06/11/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Kulturkampf

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

In der 2. Hälfte des 19. Jh. kam es in den meisten europ. Staaten zu sog. Kulturkämpfen. Diese lassen sich als Modernisierungskrisen bezeichnen, als Etappen im Prozess der Säkularisierung von Staat und bürgerl. Gesellschaft. Dabei ging es dem Nationalstaat des 19. Jh. um die Emanzipation von der Kirche, die jahrhundertelang mit der Staatsmacht verflochten war, und dementsprechend um eine Neubestimmung der Beziehung zwischen Kirche und Staat, die zu einer Reduktion kirchl. Einflüsse auf die Gesellschaft führte. In einem engeren Sinn bildete dieser "Investiturstreit des 19. Jh." (Peter Stadler) eine religiös-weltanschaul. Auseinandersetzung zwischen Katholischer Kirche und polit. Katholizismus einerseits, nachabsolutist. Staat und antiklerikalem Liberalismus andererseits.

Der Berliner Pathologe und nationalliberale Abgeordnete Rudolf Virchow (1821-1902) verwendete den seit 1858 bekannten Begriff K. im Preuss. Landtag und meinte damit den weltanschaul. und polit.-rechtl. Grundsatzkonflikt zwischen dem preuss. Staat Bismarcks und der kath. Kirche bzw. der kath. Zentrumspartei, der nach der Gründung des Dt. Reiches 1871 aufgebrochen war. Das Schlagwort wurde über die Tagespolemik hinaus als Geschichtsbegriff rezipiert und ging als Fremdwort auch in andere Sprachen wie das Französische und Italienische ein.

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof

1 - Die Zeit vor 1870

In der Schweiz reichen die Wurzeln des K.s bis in die Aufklärung und die Helvetische Republik zurück. Die entscheidende Polarisierung erfolgte jedoch in der Regeneration mit dem Aufkommen des polit. und weltanschaul. Liberalismus während der 1830er Jahre (Enzyklika "Mirari vos" von 1832 mit ihrer Verurteilung der liberalen Freiheiten, Badener Artikel von 1834). Der Gegensatz zwischen den konservativ-bewahrenden, mehrheitlich katholischen und den liberal-fortschrittl., mehrheitlich ref. Kantonen und Kräften verschärfte sich in den 1840er Jahren durch den Aargauer Klosterstreit, die Jesuitenberufung nach Luzern 1844, die Freischarenzüge sowie den Sonderbund und die Gründung des Bundesstaates. Er führte zu einer Spaltung der Katholiken, deren konservative Mehrheit sich auf bundesstaatl. Ebene marginalisiert sah, während liberale Katholiken im Bundesstaat in führende Positionen aufstiegen, und ging einher mit einer Rekonfessionalisierung auf beiden Seiten (Konfessionalismus) sowie einer rasch fortschreitenden verstärkten Ausrichtung von Kirche und Katholizismus auf Rom (Ultramontanismus). Zugleich intensivierte sich ab 1848 das kirchl. Leben, v.a. durch den raschen Aufbau eines Netzwerks kath. Vereine. Bereits damals kristallisierten sich Konflikte heraus, die den K. der 1870er Jahre vorwegnahmen. Im Kt. Freiburg verteidigte Bf. Etienne Marilley traditionelle Vorrechte der kath. Kirche gegen das staatskirchenrechtl. Programm der radikalen Freiburger Regierung. Als er den Eid auf die Kantonsverfassung von 1848 nur mit Einschränkung zulassen wollte, wurde er abgesetzt, inhaftiert und nach Frankreich ausgewiesen (bis 1856). Im Kt. St. Gallen versuchte die liberale Regierung 1855-57 den Einfluss der Kirche auf das Erziehungswesen zu beschränken, etwa durch die Aufhebung der konfessionellen Mittelschulen 1855 und die Gründung einer parität. Kantonsschule 1856. Kulturkampfcharakter besass im Tessin die "Legge civile ecclesiastica", die 1855 jede geistl. Aktivität der staatl. Kontrolle unterstellte. In dieselbe Richtung zielten die Zwangsmassnahmen der Berner Regierung gegen die Tätigkeit kath. Ordensschwestern an jurass. Schulen. Zürich hob 1862 die Abtei Rheinau auf.

In eine neue Phase trat der K. mit der Publikation der Enzyklika "Quanta cura" von 1864, der als Anhang ein "Syllabus" der "hauptsächlichsten Irrtümer der Zeit" beigefügt war. Dieser stellte in autoritär-defensiver Abgrenzung jede Aussöhnung der kath. Kirche "mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und mit der modernen Kultur" in Abrede und fachte in der 2. Hälfte der 1860er Jahre den schwelenden K. in den radikal und liberal regierten Kantonen weiter an.

