24/03/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Jugendunruhen

Die mit J. bezeichneten Ereignisse gründen auf noch mehrheitlich unpolit. Protestbewegungen, die sich in den 1950er Jahren ankündigten (Halbstarke, Existenzialisten) und sich ab 1965 akzentuierten und gleichzeitig politisierten. Die Revolte war eine internat. Erscheinung, die stark von der amerikan. Studenten-, Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung beeinflusst wurde. In Frankreich ("mai 68"), den USA, Italien, Deutschland und anderen westl. Industrieländern erreichte sie 1968 ihren Höhepunkt. Als allg. Ausdruck der Unzufriedenheit und des Aufbegehrens gegen etablierte Werte der Jugend, die sich von den alten Parteien abwandte, stellten die J. eine Modernisierungskrise zahlreicher Gesellschaften dar. Obschon die meisten polit. Forderungen der Protestierenden nicht erfüllt wurden, waren die mentalitätsmässigen und kulturellen Folgen der J. von 1968 und 1980-81 beträchtlich, etwa bezüglich der Öffnung der Lebensstile, der Geschlechterrollen und der Sexualität.

Autorin/Autor: Marco Tackenberg

1 - Die Unruhen von 1968

In der Nacht vom 29. auf den 30.6.1968 kam es in Zürich vor dem ehem. Globus-Gebäude zu schweren Strassenschlachten zwischen Demonstranten, die ein autonomes Jugendzentrum forderten, und der Polizei. Die Studentenbewegung richtete sich gegen die Autorität des Staates und formulierte eine radikale Kritik an der modernen Gesellschaft, ihrem Wirtschaftssystem und an traditionellen Autoritäten (Armee, Kirche, Schule, Eltern). Sie verlangte u.a. nach partizipativer Politik und nach Solidarität mit der Dritten Welt.

In der Schweiz fanden die Proteste in Zürich ihren grössten Widerhall. Aber auch in anderen Schweizer Städten kam es in der Folge von 1968 zu zahlreichen Demonstrationen und Protestaktionen. In Genf wandten sich Gruppen um das Maison des jeunes et de la culture von Saint-Gervais und um ein Gebäude in der Strasse der Prieuré, in Lausanne das Comité action cinéma gegen die traditionelle Kulturpolitik und forderten mehr finanzielle Mittel für die alternative Kultur. Im Tessin wurde das Lehrerseminar in Locarno zum Zentrum des Protests. 1975 erreichte die Mobilisierung ausserhalb der traditionellen Politikkanäle einen vorläufigen Höhepunkt.

Die 1968er Rebellion löste eine Öffnung des polit. Systems und Reformen aus. Nach 1968 engagierten sich Bürgerinnen und Bürger auch ausserhalb der polit. Linken vermehrt in sozialen Bewegungen für ihre Anliegen. In den 1970er Jahren begab sich ein Teil der Aktivisten auf den "langen Marsch" durch die Institutionen. Sie organisierten sich in Gewerkschaften sowie in Parteien der Neuen Linken wie den Progressiven Organisationen (POCH) oder der Revolutionär-Marxist. Liga. Andere suchten in Wohngemeinschaften und selbstverwalteten Kleinbetrieben alternative Lebensentwürfe zu konkretisieren. Einige wenige radikale Gruppen in der Schweiz unterstützten terrorist. Organisationen in Italien und Deutschland (Terrorismus).

Autorin/Autor: Marco Tackenberg

2 - Die Unruhen der 1980er Jahre

Fast zeitgleich kam es im Frühjahr 1980 in Amsterdam, Zürich und Berlin zu erneuten Unruhen. Wie die Hausbesetzer in Deutschland, v.a. in Berlin, und die sog. Kraker in den Niederlanden forderten Jugendliche in der Schweiz Freiräume ausserhalb der staatl. Strukturen.

