Käfigturmkrawall

Am 19.6.1893 zogen 50-60 arbeitslose einheim. Bauhandlanger vom Berner Bahnhofplatz zu Baustellen in den Aussenquartieren, wo sie Baugerüste demolierten und ital. Bauarbeiter als Lohndrücker verprügelten. Die Polizei nahm daraufhin 14 Randalierer fest und sperrte sie im Käfigturm ein. Eine Protestversammlung der organisierten Arbeiterschaft verlangte die Freilassung der Verhafteten und versuchte schliesslich, diese gewaltsam zu erreichen. Da die Polizei die Protestierenden trotz Gewaltanwendung nicht vom Käfigturm vertreiben konnte, forderte Stadtpräsident Eduard Müller rechtswidrig beim EMD-Vorsteher Armeeeinheiten an, die dem Krawall nach zwölf Stunden ohne Waffengewalt ein Ende setzten. Nikolaus Wassilieff, der Sekr. der Arbeiterunion, wurde als angebl. Drahtzieher des K.s gerichtlich verurteilt, obwohl die Beweislage äusserst dürftig war. Der Gewaltausbruch gründete in der Klassenkampfstimmung, die von der 1890 gegr. Arbeiterunion auf der einen und dem 1892 entstandenen bürgerl. Einwohnerverein auf der anderen Seite angeheizt wurde. Arbeitslosigkeit unter Schweizer Bauarbeitern, die sozialen Gegensätze und die Wohnungsnot in der rasant wachsenden Stadt Bern bildeten die Ursachen für die Unzufriedenheit unter der Arbeiterschaft, die von der Macht ausgeschlossen und somit gezwungen war, ihre Anliegen auch mit Streiks und Protesten zu artikulieren. Im K. spielten aber fremdenfeindl. Haltungen ebenso eine wichtige Rolle wie die scharfe Reaktion der bürgerl. Behörden auf Arbeiterproteste.


Literatur
– B. Fritzsche, «Der K. 1893», in Gesch. in der Gegenwart, 1981, 157-178.
– Gruner, Arbeiterschaft 3, 529-536
– P. Stauffer, «60 Mann und ein Befehl [...]», in BZGH 55, 1993, 203-232

Autorin/Autor: Christian Lüthi