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Atomenergie

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A. bezeichnet die bei Atomkernreaktionen freigesetzte Energie, die sowohl militär. (Atomwaffen) als auch zivil genutzt werden kann. Die kernphysikal. Forschung in der Schweiz -- insbes. von Paul Scherrer am Physikal. Inst. der ETH Zürich (Neutronenprozesse als Träger von Kettenreaktionen) sowie von Paul Huber und Werner Kuhn an der Univ. Basel (Massenspektrometrie, Isotopentrennung) -- erreichte seit den 1930er Jahren internat. hohes Ansehen.

Am 5.11.1945 berief das Eidg. Militärdep. eine Studienkomm. für A. unter dem Vorsitz von Paul Scherrer. 1953-55 beschaffte die Kriegstechn. Abt. in einem Dreiecksgeschäft mit dem Belg.-Kongo von Grossbritannien 10 t "für Verteidigungszwecke" frei gegebenes metall. Uran. Der Bund lieh davon 5 t der 1955 von 125 Firmen in Würenlingen gegr., hoch subventionierten Reaktor AG unter Verwaltungsratspräs. Walter E. Boveri von der BBC. Die anderen 5 t gingen als Kriegsreserve in einen EMD-Stollen im Alpenmassiv. Der Reaktor AG diente das Uran zusammen mit den 1958 aus Kanada bezogenen Brennelementen als Basis für den 1960 in Betrieb genommenen Schwerwasser-Natururan-Forschungsreaktor Diorit. 12 Mio. der zuerst auf 20 Mio. Fr. veranschlagten Gesamtkosten wurden für die Herstellung der ersten 12 t schweren Wassers durch die Lonza AG und die Hovag (Vorgängerin der Ems-Chemie) bereitgestellt, wozu die Sulzer AG die Destillationsanlagen entwickelte. Der Bund kaufte zudem für die Reaktor AG 1955 für nur 770'000 Fr. den Swimming-Pool-Forschungsreaktor Saphir. Die USA hatten ihn im selben Jahr an der UNO-Konferenz Atome für den Frieden in Genf ausgestellt. Sie liehen der Schweiz zum Betrieb 6 kg hoch angereichertes Uran. Diorit repräsentierte den teureren, der nationalen Unabhängigkeit verpflichteten, militär. nutzbaren Reaktorpfad. Saphir war ein Forschungsreaktor und als sog. Schwimmbadreaktor für den Bau von Atomkraftwerken und Atomwaffen uninteressant. 1956 boten die USA der Reaktor AG schweres Wasser zu einem Viertel des Preises von Lonza und Hovag an, so dass die Reaktor AG die Lieferverträge teilweise kündigte. Bis 1959 steckte der Bund 45 Mio., die Privatwirtschaft 18,2 Mio. Fr. in die Reaktor AG. Infolge schlechter Kostenschätzung und fehlender Investitionsbereitschaft der Privatindustrie übertrug die Reaktor AG die Anlagen in Würenlingen als Inst. für Reaktorforschung (seit 1988 Paul Scherrer Inst.) an den Bund. Überwiegend vom Bund finanziert, baute die 1961 gegr., von Sulzer dominierte "Nationale Ges. zur Förderung der industriellen Atomtechnik" in Lucens einen Natururan-Schwerwasser-Versuchsreaktor, der mit leicht angereichertem Uran betrieben wurde. Er ging 1968 in Betrieb, wurde aber 1969 durch das Durchschmelzen der Kernbrennstäbe zerstört.

Die schweiz. Elektrizitätswirtschaft verhielt sich bis 1964 gegenüber der A. zurückhaltend, da sie den Ausbau der Wasserkraft-Nutzung bevorzugte. Anfang 1964 entschieden die Nordostschweiz. Kraftwerke AG (NOK) in Baden, im aarg. Beznau (Gem. Döttingen) einen Druckwasserreaktor der US-Firma Westinghouse zu errichten. Im Frühjahr 1964 folgten die Bern. Kraftwerke AG (BKW) mit dem Plan, in Mühleberg einen US-Siedewasserreaktor von General Electric zu erstellen. Kurz vor Jahresende zog die Elektrowatt nach, indem sie sich bei Leibstadt das Land für ein weiteres Leichtwasser-Reaktorprojekt sicherte, das gemeinsam mit den Rhein.-Westfäl. Elektrizitätswerken (RWE), der grössten dt. Elektrizitätsges., realisiert werden sollte. Es folgten die Atomkraftwerk-Projekte Verbois (1965), Kaiseraugst (1965), Beznau II (1967), Graben (1968), Gösgen (1969), Rüthi (1971) und Inwil (LU, 1972). Verwirklicht wurden Beznau I und II (je 350 MW, Inbetriebnahme 1969 und 1972), Mühleberg (320 MW, 1972), Gösgen (920/940 MW, 1979) und Leibstadt (990 MW, 1984). Sie lieferten 1970 5,5%, 1975 18%, 1980 29% und ab 1985 40% der schweiz. Elektrizitätserzeugung (Energiepolitik) und beschäftigten im Jahr 2007 gegen 1'800 Personen.

Polit. war die A. zuerst nur wegen ihrer militär. Nutzbarkeit umstritten. Ende der 1960er Jahre bildete sich auch gegen Atomkraftwerke Opposition (Antiatombewegung). Anstelle des zuerst diskutierten staatl. Atommonopols kam 1957 mit Art. 24quinquies BV und 1959 mit dem Bundesgesetz über die friedl. Verwendung der A. und den Strahlenschutz (Atomgesetz) eine Bundesaufsicht über den privatwirtschaftl. Bau und Betrieb von Atomanlagen. 1978 verschärfte ein Bundesbeschluss die Vorschriften des Atomgesetzes über die Entsorgung der radioaktiven Abfälle, ein Problem, an dem die 1972 gegr. Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) arbeitet, das aber ungelöst blieb. 1983 trat ein Kernenergiehaftpflichtgesetz in Kraft. 1990 nahm das Volk eine Initiative für ein zehnjähriges Moratorium zur Errichtung neuer Atomanlagen an. Eine weitere Volksinitative für die Verlängerung dieses Atomkraftwerk-Baustopps und die Begrenzung des Atomrisikos wurde 2003 abgelehnt. Da der Stromkonsum in der Schweiz kontinuierlich wuchs, 2020 drei Atomkraftwerke altershalber stillgelegt werden müssen und Stromimportverträge mit Frankreich schrittweise auslaufen, verlangte die Strombranche 2008 den Bau von neuen Atomkraftwerken und reichte Rahmenbewilligungsgesuche ein.


Archive
– Archiv zur Gesch. der Kernenergie in der Schweiz, ETH-BIB
Literatur
– J.-C. Favez Le nucléaire en Suisse, 1987
Gesch. der Kerntechnik in der Schweiz: die ersten 30 Jahre, 1939-1969, 1992
– P. Hug, «Atomtechnologieentwicklung in der Schweiz zwischen militär. Interessen und privatwirtschaftl. Skepsis», in Wissenschafts- und Technikforschung in der Schweiz, hg. von B. Nievergelt, B. Heinz, 1998, 225-242
– P. Kupper Atomenergie und gespaltene Ges., 2003
– T. Wildi Der Traum vom eigenen Reaktor: die schweiz. Atomtechnologieentwicklung 1945-1969, 2003
– T. Wildi «Die Reaktor AG», in SZG 55, 2005, 70-83

Autorin/Autor: Peter Hug