ihre existentielle Problematik und den Gebrauch der Volkssprache erreichte die Reformation aber weitere Kreise. Huldrych Zwinglis Werdegang ist typisch für den schweiz. H.: Geburt in der Provinz, Lateinschule in Bern bei Wölfli, Studien in Wien und Basel, Lektüre ital. Humanisten, Aneignung des Griechischen und Hebräischen, Verehrung des Erasmus. Während dieser jedoch an der kirchl. Einheit festhielt, empfand Zwingli die Reformation als Konsequenz aus der Kirchenkritik und der Rückkehr zum ursprüngl. Bibelwort im erasm. Humanismus. Aus Ad fontes wurde Sola scriptura. 1522 kam es zur Entfremdung zwischen den beiden Humanisten, doch blieb Zwingli Erasmus trotz unterschiedl. Ekklesiologie stets verbunden und geprägt von dessen Pädagogik, Schriftprinzip, Christozentrik und dem Gegensatz zwischen Fleisch und Geist, was sich u.a. im Abendmahlsstreit zeigte. Von Martin Luther grenzte Zwingli sich u.a. durch die altphilolog. Gewissenhaftigkeit ab. Zudem betonte er den Gesetzescharakter der Schrift, die im erasm.-sozialkrit. Sinn ebenso die kirchl. wie auch die polit. Ordnung regeln sollte; diese prakt. Forderung vertrat er im Sinne eines gesamteidg. Patriotismus. In seinem Gefolge wurden die meisten Humanisten reformiert und deshalb aus Luzern, Zug und Freiburg vertrieben; dagegen verliessen die altgläubigen Erasmus, Cantiuncula, Rhenanus, Bär und Glarean Basel. Vom erasm. Spiritualismus inspiriert wurden einzelne zu Täufern, so Vadians Schwager Konrad Grebel. In der Westschweiz fand sich humanist. Bildung vor der Reformation nur ansatzweise, so etwa bei François Bonivard. Guillaume Farel, Pierre Viret, Johannes Calvin und Theodor Beza erhielten in Frankreich eine humanist. Bildung, die ihren Stil zeitlebens prägte. Anders als bei den deutschschweiz. Reformatoren bedeutete aber in ihrer Biografie die Konversion einen klaren Bruch mit dem "weltlichen" H. und dem "frivolen" Erasmus.

Autorin/Autor: Thomas Maissen

4 - Humanismus nach der Glaubensspaltung

Trotz der Glaubensspaltung blieben manche Kontakte der Humanisten innerhalb der Eidgenossenschaft und auf internat. Ebene erhalten, so u.a. diejenigen zu Philipp Melanchthon und Martin Bucer. Die 1525 gegr. Schola Tigurina beruhte wie die Hohen Schulen in Bern, Lausanne und Genf (Akademien) auf den drei alten Sprachen und beschäftigte führende Philologen. Die ref. Städte zogen weiter Gelehrte der Landschaft und aus dem Ausland an (Petrus Dasypodius, Thomas Platter der Ältere, Simon Grynaeus), während Tessiner Gelehrte ihre Karriere in Italien machten (Giovanni Pietro Albuzio, Francesco Ciceri, Andrea Camuzzi). Der ref. Vadiankreis prägte die Ostschweiz; in Graubünden fand sich der H. auch beim Dichter Simon Lemnius, bei den Begründern der ladin. Schriftsprache (Jachiam Bifrun, Johann Travers) und bei ital. Refugianten (Pietro Paolo Vergerio). Letztere zogen nach Zürich (Petrus Martyr Vermigli) und v.a. Basel (Celio Secondo Curione, Pietro Perna, Sebastian Castellio aus Savoyen), wo sich der H. in der Via media und der Debatte über Religiöse Toleranz lange hielt und dank des Freiraums der Drucker mit Johannes Oporinus und Heinrich Pantaleon neu aufblühte; auch die Universität blieb im 16. Jh. international attraktiv. Die kath. Orte schickten Studenten ins Ausland, insbesondere zu Glarean; als rhetor. Waffe vermittelten Jesuiten formalen H. ab 1577 in Luzern. Die Konfessionalisierung setzte jedoch dogmat. Heilsgewissheit anstelle von dialog. Lebensgestaltung und bedeutete damit in allen Konfessionen das Ende des H. (Zensur, zuletzt in Basel). Nur in der philolog. Vermittlung antiken Kulturguts, die v.a. in Genf mit Isaac Casaubon, Joseph Justus Scaliger und Denys Godefroy blühte, konnte er weiterleben.

Autorin/Autor: Thomas Maissen

5 - Humanismus in den Wissenschaften und Künsten

In der Rechtswissenschaft dominierte neben philolog. Studium und Edition des Römischen Rechts der Kampf des historisierenden mos gallicus gegen den glossierenden mos italicus (Rechtsschulen), wobei in Basel Bonifacius Amerbach einen Ausgleich suchte. In den Naturwissenschaften wurde der Horizont erweitert durch das Stud. antiker Autoren und Reisen (Vadians Pilatusbesteigung von 1518), später durch Systematisierung (Konrad Gessner). Ähnlich folgte in der Medizin auf Edition und Kommentierung der Klassiker die empir. Anatomie im Gefolge des Andreas Vesalius (Felix Platter). Glarean versuchte, das zeitgenöss. Musikschaffen mit der antiken Musiktheorie in Übereinstimmung zu bringen ("Dodekachordon" 1547). Die antike Überlieferung inspirierte das Schauspiel - etwa Heinrich Bullingers Lucretia-Drama - und die Historiografie, die eine hist. Kontinuität des freiheitsliebenden "helvetischen" Alpenvolks postulierte (Johannes Stumpf, Aegidius Tschudi). Darin waren sich kath. und prot. Autoren einig. Aus demselben Geist entstand 1576 Josias Simlers "De Republica Helvetiorum libri duo" zur Betonung gesamteidgenössischer polit. Gemeinsamkeiten.

Autorin/Autor: Thomas Maissen

Quellen und Literatur

Literatur
Bibl. internat. de l'humanisme et de la Renaissance, 1969-
Jacques Godefroy (1587-1652) et l'humanisme juridique à Genève, hg. von B. Schmidlin, A. Dufour, 1991
– W. Rüegg, «Humanist. Elitenbildung in der Eidgenossenschaft z.Z. der Renaissance», in Die Renaissance im Blick der Nationen Europas, hg. von G. Kauffmann, 1991
Gesch. der Universität in Europa, hg. von W. Rüegg, 4 Bde., 1993-2010
– H.R. Guggisberg, Zusammenhänge in hist. Vielfalt: H., Spanien, Nordamerika, 1994
– C. Augustijn Erasmus, 1996
– T. Maissen «Literaturber. Schweizer H.», in SZG 50, 2000, 515-544
– I.D. Backus Historical Method and Confessional Identity in the Era of the Reformation (1378-1615), 2003

Autorin/Autor: Thomas Maissen