• <b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Plakat von  Paul Wyss   für die eidgenössischen Wahlen vom Oktober 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Das Plakat erinnert an das Eingreifen der Armee gegen die Streikenden in den Jahren 1918 und 1919, hauptsächlich während des Landesstreiks vom November 1918. Um seinem Plakat mehr Ausdruckskraft zu verleihen, verwendete der Künstler Stilelemente des Kubismus.
  • <b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Plakat von  Carl Scherer   für die eidgenössischen Wahlen von 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
  • <b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Quellen: Angaben von Bernard Degen; Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880-1914, hg. von E. Gruner, Band 3, 1988   © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Die SP war als einzige der grossen Parteien immer stark auf die Beiträge ihrer Mitglieder angewiesen, weshalb sie über eine weit zurückreichende Mitgliederstatistik verfügt. Bis 1979 wurde diese aufgrund des Verkaufs der (Quittungs-)Marken zusammengestellt. Dann erfolgte der Wechsel zu einem neuen Beitragssystem. Seit 1995 verfügt die SP über ein zentrales Mitgliederregister. Weil v.a. in den frühen Jahren die Meldungen der Sektionen oft Fehler enthielten, gibt es für einzelne Jahre unterschiedliche Zahlen, die aber das Gesamtbild kaum verändern.
  • <b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Quelle: Angaben von Bernard Degen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Vom Ende des 1. Weltkriegs bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verfügte die Sozialdemokratische Partei in ihren Hochburgen über eine ausgebaute Parteipresse. Das 1969 eingeleitete Vorhaben, die deutschschweizerischen Titel im AZ-Ring zusammenzufassen, scheiterte 1973.

Sozialdemokratische Partei (SP)

Die SP entstand - vor dem Hintergrund der Industrialisierung und der Sozialen Frage - in einem langen Prozess im Rahmen der Arbeiterbewegung und blieb bis Ende des 20. Jh. eng mit den Gewerkschaften verbunden. Im 20. Jh. entwickelte sie sich von einer sozialist. (Sozialismus) zu einer sozialreformer. Partei. Seit 1959 ununterbrochen im Bundesrat vertreten, steht die SP trotzdem mitunter in Opposition zu den anderen Regierungsparteien.

1 - Anfänge

Gegen Mitte des 19. Jh. tauchten meist auf lokaler Ebene Gruppierungen auf, die polit. Anliegen der Arbeiter vertraten. Es handelte sich nicht um Parteien, sondern um Organisationen, bei denen Bildung, gegenseitige Unterstützung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder Geselligkeit im Vordergrund standen und die bei Wahlen und Abstimmungen vorübergehend eine Parteifunktion übernahmen. Dabei traten sie unter versch. Bezeichnungen auf, oft schlicht als Arbeiterpartei, aber auch als Sozialdemokraten, Sozialisten oder Kommunisten - Begriffe, die anders als im 20. Jh. keine ideolog. Differenzierung erlaubten. Pierre Coullery (1849) in Bern sowie Johann Jakob Treichler (1850) und Karl Bürkli (1851) in Zürich schafften als erste Vertreter der Arbeiterbewegung den Einzug in ein Kantonsparlament. Eigene Schwäche und das Mehrheitswahlrecht erlaubten bis gegen Ende des 19. Jh. Sitzgewinne meist nur mit Wahlbündnissen. Dabei ergab sich mit dem bürgerl. Radikalismus einerseits früh eine z.T. anhaltende Zusammenarbeit, hatten dessen Vertreter doch die Verwirklichung der populärsten Forderungen ausländischer sozialdemokrat. Parteien - v.a. das allg., gleiche direkte Stimm- und Wahlrecht für Männer - mit der Bundesverfassung von 1848 durchgesetzt. Andererseits bildete sich unter diesen Bedingungen eine eigenständige Arbeiterpartei erst relativ spät; die Sozialist. Arbeiterpartei Deutschlands, die Vorgängerin der Sozialdemokrat. Partei Deutschlands, war 1875 aus dem 1863 gegr. Allgemeinen Dt. Arbeiterverein und der 1869 gegr. Sozialdemokrat. Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP) hervorgegangen. Ein vom dt. Vorbild angeregter Gründungsversuch scheiterte 1870. Nach Auflösung des Schweizerischen Arbeiterbunds 1880 gelang wohl die Gründung des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds; die parallel dazu ins Leben gerufene SP, die sich am Eisenacher Programm der SDAP von 1869 orientierte, scheiterte dagegen. Parteiähnl. Arbeitervereine bestanden damals in Genf, Bern, Basel, Zürich, Glarus, Graubünden und in der Uhrenregion Jura.

