Eugenik

Der Begriff E., der 1883 vom Engländer Francis Galton geprägt wurde, bezeichnet einen biolog. Reduktionismus, dem das Prinzip der natürl. Auslese zugrunde liegt. Als angewandte Wissenschaft des menschl. Erbguts verfolgt die E. das Ziel, den körperlichen, geistigen und sittl. Zustand der Menschheit zu verbessern. Diesem Zwecke diente eine sog. positive E. zur Förderung der Fortpflanzung "erbgesunder" Personen sowie eine sog. negative E. zur Verhinderung der Fortpflanzung "erbkranker" Personen, etwa durch Zwangssterilisation oder Heiratsverbot. Die E. entwickelte sich zunächst in England und in den Vereinigten Staaten im Gefolge des Sozialdarwinismus, von welchem sie sich jedoch durch die Befürwortung von staatl. Eingriffen unterschied. Die eugen. Bewegung fand je nach den gesellschaftl. und polit. Zuständen eines Landes andere Ausprägungen.

Bereits zu Beginn des 20. Jh. gab es in der Schweiz Anhänger der E., etwa die Psychiater Auguste Forel und Eugen Bleuler. In wissenschaftl. Kreisen konnte sich eugen. Gedankengut ab den 1920er Jahren parallel zum Aufschwung der sog. mentalen Hygiene verbreiten. Ärzte, Biologen, Anthropologen und Psychologen unterstützten die Psychiater in ihrer Forderung nach Einführung eugen. Massnahmen. Nur wenige von ihnen waren jedoch ausserhalb der Schweiz aktiv, ausgenommen Ernst Rüdin, der ab 1928 in München eine Forschungsstelle für psychiatr. Genetik leitete. Aus Furcht vor der Degenerierung des "Volkes" war die E. ab den 1920er Jahren sowohl in der Rechten, welche die elitären Aspekte begrüsste, als auch in der Linken wegen ihres Antialkoholismus (Alkoholismus) und ihrer Forderung nach Geburtenkontrolle weit verbreitet. Das Waadtländer Gesetz aus dem Jahre 1928 über die Sterilisation von Behinderten und Geisteskranken ist deutlich von der E. geprägt. Die Zweifel am wissenschaftl. Wert der E., der Widerstand der kath. Kirche und der liberalen Rechten und v.a. die von den Nationalsozialisten betriebene Politik der Ausrottung "lebensunwerten Lebens" diskreditierten schliesslich die E. Der Fortschritt der Biotechnologie hat der Problematik erneut breite Aufmerksamkeit verschafft. V.a. die Verbesserung der pränatalen Diagnostik birgt die Gefahr in sich, dass sich aus einer privat praktizierten eine staatlich angeordnete E. entwickelt.


Literatur
– R. Wecker, «Frauenkörper, Volkskörper, Staatskörper», in Itinera 20, 1998, 209-226
– G. Jeanmonod, G. Heller, «Eugenisme et contexte socio-politique», in SZG 50, 2000, 20-44
– G. Heller et al., Rejetées, rebelles, mal adaptées: débats sur l'eugénisme, pratiques de la stérilisation non volontaire en Suisse romande au XXe siècle, 2002
– C. Wolfisberg, Heilpädagogik und E., 2002

Autorin/Autor: Jacques Gasser, Gilles Jeanmonod / AW