23/11/2006 | Rückmeldung | PDF | drucken

Geistige Landesverteidigung

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Als G. wird die von den 1930er bis in die 60er Jahre dauernde polit.-kulturelle Bewegung bezeichnet, welche die Stärkung von als schweizerisch deklarierten Werten und die Abwehr der faschist., nationalsozialist. und kommunist. Totalitarismen zum Ziel hatte. Die Wurzeln der G. liegen im 1. Weltkrieg, der den totalen Charakter des modernen Krieges offenbarte und Verteidigungsanstrengungen auch in nichtmilitär. Bereichen wie Wirtschaft und Kultur notwendig erscheinen liess.

Die russ. Revolution und die vom faschist. Italien (Faschismus) ausgehende Bedrohung der ital. Schweiz (Irredentismus) sowie die neuen Möglichkeiten, die Radio und Film zur Verbreitung totalitärer Ideologien boten, bestätigten in den 1920er Jahren die Notwendigkeit, den demokrat. Rechtsstaat bereits in Friedenszeiten zu verteidigen. Der Begriff G. tauchte schon vor den 1930er Jahren auf, aber erst die Bedrohung der Schweiz durch das nationalsozialist. Deutschland (Nationalsozialismus) gab der G. ihre primär antideutsche Prägung mit Schwergewicht in der Deutschschweiz. Unter dem Begriff "Elvetismo" entwickelte die ital. Schweiz eine besondere Form der G.

Ab 1933 verlangten Parlamentarier, Intellektuelle und Medienschaffende Massnahmen zur Stärkung der kulturellen Grundwerte der Schweiz; angestrebt wurde ein Schulterschluss über alle Parteien hinweg und die Überwindung der Klassengegensätze. In der bundesrätl. Botschaft vom 9.12.1938 erhielt die G. aus der Feder von Bundesrat Philipp Etter eine offizielle Formulierung. Darin wurden dem Rassismus, völk. Nationalismus, der staatl. Kulturpropaganda und dem Führerstaat eine Absage erteilt und ihnen die Grundwerte der Schweiz entgegengestellt: die Zugehörigkeit zu drei europ. Kulturräumen, die kulturelle Vielfalt, der bünd. Charakter der Demokratie und die Ehrfurcht vor der Würde und Freiheit des Menschen. Die Verteidigung dieser geistigen Werte wurde primär als Aufgabe des Bürgers, nicht des Staates, deklariert.

An der Landesausstellung 1939 in Zürich fand die G. ihren wirkungsvollen Ausdruck ("Landigeist"). Sie stiess im Volk weitgehend auf Zustimmung. Da die "Eigenarten der Schweiz" nicht weiter konkretisiert wurden, blieb das Konzept der G. ein Minimalprogramm, das nach vielen Seiten offen war. Unter ihrem breiten Dach fanden sich mit Ausnahme der Frontisten und eines Teils der Kommunisten die verschiedenen polit. Strömungen zusammen, welche die G. mit unterschiedlichen, sich z.T. widersprechenden Inhalten füllten: Die Liberalen hielten an der Verteidigung des freiheitl.-demokrat. Bundesstaates von 1848 und der Menschenrechte fest, die Konservativen setzten sich für Föderalismus, die Rechte der Familie und die Freiheit der Kirchen ein, die Linke forderte eine solidar. Volksgemeinschaft mit sozialer Gerechtigkeit, die Rechte plante eine neue, ständestaatlich organisierte, autoritäre Demokratie.

Als Instrumente der G. wirkten Institutionen wie die 1938 als private Kulturorganisation gegr. Pro Helvetia, die Neue Helvetische Gesellschaft (NHG) und ab Nov. 1939 die neue Armeesektion Heer und Haus, welche v.a. der staatlich gelenkten Kulturpropaganda aus Deutschland und Italien entgegentraten. Die Ausschaltung der ausländ. Konkurrenz sowie die polit. und militär. Einschliessung der Schweiz begünstigten ein autarkes Kulturschaffen, welches auch durch Rückkehrer und Emigranten bereichert wurde. Einige Kulturbereiche erlebten eine Blüte (Verlagswesen, Theater, Radio, Presse, Film) oder etablierten sich neu (Tanzschaffen, Swing, Jazz). Das Rätoromanische wurde als vierte Landessprache anerkannt.