Die durch die fehlende SP bedingte polit. Lücke wurde in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. von zwei Seiten geschlossen. Der Grütliverein bewegte sich nach links und bekannte sich 1892 ideologisch, nicht aber organisatorisch zur Sozialdemokratie. Die Arbeiterunionen beteiligten sich an Wahlen und bildeten dazu Strukturen, die teilweise faktisch einer SP entsprachen. Ein solches Vorgehen erwies sich bis zum 1. Weltkrieg als vorteilhaft, weil die Arbeiterunionen dank den Gewerkschaften über die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen verfügten.

Autorin/Autor: Bernard Degen

2 - Die partielle Etablierung in den politischen Institutionen

Die dauerhafte Gründung einer schweiz. SP gelang 1888. Das vom ehem. Freisinnigen Albert Steck - der keine Verbindung mit dem internat. Sozialismus unterhielt - entworfene Programm beinhaltete als Leitgedanken die Organisation der Wirtschaft durch das Volk in Form von Verstaatlichung auf dem Weg von Reformen. Bedeutend verstärkt wurde die SP 1901, als sie sich in der sog. Solothurner Hochzeit mit dem Grütliverein vereinigte. Beide Partner behielten aber eigene Strukturen, was zu Reibereien führte. Nachdem die SP 1915 die Auflösung der zentralen Strukturen des Grütlivereins verlangt hatte, beschloss dieser 1916 den Parteiaustritt. Weil sich die SP im Aufwind befand, zeitigte dieser Schritt wenig Wirkung. Die z.T. heftigen Auseinandersetzungen bei Streiks vergrösserten nach 1900 die Distanz der SP zu den bürgerl. Parteien allgemein und insbesondere auch zum radikalen Flügel des Freisinns. Diese kam im marxistisch geprägten Parteiprogramm 1904 zum Ausdruck, das erstmals den proletar. Klassenkampf und die Überführung der Produktionsmittel aus dem Privat- in den Gesellschaftsbesitz enthielt (Marxismus).

<b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Plakat von  Paul Wyss   für die eidgenössischen Wahlen vom Oktober 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Das Plakat erinnert an das Eingreifen der Armee gegen die Streikenden in den Jahren 1918 und 1919, hauptsächlich während des Landesstreiks vom November 1918. Um seinem Plakat mehr Ausdruckskraft zu verleihen, verwendete der Künstler Stilelemente des Kubismus.<BR/><BR/>
Plakat von Paul Wyss für die eidgenössischen Wahlen vom Oktober 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Parteipräsidenten SP
1888-1890Alexander Reichel (1853-1921)
1890-1891Albert Steck (1843-1899)
1891-1893Eugen Wullschleger (1862-1931)
1893-1895Wilhelm Fürholz (1850-1919)
1896-1897Karl Zgraggen (1861-1929)
1897-1898Paul Brandt (1852-1910)
1898-1902Otto Lang (1863-1936)
1902-1903Josef Albisser (1868-1943)
1903-1909Gottfried Reimann (1862-1909)
1909-1910Eduard Kessler (1864-1926)
1911-1912Johann Näher (1854-1936)
1912-1916Fritz Studer (1873-1945)
1916-1917Emil Klöti (1877-1963)
1918Jakob Gschwend (1882-1952)
1919Gustav Müller (1860-1921)
1919-1936Ernst Reinhard (1889-1947)
1936-1952Hans Oprecht (1894-1978)
1952-1962Walther Bringolf (1895-1981)
1962-1970Fritz Grütter (1901-1984)
1970-1975Arthur Schmid (*1928)
1975-1990Helmut Hubacher (*1926)
1990-1997Peter Bodenmann (*1952)
1997-2000Ursula Koch (*1941)
2000-2004Christiane Brunner (*1947)
2004-2008Hans-Jürg Fehr (*1948)
2008-Christian Levrat (*1970)

