• <b>Straussenhandel</b><br>Karikatur eines anonymen Zeichners. Kolorierte Lithografie, 1839 (Schweizerisches Nationalmuseum). Während der Teufel den protestantischen Theologen in die Hölle verfrachtet, verbrennen bewaffnete Konservative die fortschrittlichen Schriften von Strauss und machen sich für den Kampf gegen die neue liberale Zürcher Regierung bereit, die in einem Umzug mit Bürgermeister Conrad Melchior Hirzel an der Spitze im Hintergrund heranmarschiert. Hirzel schwenkt – in Anspielung auf den Reformpädagogen und Erziehungsrat Ignaz Thomas Scherr – eine Fahne in den Standesfarben, auf der eine Schere dargestellt ist.

Straussenhandel

Am 26.1.1839 berief der liberale Zürcher Erziehungsrat den aufgeklärten Württemberger Theologen David Friedrich Strauss zum Prof. für Dogmatik und Kirchengeschichte an die Universität. Diese Wahl sorgte für Unmut und führte in den Gem. und Bezirken zur Bildung von konservativen oppositionellen Komitees sowie einem Zentralkomitee. Letzteres, von den Gegnern als "Glaubenskomitee" diffamiert, lancierte eine Petition, die in den Kirchgemeinden auf starke Unterstützung stiess. Aufgrund des Widerstands beschloss der Gr. Rat die Pensionierung von Strauss auf Lebenszeit. Die konservative und modernisierungskrit. Landbevölkerung gab sich aber damit nicht zufrieden. Sie beklagte die mangelnde Religiosität der Volksschule und des Lehrerseminars und verlangte die Aufhebung der Universität. Der Regierungsrat untersagte vom Zentralkomitee einberufene Bezirksversammlungen und bot zur Wahrung der öffentl. Ordnung Infanterie auf. Am 2. September unterstützte eine Volksversammlung in Kloten die Anliegen der Opposition. Drei Tage später liess Bernhard Hirzel, Pfarrer in Pfäffikon, abends vier Stunden lang Sturm läuten. Andere Gem. folgten dem Beispiel. Schliesslich marschierte ein Zug von Landleuten nach Zürich, wo er am 6. September mit militär. Einheiten zusammenstiess. 14 Putschisten sowie Regierungsrat Johannes Hegetschweiler, der eigentlich den Befehl zum Einstellen des Feuers überbringen wollte, kamen um. Nach der fakt. Auflösung der Regierung wurde ein provisor. Staatsrat gebildet. Am 9. September beschloss der Gr. Rat Neuwahlen, die am 17. September zugunsten der Konservativen ausgingen. Gesamtschweizerisch markierte der sog. Züriputsch eine Verschärfung der Konfrontation zwischen Radikalen und Konservativen, die schliesslich in den Sonderbundskrieg von 1847 mündete. In Zürich endete das konservative "Septemberregime" bereits 1845, als die Liberalen die Wahlen für sich entschieden.

<b>Straussenhandel</b><br>Karikatur eines anonymen Zeichners. Kolorierte Lithografie, 1839 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Während der Teufel den protestantischen Theologen in die Hölle verfrachtet, verbrennen bewaffnete Konservative die fortschrittlichen Schriften von Strauss und machen sich für den Kampf gegen die neue liberale Zürcher Regierung bereit, die in einem Umzug mit Bürgermeister Conrad Melchior Hirzel an der Spitze im Hintergrund heranmarschiert. Hirzel schwenkt – in Anspielung auf den Reformpädagogen und Erziehungsrat Ignaz Thomas Scherr – eine Fahne in den Standesfarben, auf der eine Schere dargestellt ist.<BR/>
Karikatur eines anonymen Zeichners. Kolorierte Lithografie, 1839 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Literatur
Züriputsch: 6. Sept. 1839, Sieg der gerechten Sache oder Septemberschande?, 1989
– T. Weibel, Friedrich Ludwig Keller und das Obergericht des Kt. Zürich, 2006
– E. Zopfi, «Zürichs "Heiliger Krieg" von 1839», in Reformatio 55, 2006, 98-107

Autorin/Autor: Bruno Schmid