23/01/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Grimm-Hoffmann-Affäre

Im Frühling 1917 löste die G. eine schwere, aber nur kurze Krise aus. Im Mai fuhr Nationalrat Robert Grimm, leitendes Mitglied der Internat. Sozialist. Kommission, nach Stockholm und anschliessend nach Petrograd (heute St. Petersburg), um - so wurde die Mission offiziell begründet - die Heimkehr russ. Emigranten aus dem schweiz. Exil vorzubereiten. Grimms eigentl. Ziel war es jedoch, auf einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Russland hinzuwirken; dabei wurde er vom Bundesrat Arthur Hoffmann, dem Leiter des Polit. Departements, unterstützt, der allerdings ohne das Einverständnis seiner Regierungskollegen handelte. In Petrograd hielt Grimm Reden und nahm an einer Versammlung der Internat. Sozialist. Kommission teil. Bei diesen Begegnungen nahm er mit versch. Ministern und regierungsnahen Persönlichkeiten Kontakt auf und bot ihnen seine guten Dienste an. Am 26. Mai teilte er Hoffmann in einem Telegramm mit, dass die Aussichten auf einen Separatfrieden günstig stünden, und bat ihn um genauere Informationen über die Kriegsziele der kriegführenden Länder.

Hoffmanns Antwort wurde abgefangen und gelangte in die Hände des franz. Rüstungsministers, des Sozialisten Albert Thomas, der damals in Petrograd zu Besuch weilte; dieser spielte sie der provisorischen russ. Regierung zu und machte sie publik. Daraufhin wurde Grimm aufgefordert, Russland unverzüglich zu verlassen. Am 18. Juni befasste sich der Bundesrat mit der Affäre; einen Tag später erklärte Hoffmann seinen Rücktritt. Die Alliierten betrachteten den schweiz. Vorstoss als schwere Verletzung der Neutralität und übten scharfe Kritik. In der Westschweiz und im Tessin fanden Kundgebungen statt, um die Landesregierung an ihre Verpflichtung zur Neutralität zu erinnern.

Die Motive, welche die beiden Politiker zu dem gemeinsamen Friedensvorstoss veranlassten, waren unterschiedlich. Für Hoffmann war der Frieden die einzige Möglichkeit, die Schweiz vor einem wirtschaftl. Niedergang zu bewahren, für Grimm dagegen die unabdingbare Voraussetzung für die Durchführung der russ. Revolution, die sozusagen als Vorspiel den Anstoss zu weiteren Umwälzungen geben würde. Für beide hatte die Affäre schwerwiegende Folgen. Hoffmann musste seine polit. Karriere vorzeitig beenden; Grimm verlor bei den schweiz. Sozialisten vorübergehend an Glaubwürdigkeit und büsste auf internat. Ebene seine dominierende Stellung in der Zimmerwalder Bewegung ein.


Literatur
– P. Stauffer, «Die Affäre Hoffmann-Grimm», in Schweizer Monatshefte, 1973-74, 1-30
– A. McCarthy, Robert Grimm, 1989, 146-178

Autorin/Autor: Catherine Guanzini / GL