Quellen:Bernard Degen; SP

Gegen Ende des 19. Jh. etablierte sich die SP zunehmend in polit. Institutionen, wobei sie Mandate nicht selten unter anderen Bezeichnungen wie z.B. Grütliverein oder Arbeiterunion erreichte. Den ersten Sitz im Nationalrat eroberte Jakob Vogelsanger 1890 in Zürich. Es folgten Sitze in kommunalen Exekutiven (Zürich 1892, Bern 1895). Bereits vor dem 1. Weltkrieg stellte die SP in einigen Gem. die Mehrheit (1904 Neuhausen am Rheinfall, 1912 La Chaux-de-Fonds und Le Locle) oder den Gemeinde- bzw. Stadtpräsidenten (Biel 1907). Auch in Kantonsregierungen zog sie um die Jahrhundertwende erstmals ein (1897 Zürich und Genf, 1902 Basel-Stadt), was nicht selten zu heftigen innerparteil. Konflikten führte, v.a. bei Polizei- und Militäraufgeboten gegen Streikende.

<b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Plakat von  Carl Scherer   für die eidgenössischen Wahlen von 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat von Carl Scherer für die eidgenössischen Wahlen von 1919 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Im Unterschied zu den bürgerl. Parteien integrierte die SP auch Ausländer und Frauen. Der Schweizerische Arbeiterinnenverband trat 1912 der SP bei und löste sich 1917 ganz auf. Als erste Partei forderte die SP am Parteitag 1912 das Frauenstimmrecht. Entsprechende Vorstösse reichte sie 1913 (Motion Huber), 1918 (Motion Greulich) und 1944 (Postulat Oprecht) im eidg. Parlament ein, die allerdings erfolglos blieben. V.a. nach dem 1. Weltkrieg unternahmen versch. Kantonalparteien ähnl. Schritte.

Autorin/Autor: Bernard Degen

3 - Zeit der Weltkriege: Ausgrenzung und Integration

Zu Beginn des 1. Weltkriegs stellte sich die SP - wie die meisten Bruderparteien im Ausland - hinter die Regierung. Dieser Burgfrieden hielt aber nicht lange, weil die Behörden die Versorgung der ärmeren Bevölkerung vernachlässigten (Kriegswirtschaft, Rationierung) und den Eingaben von SP und Gewerkschaften kaum Beachtung schenkten. Weil die 2. Internationale bei Kriegsbeginn auseinandergebrochen war, übernahmen Robert Grimm und andere führende Rollen in der Koordination sozialist. Kriegsgegner mehrerer europ. Länder (Zimmerwalder Bewegung). V.a. mit der Armee gerieten die Arbeiterorganisationen in Konflikt, einerseits weil die langen Aufgebote bei fehlendem Erwerbsersatz (Erwerbsersatzordnung) Arbeiterfamilien rasch in Not stürzten, andererseits weil die Soldaten viele Massnahmen der preussisch geprägten Armeespitze als Schikane empfanden und die Armee als Ordnungsmacht in sozialen Konflikten einschritt. Bereits 1915 wurde eine Volksinitiative zur Abschaffung der Militärjustiz beschlossen, die 1921 in der Volksabstimmung klar unterlag. Am Parteitag 1917 lehnte die SP die militär. Landesverteidigung grundsätzlich ab. In der Folge verweigerte sie im Parlament bis 1932 das Militärbudget. Im Oltener Aktionskomitee, das im Landesstreik vom Nov. 1918 die Streikleitung bildete, war die SP mit vier Personen vertreten, welche ein distanziertes Verhältnis zur - ihrer Ansicht nach sich zu passiv verhaltenden - Parteileitung pflegten.

