Grütliverein

Der Schweiz. G. war ein bedeutender patriot. Verein, der hauptsächlich Handwerksgesellen und im Lauf der Zeit immer mehr Arbeiter an sich band und so - im internat. Vergleich ohne Parallelen - die Entwicklung der schweiz. Arbeiterbewegung im 19. Jh. beeinflusste, v.a. im Sinn einer sozialen bzw. nationalen Integration. Er wurde 1838 in Genf als Diskussionsverein gegründet. Johannes Niederer prägte den Namen G. mit der Perspektive, "dass aus dieser Vereinigung von Schweizern ohne Unterschied der Kantone dereinst etwas Grossartiges entstehen kann, wie einst die Schweiz aus dem Grütli hervorgegangen ist". Albert Galeer überhöhte das Selbstverständnis der Grütlianer in seiner programmat. Schrift "Der moral. Volksbund und die freie Männerschule oder der G." (1846). Vom Dt. Arbeiterverein in Genf (Deutsche Arbeitervereine) übernahm Galeer wesentl. Elemente der Infrastruktur, die den G. während des 19. Jh. prägten und für die wandernden Handwerksgesellen in der Fremde attraktiv machten: Lokal, Bibliothek, Zeitungen und Unterricht. Nach dem Motto "Durch Bildung zur Freiheit" diente die Schulung dem Erreichen der Unabhängigkeit als Handwerksmeister und Bürger. Mit patriot. Zielen verbunden waren Übungen in Gesang, Turnen, Schiessen und Theaterspiel sowie Feste. Die radikal-demokrat. Organisationskultur des G.s kompensierte die Schwierigkeit polit. Betätigung ebenso wie Vereinsinstitutionen (u.a. Reiseunterstützung, Hilfe bei Krankheit, Sektionssparkassen) soziale Benachteiligungen. So erfüllte der Verein in der Fremde die Funktion einer "zweiten Heimat". Die breite Palette an Angeboten dieses polyfunktionalen Vereinstypus verliehen ihm eine im Vergleich mit anderen Arbeiterorganisationen des 19. Jh. erstaunl. Stabilität. In den Jahren um die Bundesstaatsgründung breitete er sich rasch aus und entwickelte seine spezif. Mitgliederstruktur, in der die Handwerksgesellen dominierten, die aber auch Handwerksmeister, Angestellte und Beamte, Fabrikarbeiter, Landwirte sowie vereinzelt Kleinunternehmer und Akademiker umfasste. 1851 wies er 34 Sektionen und 1'282 Mitglieder auf.

Die Identifikation mit einem starken Zentralstaat entsprach den Interessen der wandernden Handwerksgesellen, die wegen ihrer Mobilität in den Kantonen rechtlich benachteiligt waren. Vereinsverbote scheiterten 1844 in der Stadt Luzern und 1852 im Kt. Bern. Mit der Gründung der sozialist. Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) 1864 wurde das bis dahin im G. dominierende Handwerkerselbstverständnis in Frage gestellt. Einen Beitritt zur IAA verwarf er zwar 1868, die "Arbeiterfrage" und die neuen Kampfformen wurden jedoch diskutiert. V.a. die "Selbsthilfe"-Debatte erhielt Auftrieb: 1872 wurde eine zentralisierte Krankenkasse gegründet, die 1995 in die Visana eingegangene Grütli. Aus der Krise, in welche die Konkurrenz der IAA den G. gestürzt hatte, rettete ihn die Demokratische Bewegung. Mit dem Konzept, die soziale Frage auf dem nationalen Boden der radikal-demokrat. Republik zu lösen, liess sich der sozialutopisch verstandene Rütlischwurmythos des G.s gegen die "neuen Vögte" aktualisieren. Nach der Bundesverfassungsrevision von 1874 im Sinn der Demokrat. Bewegung wurde die polit. Orientierung für den G. endgültig zur Zerreissprobe. Dahinter stand u.a. das Problem fortschreitender Proletarisierung der Gesellen. Die Klassenharmonie im Verein war bedroht, und der Konflikt entzündete sich an dessen Stellung gegenüber den Arbeiterorganisationen, in denen ausländ. Vereine dominierten. Zwar hiess der G. 1878 das "Programm der Sozialdemokrat. Partei der Schweiz" gut, lehnte aber den Zusammenschluss mit dem alten Schweiz. Arbeiterbund zur gemeinsamen Partei ab. Nach enttäuschenden Erfahrungen mit demokratischen, in der Westschweiz mit freisinnigen Partnern wirkten in den 1880er Jahren Grütlisektionen bei der Gründung selbstständiger Arbeiterparteien und Gewerkschaften mit. Die Vereinsführung suchte bis in die 1890er Jahre mit einem sozialreformer. Programm im Bündnis mit linksbürgerl. Gruppierungen die polit. Führung der Arbeiterbewegung zu übernehmen. Quantitativ erreichte der G. 1890 seinen Höhepunkt mit 353 Sektionen und 16'391 Mitgliedern. 1901 fusionierte er mit der Sozialdemokratischen Partei (SP), behielt jedoch die selbstständige Organisation bei und wehrte sich gegen die vollständige Integration in die Partei mit dem Austritt 1916. Mit der halbierten Mitgliederzahl fristete der Verein ein Schattendasein, bis er 1925 den Sektionen den Übertritt in die SP empfahl. Das Vereinsorgan "Der Grütlianer" bestand 1851-1925, das französischsprachige "Le Grutli" 1862-71 und 1888-1943.


Literatur
– Gruner, Arbeiter
– Gruner, Arbeiterschaft
– F. Müller, Vom liberal-demokrat. Handwerksgesellen zum sozialdemokrat. Arbeiter, Liz. Zürich, 1980

Autorin/Autor: Felix Müller (Zürich)