Junges Europa

Der polit. Geheimbund J. wurde am 15.4.1834 in Bern von sieben Italienern, fünf Deutschen und fünf Polen unter Führung von Giuseppe Mazzini gegründet. Ziel der bis 1836 bestehenden Verbindung war, einen Bund der nationalen Völker Europas auf republikan. Grundlagen zu verwirklichen. Das J. entwickelte sich ideell aus der Bewegung Junges Italien (Giovine Italia), die Mazzini 1831 in Marseille ins Leben gerufen hatte.

Das J. wandte sich gegen die geistige und polit. Hegemonie Frankreichs, v.a. aber gegen den habsburg. Vielvölkerstaat. Die österr. Monarchie sollte durch die Erweckung des Nationalismus der Völker von innen gesprengt werden. Träger dieser Ideen waren Flüchtlinge aus ganz Europa, die sich in den 1830er Jahren in der Schweiz sammelten und im J. eine Plattform fanden. Anlass für dessen Gründung bildete das Scheitern des Savoyerzugs, den Mazzini 1834 organisiert hatte, um das Königreich Sardinien von der Herrschaft Kg. Karl Alberts zu befreien. V.a. ital. Flüchtlinge im Tessin und andere Emigranten hatten an diesem Unternehmen teilgenommen. Nach dessen Misserfolg wollte Mazzini die Gruppe in einer "Brüderallianz" vereinigen. Die drei von ihm initiierten Verbindungen Junges Italien, Junges Deutschland und Junges Polen schlossen sich unter dem Motto "Freiheit - Gleichheit - Humanität" zu einem Geheimbund zusammen, der anstelle des Europas der Könige eines der Völker anstrebte; diese sollten ihre Innenpolitik souverän gestalten. Nach einem Zwischenfall in der Berner Gartenwirtschaft Steinhölzli am 27.7.1834 - etwa hundert dt. Arbeiter hatten bei einem Fest die Fahne der dt. Republik entfaltet - verbreiteten Informanten in Karlsruhe das Gerücht, ein Überfall auf Süddeutschland sei geplant. Der österr. Staatskanzler Metternich rief alle österr. Arbeiter aus der Schweiz zurück und brach die diplomat. Beziehungen zu Bern ab. Zusätzl. Druck Frankreichs führte schliesslich zur Wegweisung vieler junger Italiener, Polen und Deutscher aus der Schweiz.

In einer zweiten Phase der Bewegung schlossen sich 1835 das Junge Frankreich und das wieder erstarkte Junge Deutschland den Überresten des Jungen Italien und des Jungen Polen an. Im gleichen Jahr wurde auf Anregung Mazzinis auch die Junge Schweiz gegründet, deren Mitglieder v.a. aus der Romandie stammten; Sektionen in weiteren Ländern waren geplant oder ansatzweise verwirklicht (Junges Belgien, Junges Spanien). In Mazzinis Konzept der europ. Revolution sollte die Schweiz ein Forum der Propaganda, der Bundesvertrag von 1815 aufgehoben und durch eine Verfassung ersetzt werden, die von einer Konstituante auszuarbeiten sei. Infolge starker Partikularinteressen der nationalen Vereinigungen kam es im J. jedoch zu inneren Spannungen; 1835 schied Mazzini wegen Meinungsverschiedenheiten aus dem Zentralkomitee des J. und aus dem Komitee des Jungen Italien aus. Bern verlor nun als Mittelpunkt der Bewegung an Bedeutung; ins Zentrum rückten Mazzinis Aufenthaltsorte Grenchen sowie Biel, wo die Druckerei der Jungen Schweiz ihren Sitz hatte. In Zürich förderte das Junge Deutschland die Bildung Deutscher Arbeitervereine und Handwerkervereine, aus denen wiederum neue Mitglieder rekrutiert wurden. Metternich war über diese Vorgänge stets informiert. Er und die Vertreter der anderen Monarchien protestierten gegen die Anwesenheit Mazzinis und weiterer Teilnehmer am Savoyerzug sowie gegen die Umtriebe dt. Arbeiter in der Schweiz. Die Tagsatzung gab im Sommer 1836 dem Druck der restaurativen Mächte nach und schränkte in einem Konklusum die Eigenständigkeit der Kantone in der Flüchtlingspolitik ein. Zahlreiche Flüchtlinge und andere Ausländer wurden ausgewiesen, was zur Auflösung des J. führte. Mazzini musste die Schweiz 1837 verlassen.


Literatur
– H.G. Keller, Das "J." 1834-1836, 1938
– A. Cattani, Die Schweiz im polit. Denken Mazzinis, 1951
– F. Della Paruta, Mazzini e la Giovine Europa, 1962
– G. Bettone, Mazzini e la Svizzera, 1995

Autorin/Autor: Andrea Weibel