Nach dem Krieg entbrannte in der SP wie in den meisten europ. Bruderparteien ein heftiger Richtungskampf, dessen vordergründiger Anlass das Verhältnis zur 1919 gegr. Komintern bot. In zwei Urabstimmungen lehnte die Basis 1919 und 1921 einen Beitritt ab. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen verliess die Parteilinke 1920 den Parteitag und konstitutierte sich im März 1921 als Kommunistische Partei. Der Parteitag der SP von 1920 billigte ein neues Programm, das die Kapitalismusanalyse von 1904 durch eine Imperialismuskritik ergänzte, die bürgerl. Demokratie aufgrund der schlechten Erfahrungen im Krieg weit negativer einschätzte, Massenaktionen und polit. Streiks als Kampfmittel billigte und nach der Eroberung der Macht eine Diktatur des Proletariats vorsah, die ausdrücklich nicht als Minderheitsregime verstanden wurde.

Im Verlauf der 1920er Jahre wurde die SP immer stärker. Aus den Nationalratswahlen 1928 ging sie erstmals als wählerstärkste Partei hervor. In städt. Exekutiven erzielte sie ebenfalls Fortschritte, aus denen die linke Mehrheit in Parlament und Regierung in der Stadt Zürich 1928 ("Rotes Zürich") herausragte. Bis Ende der 1920er Jahre zog sie in acht Kantonsregierungen ein. Nach dem Wahlerfolg von 1928 erhob sie Anspruch auf einen Sitz in der Landesregierung und beteiligte sich ab 1929 mit eigenen Kandidaten an den Bundesratswahlen.

Von der Weltwirtschaftskrise erhoffte sich die SP zunächst einen deutl. Gewinn an Anhängern und die Möglichkeit zu wirtschaftl. Strukturreformen. Der blutige Ausgang der Genfer Unruhen begrub allerdings Ende 1932 diese Hoffnungen. Der Aufschwung der Frontenbewegung und deren anfängl. Zusammenarbeit mit bürgerl. Parteien (Frontenfrühling) rückte die Sorge um die Demokratie in den Vordergrund. Nachdem sich in Deutschland das NS-Regime etabliert hatte, änderte die SP 1935 in ihrem Programm die Punkte, die Allianzen mit bürgerl. Parteien am meisten erschwert hatten: Sie strich die Diktatur des Proletariats und bekannte sich zur militär. Landesverteidigung. Neben dem Konzept einer Linksregierung (Richtlinienbewegung) gewann dasjenige einer Koalitionsregierung mit der bürgerl. Mitte an Bedeutung - eine auch im Ausland verbreitete und z.T. selbst von Kommunisten gebilligte Vorstellung (Volksfront). Trotz der programmat. Konzessionen gewann die SP nur wenige zusätzliche kant. Regierungssitze und wurde von der bürgerl. Parlamentsmehrheit weiterhin vom Bundesrat ferngehalten.

Der 2. Weltkrieg führte zunächst zu einem inneren Konflikt in der SP, die mehrheitlich mit den anderen demokrat. Kräften klar gegen totalitäre Tendenzen und Regime Stellung bezog. Weil Léon Nicole zu Kriegsbeginn die sowjet. Strategie - d.h. den Hitler-Stalin-Pakt - billigte, wurde er im Sept. 1939 aus der SP ausgeschlossen. Ihm folgte ein Grossteil der Sozialisten in Genf und in der Waadt, die schon lange mit der schweiz. Partei im Streit lagen. Sie bildeten die Fédération socialiste suisse (FSS), die 1941 vom Bundesrat verboten und deren vier Nationalräte abgesetzt wurden. Im Gegensatz zu anderen europ. Ländern wurde in der Schweiz vorerst trotz mehrerer Rücktritte von Bundesräten keine die SP einschliessende Landesregierung gebildet. Erst nachdem die Linke nach den dt. Niederlagen im Winter 1942-43 starken Auftrieb erhalten und bei den eidg. Wahlen 1943 Stimmengewinne erzielt hatte, setzte ein Umdenken ein. Ende 1943 wurde Ernst Nobs als erster Sozialdemokrat zum Bundesrat gewählt. Diese Einbindung öffnete 1944 auf der Linken den Raum für die neue Partei der Arbeit (PdA), der sich neben Kommunisten, der FSS und Parteilosen auch ein Teil des linken Flügels der SP - darunter der Basler Regierungsrat Carl Miville (1891-1981) - anschloss.