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof

2 - Die Jahre zwischen 1871 und 1874

Zur offenen Auseinandersetzung kam es nach der Definition des Dogmas über den päpstl. Primat und die päpstl. Unfehlbarkeit auf dem 1. Vatikanum. Zwar interpretierte der St. Galler Bf. Carl Johann Greith die päpstl. Unfehlbarkeitslehre im Hirtenbrief der Schweizer Bischöfe von 1871 in einem restriktiven Sinn und entdramatisierte damit die in der Öffentlichkeit überschätzten Auswirkungen des Dogmas auf das Verhältnis von Kirche und Staat. Innerhalb der Katholiken formierte sich dennoch ein Teil des liberal-radikalen Lagers und spaltete sich als Christkatholische Kirche von der röm.-kath. Kirche ab. Der polit. Radikalismus ergriff die Gelegenheit, den Konflikt im Zusammenhang mit den in Gang gebrachten Verhandlungen über die Revision der Bundesverfassung hochzuspielen. In dieser Situation führten zwei Ereignisse zur Eskalation: die Exkommunikation des die päpstl. Unfehlbarkeitslehre ablehnenden Pfarrers Paulin Gschwind in Starrkirch-Dulliken durch den Basler Bf. Eugène Lachat 1872 sowie die vom Papst ohne Vorwissen der Genfer Regierung erfolgte Erhebung des Weihbf. Gaspard Mermillod zum apostol. Vikar von Genf 1873. Die liberale Mehrheit der Diözesanstände des Bistums Basel (ohne Zug und Luzern) reagierte 1873 mit der Absetzung von Bf. Lachat, während der Bundesrat im selben Jahr Weihbf. Mermillod aus der Schweiz auswies. Die Berner Regierung enthob die mit Lachat solidarischen jurass. Priester ihrer Ämter und wies sie im Jan. 1874 aus dem Kanton aus. Gleichzeitig schuf sie eine auch für Katholiken verbindliche demokrat. Kirchenverfassung (Pfarrwahlrecht). Als Pius IX. in der Enzyklika "Etsi multa luctuosa" vom 21.11.1873 den K. in der Schweiz scharf verurteilte, brach der Bundesrat die diplomat. Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl ab und wies am 12.12.1873 den päpstl. Geschäftsträger in Luzern aus. Vor diesem Hintergrund gelangten die gegen die kath. Kirche gerichteten konfessionellen Ausnahmeartikel in die Bundesverfassung von 1874.

Vom K. am meisten betroffen waren die konfessionell gemischten Kt. Bern und Genf mit ihren kath. Minderheiten. Im Berner Jura leistete die kath. Bevölkerung trotz militär. Truppenpräsenz passiven Widerstand und organisierte sich unter schwierigen Bedingungen in einer Art permanentem Ausnahmezustand. In der Stadt Bern ging die kath. Kirche St. Peter und Paul an die Christkatholiken über. Der Kt. Genf wies 1872 die Schulorden aus und legte das Kirchenwesen in die Hände des Staates. Weniger radikal wurde der K. in den Kt. Aargau und Solothurn geführt, wo es u.a. zu Klosteraufhebungen kam. Im Kt. Zürich wurden die Katholiken durch Gemeinde- und Regierungsentscheid aus der kath. Augustinerkirche der Stadt Zürich verdrängt, die an die Christkatholiken überging. In den Kt. Tessin und St. Gallen erreichte der K. einen letzten Höhepunkt des Gegensatzes zwischen Konservativen und Liberalen. Die Besonderheit im Kt. St. Gallen lag darin, dass die Mehrheit der sankt-gall. Kulturkämpfer liberale Katholiken waren, von denen wiederum führende Repräsentanten wie der Politiker Matthias Hungerbühler nach dem Abflauen der Auseinandersetzungen in der röm.-kath. Kirche verblieben. Hungerbühler stellte sich auch dezidiert gegen die Errichtung einer christkath. Kirche, ganz im Unterschied zu anderen kath. Kulturkämpfern wie dem Aargauer Politiker Augustin Keller. Mehr als in anderen Kantonen und ähnlich wie im Kt. Solothurn erscheint der sankt-gall. K. somit auch als eine Auseinandersetzung zwischen ultramontanem und liberalem Katholizismus. Vom K. nicht betroffen waren die kath.-konservativen Kantone, nur geringfügig die übrigen Kantone, etwa Basel und Thurgau.