Bei Kriegsende wurde Heer und Haus aufgelöst, und die Pro Helvetia wandte sich der Kulturförderung zu. Um die "nationale Schicksalsgemeinschaft", wie sie sich seit 1933 herausgebildet hatte, in die Nachkriegszeit hinüber zu retten, gründeten Exponenten der G. in der Westschweiz 1945 die Rencontres Suisses, 1947 den Schweiz. Aufklärungsdienst (SAD) und 1948 die Coscienza svizzera als zivile Nachfolgeorganisationen. Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurde der sowjet. Totalitarismus Zielscheibe der wieder belebten G. Trotz der antikommunist. Stossrichtung behielt die G. anfänglich ihren offenen Charakter bei und repräsentierte vorerst ein breites Spektrum von links bis rechts: So zählte der kath.-konservative Tessiner Staatsrat und spätere Bundesrat Giuseppe Lepori 1952 die Öffnung der Schweiz gegenüber Europa sowie die Solidarität mit anderen Völkern zu den Hauptaufgaben der G. Für den Katalog schweiz. Grundwerte standen fortan auch Rechts- und Sozialstaat, Neutralität und starke Milizarmee.

Im Balanceakt zwischen der Stärkung der eigenen demokrat. Werte und dem Antikommunismus nahm in den 1950er Jahren der Abwehrgedanke und damit ein enger geistiger und polit. Isolationismus überhand. 1956 wurde die Dienststelle Heer und Haus wieder errichtet, 1959 entstand die Arbeitsgemeinschaft für G. (AGGLV), welche beide die G. in Volk und Armee verstärken wollten. Gegen den Ausbau der G. opponierten kulturelle und intellektuelle Kreise, welche wie etwa Jean Rudolf von Salis der G. geistige Bevormundung und Gesinnungsschnüffelei vorwarfen und sie als überholt ablehnten. Da auch der Bundesrat sie nicht mehr fördern wollte, wurde sie schrittweise liquidiert: 1962 löste sich die AGGLV auf, und Pro Helvetia und NHG stellten ihre Zusammenarbeit mit der Sektion Heer und Haus ein, welche ihrerseits die Tätigkeit auf die Förderung des Wehrwillens und die psycholog. Kriegsführung einschränkte.

In den ausgehenden 1960er Jahren wurde die G. von der Jungen Linken als Instrument der ideolog. Indoktrination und gesellschaftl. Disziplinierung scharf kritisiert. Als im Zivilverteidigungsbuch des EJPD von 1969 die Bedeutung der G. im revolutionären Krieg nochmals betont wurde, brach ein Sturm der Entrüstung los, worauf man von offizieller Seite von der G. endgültig Abschied nahm.

In der Historiografie wurde die G. ab den 1970er Jahren negativ beurteilt und auf die rechtsbürgerl. Spielart reduziert. Sie wurde als "helvet. Totalitarismus" oder als "demokrat. Totalitarismus" gar in Faschismusnähe gerückt und zur Chiffre für Réduit, Nationalismus, Engstirnigkeit und Heimattümelei. Rechtsbürgerl., zuweilen sogar rechtsextreme Werte wurden mit der G. konnotiert. Erst in den 1990er Jahren brach die Geschichtswissenschaft die Reduktion der G. auf ihre rechtskonservative Variante auf und arbeitete die antitotalitäre Stossrichtung und ihr politisch breites Spektrum heraus. Eine Gesamtdarstellung der G. steht noch aus.


Quellen
P. Etter, G., 1937
– «Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Organisation und die Aufgaben der schweiz. Kulturwahrung und Kulturwerbung vom 9.11.1938», in Bundesbl. 90, Bd. 2, 1938, 985-1053
– «G. Lepori, La difesa spirituale del paese, nei suoi presuppositi e nei suoi metodi», in Civitas 7, 1952, 364-373
Literatur
– O.F. Fritschi, G. während des Zweiten Weltkrieges, 1972
– A. Lasserre, Schweiz: Die dunkeln Jahre, 1992 (franz. 1989)
– I. Perrig, G. im Kalten Krieg, 1993
– T. Mäusli, Jazz und G., 1995
– J. Mooser, «Die "G." in den 1930er Jahren», in SZG 47, 1997, 685-708, (mit Bibl.)
– M. Piattini, La Radio della Svizzera italiana al tempo della "difesa spirituale" (1937-1945), 2000
– R. Löffler, «"Zivilverteidigung" - die Entstehungsgesch. des "roten Büchleins"», in SZG 54, 2004, 173-187

Autorin/Autor: Marco Jorio