<b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Quellen: Angaben von Bernard Degen; Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880-1914, hg. von E. Gruner, Band 3, 1988   © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Die SP war als einzige der grossen Parteien immer stark auf die Beiträge ihrer Mitglieder angewiesen, weshalb sie über eine weit zurückreichende Mitgliederstatistik verfügt. Bis 1979 wurde diese aufgrund des Verkaufs der (Quittungs-)Marken zusammengestellt. Dann erfolgte der Wechsel zu einem neuen Beitragssystem. Seit 1995 verfügt die SP über ein zentrales Mitgliederregister. Weil v.a. in den frühen Jahren die Meldungen der Sektionen oft Fehler enthielten, gibt es für einzelne Jahre unterschiedliche Zahlen, die aber das Gesamtbild kaum verändern.<BR/>
Mitgliederzahlen der Sozialdemokratischen Partei

Sitze und Stärke der SP bei nationalen Wahlen
JahrStänderatNationalratWähleranteil in %
1919 4123,5
192214323,3
192524925,8
1928 5027,4
193124928,7
193535028,0
193934525,9
194355628,6
194754826,2
195144926,0
195555327,0
195945126,4
196335326,6
196725023,5
197144622,9
197555524,9
197995124,4
198364722,8
198754118,4
199134118,5
199555421,8
199965122,5
200395223,3
200794319,5
2011114618,7
2015124318,8

Quellen:BFS

Autorin/Autor: Bernard Degen

4 - Die Bundesratspartei der Nachkriegszeit

Nach dem Krieg erlebte die Linke verglichen mit dem Ausland einen bescheidenen Aufschwung, von dem v.a. die PdA profitierte. In der SP machte sich Enttäuschung über die Bundesratsbeteiligung breit. Als 1953 der 1951 als Nobs Nachfolger gewählte Max Weber nach einer verlorenen Volksabstimmung überraschend zurücktrat, empfanden das viele Parteimitglieder als Erleichterung. Die SP fand allerdings in den folgenden sechs Jahren ohne Vertretung im Bundesrat nicht mehr zu einer wirkungsvollen Oppositionspolitik zurück. Ihre Positionen unterschieden sich kaum mehr von denen der Regierungsparteien. Im Kalten Krieg unterstützte sie die geistige Landesverteidigung und war antisowjetisch sowie antikommunistisch (Antikommunismus). Für eine neue Generation von Sozialdemokraten ersetzte der steigende Lebensstandard die alten Ideale eines entscheidenden Einflusses auf die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die parallel zu entsprechenden Entwicklungen im Ausland verlaufenden Bemühungen um eine Revision der Grundsätze mündeten 1959 in einem Programm, das auf bescheidene Reformen im Rahmen des Kapitalismus ausgerichtet war. Um den zentralen Begriff Mensch wurden Forderungen wie Produktivitätssteigerung, Vollbeschäftigung, gerechte Verteilung, Demokratisierung, Steuergerechtigkeit, Konjunktursteuerung, soziale Sicherheit, Chancengleichheit usw. gruppiert. Als gemässigte Oppositionspartei zog die SP 1959 erneut in den Bundesrat ein, diesmal mit zwei Vertretern (Willy Spühler, Hans Peter Tschudi).

In den 1960er Jahren erlaubte die gute Konjunktur den Ausbau der Infrastruktur (u.a. Nationalstrassen) und der Sozialversicherungen, beides Bereiche, für die Tschudi zuständig war. Dies ermöglichte es der SP, sich als Partei der Modernisierung zu profilieren. Die Kritik an gesellschaftl. Missständen in der Schweiz überliess sie anderen, dem Landesring der Unabhängigen, den neuen ausländerfeindl. Gruppierungen (u.a. Nationale Aktion), dem Nonkonformismus und gegen Ende der 1960er Jahre der Jugend- und Studentenbewegung. In den eidg. Wahlen 1967 und 1971 erlitt sie starke Wählereinbrüche. Im Tessin spaltete sich 1969 auf der Linken der Partito socialista autonomo ab, der nach beachtl. Erfolgen 1992 in die Mutterpartei zurückkehrte.