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof

3 - Abflauen und Beendigung des Kulturkampfes ab 1874

Mit der Annahme der Bundesverfassung von 1874 hatte der K. seinen Zenit überschritten. Wichtige Ziele der Liberal-Radikalen wie das zivile Begräbniswesen, die Feststellung des Zivilstands durch den Staat und die staatl. Lenkung des Schulwesens waren erreicht. Weitere Faktoren begünstigten die Entspannung: Die christkath. Kirche der Schweiz, die aus der Konzilsopposition heraus in enger Wechselwirkung zum K. entstanden war, fand trotz gezielter Förderung durch die Kulturkampfkantone Bern (Errichtung einer christkath. Fakultät an der Univ. Bern), Aargau und Solothurn keine Breitenwirkung. Auf kath. Seite gewannen auf Ausgleich bedachte Kräfte wie der Luzerner Politiker Philipp Anton von Segesser an Einfluss. Ausserdem liessen auch die Wirtschaftsdepression, die nach 1873 einsetzte, und die soziale Frage den kulturkämpfer. Elan erlahmen - dass sozioökonom. Faktoren den K. mitverursacht haben, ist im Übrigen nach heutigem Forschungsstand eher zu verneinen.

Der Pontifikatswechsel 1878 brachte in der Schweiz wie in anderen Ländern die Wende. Der neue Papst Leo XIII. signalisierte Verhandlungsbereitschaft und auf nationaler Ebene arbeiteten die Bundesräte Emil Welti und Louis Ruchonnet ebenfalls auf einen Ausgleich hin. Bern war bereits 1875 vom Bund zur Zurücknahme seiner durch die Bundesverfassung von 1874 verfassungswidrig gewordenen Ausweisung der jurass. Priester gezwungen worden. 1878 ermöglichten die nunmehr kirchlich tolerierten demokrat. Pfarrwahlen deren Rückkehr auf die früheren Pfarrstellen. In Genf gelang eine Normalisierung durch die Beförderung von Bf. Mermillod zum Bf. von Lausanne-Genf mit Sitz in Freiburg sowie durch die Aufhebung des apostol. Vikariats Genf. Auch im Bistum Basel kam nach Verhandlungen zwischen dem Hl. Stuhl und dem Bundesrat eine Lösung zustande. Bf. Lachat wurde 1884 bei gleichzeitiger Erhebung in den Rang eines Erzbischofs als apostol. Administrator des Kt. Tessin nach Lugano transferiert, was 1885 die Wahl des konzilianten Bf. Friedrich Fiala und 1888 die Eingliederung des Kt. Tessin in das Bistum Basel (bis 1968) ermöglichte.

Einzelne Nachhutgefechte, etwa die 1882 geplante Einführung eines eidg. Schulsekretärs, betrafen v.a. das Schulwesen. 1885 konnte der K. im Wesentlichen als abgeschlossen gelten. Mit der Wahl des ersten kath.-konservativen Bundesrats Josef Zemp 1891 begann der polit. Integrationsprozess der Katholisch-Konservativen in den Bundesstaat, der nach dem 1. Weltkrieg mit der liberal-konservativen Allianz (Bürgerblock) gegen die Sozialdemokratie und mit der Wiedererrichtung der Nuntiatur in Bern 1920 zum Abschluss kam, freilich ohne dass dadurch die traditionellen weltanschaul. und konfessionellen Gegensätze beseitigt worden wären.

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof

4 - Wertung und Nachwirkungen

Über den herkömml. Konflikt zwischen Staat und Kirche hinaus richtete sich der K. gegen kirchl. Einflusspositionen, die im Zug der Durchsetzung einer säkularisierten Gesellschaftsordnung nicht länger zu halten waren. Insofern lässt sich der schweiz. K. als Modernisierungskrise verstehen, wobei der Konflikt angesichts der spezifischen polit.-kirchl. Konstellationen des 19. Jh. eskalierte. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die schweren konfessions- und kirchenpolit. Erschütterungen des K.s das gesellschaftl. Leben und insbesondere die Mentalitäten in der Schweiz bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. prägten und deren Folgen lange und nachhaltig wirkten. Bei neuralg. Themen, sei es der Streit um die Beibehaltung konfessioneller Grundschulen, sei es die Abstimmung über den Jesuitenartikel 1973, die Jurafrage oder den Bistumsartikel 2001, brach der Konflikt punktuell immer wieder auf.

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof

Quellen und Literatur

Literatur
HS I/1; I/2; I/4; I/6
– F. Panzera, Società religiosa e società civile nel Ticino del primo Ottocento, 1989
– Junker, Bern 2, 338-351
SolGesch. 4, 426-444
– R. Lill, F. Traniello, Der K. in Italien und in den deutschsprachigen Ländern, 1993
– B. Mani, Etre catholique à Genève au temps du K., Liz. Genf, 1995
– P.A. von Segesser, Briefwechsel 6, hg. von V. Conzemius, 1995, (Einleitung)
– V. Conzemius, «Der K. in der Schweiz», in Rottenburger Jb. der Kirchengesch. 15, 1996, 27-42
– M. Stierlin, Die Katholiken im Kt. Zürich 1862-1875 im Spannungsfeld zwischen Eingliederung und Absonderung, 1996
– P. Stadler, Der K. in der Schweiz, 21996 (1984)
SGGesch. 6, 187-206

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof