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Katholisch-Konservative

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Bis in die 1960er Jahre meinte die Bezeichnung K. in Anlehnung an die Fraktion der Bundesversammlung die Parteirichtung des polit. Katholizismus in der Schweiz. Nach der Gründung des Bundesstaats 1848 existierte in den eidg. Räten unter der Führung des Luzerner Nationalrats Philipp Anton von Segesser eine kleine Gruppe, die sich als konservative Gesinnungsgemeinschaft verstand und in den Debatten als kath.-konservative "Rechte" auftrat, aber wie die Freisinnigen weder ein formelles Organisationsstatut noch ein Programm besass. 1882 erfolgte die offizielle Gründung der Fraktion. Die Einführung des fakultativen Referendums 1874 hatte die Bildung gesamtschweizer. Landesparteien nahegelegt, um entsprechende Abstimmungskampagnen besser organisieren zu können. Die Gründungsversuche scheiterten jedoch jahrzehntelang an der föderalist. Struktur der Schweiz. Im kath. Lager bildete der Interessenkonflikt zwischen den Stammlanden und der Diaspora ein zusätzl. Hindernis: Ausserhalb der Stammlande - im Wesentlichen mit den ehemaligen Sonderbundskantonen Luzern, Freiburg, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug und Wallis identisch - reichte die Stellung der K. von der dominierenden Regierungs- bis hin zur bedeutungslosen Oppositionspartei. Zudem manifestierten sich in der Partei zwei Richtungen, eine kath.-konfessionelle ultramontane und eine polit.-konservative: In der Innerschweiz dominierte der konservative Flügel mit der Luzerner Zeitung "Vaterland", in der Diaspora und in Freiburg der kath. Flügel mit "La Liberté". Nach der 1874 gegründeten kurzlebigen Association conservatrice suisse, nannten die K.n ihre Partei 1881 Konservative Union, 1894 Katholische Volkspartei, 1912 Konservative Volkspartei, nachdem auch Epitheta wie "schweizerisch" und "christlich" zur Diskussion gestanden hatten. 1957 nannte sich die Partei Konservativ-christlichsoziale Volkspartei; seit 1970 heisst sie Christlichdemokratische Volkspartei (CVP).

1830-80 beherrschte der Kulturkampf die schweiz. Politik. Als Antagonisten standen sich ab der Mitte des 19. Jh. die radikal-liberalen und die kath.-konservativen Bewegungen gegenüber (Parteien). In den 1840er Jahren fiel die urspr. überkonfessionelle Allianz der Konservativen auseinander (Konservatismus). Die Konfessionalisierung der Politik, die im Sonderbundskrieg von 1847 und in der Verfassungsabstimmung von 1874 ihren Höhepunkt erreichte, förderte die parteipolit. Isolierung der K.n. (Konfessionalismus). Als Ultramontane, Römlinge und Vaterlandsfeinde verachtet und verrufen (Ultramontanismus), standen sie nach der Niederlage des Sonderbunds ohne entscheidenden Anteil an der polit. Macht weitgehend ausserhalb der nationalen Gesellschaft des Bundesstaats. Als "Eidgenossen zweiter Klasse" wurden sie vom herrschenden Freisinn in den Anfangszeiten bloss als oppositionelle Minderheit geduldet. Eine Folge dieses Inferioritätsstatus war eine Art negative Integration, der Marsch ins halb aufgezwungene, halb freiwillig gewählte Ghetto der Sondergesellschaft.

Daraus entstand die polit. Emanzipationsbewegung der Katholiken, die das kirchentreue Volk auf demokrat. Basis organisierte. Nachdem nach der Bundesstaatsgründung die kath. Regierungen als Hauptträger der kath. Staats- und Gesellschaftspolitik weggefallen waren, bedienten sich die kirchentreuen und konservativen Katholiken der Mittel des modernen Verfassungsstaats, d.h. der Presse-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit, und gründeten eine Vielzahl von Zeitungen, Vereinen und Parteien. Ihr Ziel war die polit. Gleichberechtigung im Bundesstaat. Im Gegensatz zu den polit. Programmen anderer kath. Parteien Europas anerkannte der polit. Katholizismus in der Schweiz die Demokratie von Anfang an als selbstverständl. Staatsform, umstritten war hingegen die Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen. Im Unterschied zu den Radikal-Liberalen, die ein zentralist. Programm verfolgten, traten die K.n für den föderalist. Aufbau ein. Von der Bewahrung der kant. Souveränität versprachen sie sich Schutz- und Einfluss für den kath. Bevölkerungsteil, der im Bundesstaat eine Minderheit, in versch. Kantonen jedoch die Mehrheit bildete. In ihrem kirchenpolit. Programm forderten die K.n vom Staat Freiheit für die Katholische Kirche. Der Slogan "Freie Kirche im freien Staat" meinte die Aufhebung jedes staatl. Aufsichtsrechts gegenüber Orden, Kongregationen und kirchl. Vereinen. Von ihrem religiös-weltanschaul. Standpunkt her galt der Kultur- und Schulpolitik sowie der Ehe- und Familienpolitik die besondere Aufmerksamkeit der K.n. Ende des 19. Jh. erhielten soziale und wirtschaftl. Fragen ein stärkeres Gewicht. Der christl.-soziale Flügel setzte sich für eine staatl. Sozialgesetzgebung ein, die den wirtschaftl. Liberalismus einschränken sollte (Christlichsoziale Bewegung). Dabei bildeten sich zwei Hauptrichtungen: Die eine strebte mit einem berufsständ.-korporativist. Modell einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus an (Korporativismus), die andere begnügte sich mit sozialreformer. Verbesserungen innerhalb der bestehenden kapitalist. Gesellschaftsordnung. Nach 1945 setzte sich die Letztere bei den K.n endgültig durch.

Eine wichtige Zäsur in der Parteigeschichte der K.n bildete die Totalrevision der Bundesverfassung von 1874: Über das Referendum konnte die kath.-konservative Opposition nun die parlamentar. Regierungsmehrheit des Freisinns blockieren; sie wuchs dadurch zu einem gewichtigen Faktor der nationalen Politik heran. Ab der 2. Hälfte der 1870er Jahre hatte sie durchschnittlich rund 20% der Nationalrats- und 35-40% der Ständeratssitze inne. Sollte das polit. System der Schweiz nicht unregierbar werden, mussten die Radikal-Liberalen die kath.-konservative Opposition integrieren und ihre bisherige Ausschliessungspolitik auf Bundesebene aufgeben. 1879 nahm erstmals ein Vertreter der K.n Einsitz im Bundesgericht, 1887 wurde der erste kath.-konservative Politiker Präs. des Nationalrats und damit der Vereinigten Bundesversammlung, 1891 trat mit dem Luzerner Josef Zemp zum ersten Mal ein kath.-konservativer Oppositioneller in den Bundesrat ein. Um die Jahrhundertwende liess der Druck der aufkommenden sozialist. Arbeiterbewegung die beiden hist. Gegner des 19. Jh., den Freisinn und die K.n, zusammenrücken. Allerdings behielt der Freisinn dank seiner absoluten Mehrheit in Parlament und Bundesrat weiterhin die Macht in der Hand. Erst die wirtschaftl., sozialen und kulturellen Krisen des 1. Weltkrieges, die im Landesstreik von 1918 gipfelten, brachten die Wende: Die K.n stiegen zum Juniorpartner in der Bürgerblockregierung auf und nahmen nach 1945 mit dem Programm der "christl. Demokratie" eine Schlüsselstellung im schweiz. Regierungssystem ein (Konkordanzdemokratie).


Literatur
– E.F.J. Müller-Büchi, Die alte "Schwyzer-Ztg." 1848-1866, 1962
– M. Schmid, Josef Becks Versuch einer Politik sozialer Demokratie und Verständigung, 1965
– B. Prongué, Catholicisme social, corporatisme et syndicalisme chrétien en Suisse romande 1888-1949, 1968
– R. Ruffieux, Le mouvement chrétien-social en Suisse romande 1891-1949, 1969
– U. Altermatt, Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto, 1972 (31995)
– E. Gruner, Die Parteien in der Schweiz, 21977
– H. Borner, Zwischen Sonderbund und Kulturkampf, 1981
Briefwechsel Philipp Anton von Segesser, hg. von V. Conzemius, 6 Bde., 1983-95
Religion - Politik - Gesellschaft in der Schweiz, hg. von U. Altermatt, 1987-, (Reihe mit Bänden zur Gesch. des Schweizer Katholizismus und der kath.-konservativen Partei der Schweiz)
– U. Altermatt, Katholizismus und Moderne, 1989 (21991)
– B. Wigger, Die Schweiz. Konservative Volkspartei 1903-1918, 1997

Autorin/Autor: Urs Altermatt