Richtlinienbewegung

Bei der R. handelt es sich einerseits um ein Forum für polit. Diskussionen über alte Parteilager und ideolog. Grenzen hinweg, andererseits um eine Bewegung für eine neue Mitte-Links-Mehrheit vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der Bedrohung durch die Diktaturen. Sie basierte auf dem Grundgedanken eines Interessenausgleichs zwischen Arbeitnehmern und Bauern. Ab Sommer 1936 erarbeiteten die bei der 1935 verworfenen Kriseninitiative führenden Organisationen SGB, VSA, SVEA und Bauernheimatbewegung "Richtlinien für den wirtschaftl. Wiederaufbau und die Sicherung der Demokratie". Darin verlangten sie staatspolitisch die Abkehr vom Dringlichkeitsregime, wirtschaftspolitisch die Beendigung des Lohnabbaus für Arbeitnehmer und des Preisabbaus für Bauern, Arbeitsbeschaffung für das Gewerbe sowie Exportförderung für die Industrie, finanzpolitisch eine Steuerreform sowie sozialpolitisch bessere Unterstützung der Arbeitslosen und die Einführung der AHV. Als Grundsätze galten die vorbehaltlose Anerkennung der Demokratie (gegen Kommunisten und die extreme Rechte), die Bejahung der militär., wirtschaftl. und Geistigen Landesverteidigung sowie religiöse Toleranz. Mit der Bestätigung durch den SGB-Kongress im Okt. 1936 wurde das Programm bekannt. Am 3.2.1937 erfolgte die Konstituierung der R. Zu den Gründern stiessen die Nationale Aktionsgemeinschaft (diverse Arbeitnehmerorganisationen), der Föderativverband des Personals öffentl. Verwaltungen und Betriebe, die SPS, kantonale Demokrat. Parteien, die Schaffhauser Bauernpartei, der Schweiz. Freiwirtschaftsbund und die Arbeitsgemeinschaft junger Katholiken. Während die angefragte FDP ablehnte, wurde die KPS abgewiesen. Die R. trat mit Aufrufen und Eingaben, v.a. aber mit der 1938 mit fast 290'000 Unterschriften eingereichten Volksinitiative zur Beendigung des Dringlichkeitsregimes hervor, die sie Ende 1938 zugunsten eines Gegenvorschlags zurückzog. Doch bereits in diesem Jahr hatten sich die inneren Differenzen verschärft und Reorganisationsversuche - u.a. im Frühling 1939 mit einem Sofortprogramm - scheiterten. 1940 tagte das Grosse Komitee der R. zum letzten Mal.


Literatur
– B. Ruffieux, La Suisse de l'entre-deux-guerres, 1974, 324-329
– P. Morandi, Krise und Verständigung, 1995

Autorin/Autor: Bernard Degen