In Zürich organisierte die Aktionsgruppe Rote Fabrik am 31.5.1980 eine Demonstration gegen einen Kredit für den geplanten Umbau des Opernhauses. Der Polizeieinsatz gegen die Kundgebung löste den Opernhauskrawall aus. Die Zürcher Protestbewegung kämpfte während fast zwei Jahren, teilweise unterstützt von linken Parteien, Intellektuellen und Künstlern, für den Aufbau eines autonomen Jugendzentrums. Ihre Kritik richtete sich gegen die städt. Behörden, welche den etablierten Kulturbetrieb mit grossen öffentl. Mitteln förderten, während für die Jugendlichen nicht ausreichend Räume und Treffpunkte realisiert wurden.

Auch in Basel, Bülach, St. Gallen, Winterthur, Luzern, Zug und weiteren Städten kam es 1980 zu Auseinandersetzungen zwischen Behörden, Polizei und Demonstranten. In Bern und Lausanne (Lôzane bouge) kämpfte die Bewegung ebenfalls für autonome Jugendzentren.

Während die Protestgeneration von 1968 eine Veränderung der ganzen Gesellschaft propagierte, verweigerte sich die 1980er Bewegung weitgehend dem polit. Dialog und setzte sich damit vom theoretisch orientierten Widerstand der Studenten von 1968 ab. Ein Grossteil der bürgerl. Politiker und der Presse wertete die jugendl. Protestbewegung als das Werk von wenigen theoretisch geschulten Anstiftern und einigen hundert irregeleiteten Mitläufern und "Chaoten" und forderte eine konsequente Durchsetzung der Rechtsordnung gegen die häufig unbewilligten Demonstrationen.

In Zürich wurde das zeitweilig zur Verfügung gestellte autonome Jugendzentrum 1981 wieder geschlossen. Die Protestbewegung, die sich auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den städt. Behörden eingelassen hatte, zerfiel 1982 infolge der massiven Repression von Behörden, Justiz und Polizei und der eigenen Verweigerungsstrategie.

Von der 1980er Bewegung gingen zahlreiche Impulse auf Politik, Kunst und Grafik aus; sie sensibilisierte die Gesellschaft für Anliegen der Jugendlichen und förderte den Aufbau von unabhängigen Medien- und Kulturprojekten (Jugendpolitik). Eine kleinere Mobilisierung dieser Bewegung forderte in den 1980er Jahren in Bern die kulturelle Nutzung der städt. Reitschule. 1985 wurde das Gaswerkareal mit Zelten und Hütten besetzt (Zaffaraya) und zwei Jahre später polizeilich geräumt. In Basel kam es 1988 zu Demonstrationen und zur Besetzung des Geländes der Alten Stadtgärtnerei. In Genf distanzierten sich bürgerl. Politiker zu Beginn der 1980er Jahre vom gewohnheitsmässigen Einsatz harter Polizeimethoden bei Demonstrationen wie in den Städten Bern und Zürich.

Quellen und Literatur

Literatur
Suisse en mouvement, hg. von A. Deriaz et al., 1981
– A.-C. Menétrey La vie ... vite: Lausanne bouge 1980-1981, 1982
– H. Kriesi, Die Zürcher Bewegung, 1984
– D. Gros Dissidents du quotidien: la scène alternative genevoise 1968-1987, 1987
GKZ 3, 350-458
– H. Kriesi et al., New Social Movements in Western Europe 5, 1995
– D. Wisler, Drei Gruppen der Neuen Linken auf der Suche nach der Revolution, 1996
A Walk on the Wild Side: Jugendszenen der Schweiz von den 30er Jahren bis heute, Ausstellungskat. Lenzburg, 1997
– M. Giugni, F. Passy, Histoires de mobilisation politique en Suisse, 1997
1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, hg. von I. Gilcher-Holtey, 1998
– M. Stanga Abbiamo seguito la nostra coscienza e siamo stati "fuorilegge": la contestazione studentesca del 1968 nelle scuole secondarie del canton Ticino, Liz. Freiburg, 2000
– H. Nigg, Wir wollen alles, und zwar subito!, 2001
Bern 68, hg. von B.C. Schär et al., 2008
Zürich 68, hg. von E. Hebeisen et al., 2008
1968-1978, hg. von J.M. Schaufelbuehl, 2009

Autorin/Autor: Marco Tackenberg