Nachdem die SP der Neuen Linken (Linksradikalismus) zunächst verständnislos oder gar ablehnend gegenübergestanden hatte, nahm sie deren Anliegen ab den 1970er Jahren auf, und Aktivisten der sog. Neuen Sozialen Bewegungen schlossen sich ihr an. Die Rezession rückte ab 1974 vorübergehend die Kernkompetenz der SP, die polit. Aufarbeitung sozialer Notlagen, in den Vordergrund, was sich in einem Zwischenhoch in der Wählergunst auswirkte. Dann aber prägten Konflikte zwischen dem ganz auf Integration setzenden rechten Flügel und den mit Themen wie Umwelt, Pazifismus oder Feminismus oppositionell politisierenden neuen Strömungen die SP. So beschloss der Parteitag 1976 eine Programmrevision auf der Basis eines Bruchs mit dem Kapitalismus. Das Programm von 1982 nahm diese Formel ebenso auf wie einige neue Themen, artikulierte aber die Gesellschaftskritik stark auf der Ebene der Betroffenheit. Mit den Volksinitiativen für die Einführung einer Reichtumssteuer von 1974 und gegen den Missbrauch des Bankgeheimnisses und der Bankenmacht von 1978 trat die SP wieder offen gegen mächtige Kapital- und Wirtschaftsinteressen an, erlitt aber in den Volksabstimmungen 1977 und 1984 Niederlagen.

In den 1980er Jahren öffnete sich die SP noch weiter gegenüber Anliegen der Neuen Sozialen Bewegungen und der Grünen Parteien, was ihr in einer ersten Phase Wählerverluste und bei den eidg. Wahlen 1987 schliesslich den tiefsten Wähleranteil seit der Einführung des Proporzes bescherte. Der rechte Flügel fühlte sich durch diese Entwicklung marginalisiert; in einzelnen Kantonen traten seine Vertreter aus und gründeten die Demokratisch-Soziale Partei, die in Basel von 1982 bis 2009 bestand, anderenorts aber keine grossen Erfolge verzeichnen konnten. Die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen als Bundesrätin, der ersten für dieses Amt vorgeschlagenen Frau, führte Ende 1983 zu einer Grundsatzdiskussion über die Regierungsbeteiligung, ein Thema, das fortan immer wieder auftauchte, u.a. auch 1993 bei der Nichtwahl der Bundesratskandidatin Christiane Brunner. Innerparteilich besassen Frauen eine starke Stellung, besetzten sie doch z.B. 1997 gleichzeitig das Parteipräsidium, das Fraktionspräsidium und die Leitung des Zentralsekretariats. Noch zu Beginn des 21. Jh. verfügten regionale (Sektionen, Kantonalparteien) und institutionell bedingte Strukturen (Parlamentsfraktion, Regierungsmitglieder) über grosse Autonomie. Die Zentrale ist wie bei den anderen Parteien schwach, und selbst Parteitagsbeschlüsse binden Mandatsträger nicht. Spätestens seit den 1990er Jahren ist die SP bezüglich Mitglieder wie Wählerschaft eine Partei der mittleren Angestellten, v.a. solcher des öffentl. Sektors, und der Intellektuellen. Im Gegensatz zu den übrigen grossen Parteien finanziert sich die SP mehrheitlich über Mitgliederbeiträge.

<b>Sozialdemokratische Partei (SP)</b><br>Quelle: Angaben von Bernard Degen  © 2017 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Vom Ende des 1. Weltkriegs bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verfügte die Sozialdemokratische Partei in ihren Hochburgen über eine ausgebaute Parteipresse. Das 1969 eingeleitete Vorhaben, die deutschschweizerischen Titel im AZ-Ring zusammenzufassen, scheiterte 1973.<BR/>
Die wichtigsten sozialdemokratischen Pressetitel

Quellen und Literatur

Archive
– Sozarch
Literatur
– F. Masnata, Le parti socialiste et la tradition démocratique en Suisse, 1963
– Gruner, Arbeiter
– O. Scheiben, Krise und Integration, 1987
Solidarität, Widerspruch, Bewegung, 1988
– Gruner, Arbeiterschaft 3
– B. Degen, Sozialdemokratie, 1993
– J. Wicki, "On ne monte pas sur les barricades pour réclamer le frigidaire pour tous": histoire sociale et politique du parti socialiste vaudois (1945-1971), 2007

Autorin/Autor: Bernard Degen