Russische Revolution

Die Februarrevolution von 1917 in Russland zwang den Zaren am 2. März zur Abdankung, worauf eine provisor. Regierung die Macht übernahm. Dieser Regierungswechsel wurde von den im Exil lebenden Russen und von breiten Schichten der Schweizer Bevölkerung als ein Schritt in Richtung Demokratie interpretiert. Das Eidg. Politische Departement und der Bundesrat verzichteten jedoch wegen der noch ungeklärten Verhältnisse auf eine formelle Anerkennung der neuen Machthaber. Im April 1917 verliessen nach organisator. Vorarbeiten Robert Grimms und Fritz Plattens 30 Revolutionäre unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin die Schweiz und erreichten schliesslich via Deutschland und Schweden Petrograd. Bis im Sommer 1917 waren die meisten russ. Bürger, die von den 1860er Jahren an als Revolutionäre und Studierende in die Schweiz gekommen waren, ausgereist. Im Herbst 1917 nahm der Einfluss der oppositionellen Kräfte auf Kosten der provisor. Regierung zu und in der Nacht zum 25. Oktober besetzten die Bolschewiki Petrograd. In der Schweizer Arbeiterbewegung stiess die Oktoberrevolution (die gemäss gregorian. Kalender im November stattfand) auf breite Zustimmung. Eine vom 15. bis 17. November in Zürich stattfindende Sympathiekundgebung wurde jedoch von einer aus 2'500 Mann bestehenden Truppe der Schweizer Armee und rund 90 Polizisten blutig niedergeschlagen. Neben Schweizern befanden sich unter den Teilnehmern auch Ausländer, wodurch in der Bevölkerung die Angst vor ausländ., v.a. bolschewist. Agenten und Aufwieglern geschürt wurde. Nach der Machtübernahme kündigten die Bolschewiki alle Verträge, die das zarist. Russland mit anderen Staaten abgeschlossen hatte, und annullierten sämtl. Staatsschulden und Anleihen. Die Schweizer Regierung nahm vorerst eine reservierte Haltung ein und unternahm keinen diplomat. Vorstoss zugunsten der Bolschewiki. Die in Russland lebenden Schweizer beurteilten den Regierungsumsturz von Anfang an kritisch. Da konkrete Massnahmen seitens der Schweizer Regierung ausblieben und sich die Lage in Russland verschlechterte, begannen die konsular. Aussenstellen eigenmächtig zu handeln und organisierten mit Unterstützung von Hilfskomitees u.a. Heimtransporte für Russlandschweizer. Die in der Schweiz zurückgebliebenen Russen mussten aufgrund ihrer desolaten finanziellen Lage ebenfalls unterstützt werden. Die R. wirkte über Russland hinaus. 1918 wurde auch die Schweiz von sozialen Unruhen erschüttert, die in den Landesstreik mündeten.


Literatur
– M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus 2, 1968, 350-374
– A.E. Senn, The Russian Revolution in Switzerland 1914-1917, 1971
– D. Dreyer, Schweizer Kreuz und Sowjetstern, 1989
Asyl und Aufenthalt, hg. von M. Bankowski et al., 1994
– C. Gehrig-Straube, Beziehungslose Zeiten, 1997
– P. Collmer, Die Schweiz und das Russ. Reich 1848-1919, 2004

Autorin/Autor: Anina Gidkov