22/02/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken

Chenaux-Handel

Von 1780 bis 1784 erlebte der Kt. Freiburg aus wirtschaftl., polit. und religiösen Gründen eine Zeit der Unruhen. Das spektakulärste Ereignis dieser Phase war der C. von 1781, auch Chenaux-Revolution genannt. Der Anwalt Jean Nicolas André Castella war wahrscheinlich der Kopf des Aufstands, Jean-Pierre Raccaud einer seiner Anführer, doch Pierre-Nicolas Chenaux gab der Revolte ihren Namen. Am 29. April 1781 plante er mit einer kleinen Gruppe im Gasthof L'Epée couronnée in Bulle einen Putsch, bei dem ein paar Männer, angeführt von Offizieren und Unteroffizieren, Freiburg im Handstreich einnehmen sollten. Das vorgesehene Datum war zunächst der Johannes-Tag (24. Juni), dann der Jahrmarkt vom 3. Mai. Doch die Regierung, beunruhigt durch den Aufruhr von 1780 im Sensebezirk und den Vorfall mit Peter Binno, war auf der Hut. Sie hatte von Chenaux' Plan Wind bekommen und ordnete diskret seine Verhaftung an. Doch Chenaux entkam dieser, da er in der Stadt seine Informanten hatte. Als Freiburg am 1. Mai ein Kopfgeld auf ihn ausschrieb, ergriff er nicht etwa die Flucht, sondern die Initiative: Er mobilisierte das Volk und rückte am 2. Mai gegen die Hauptstadt vor. Diese schloss die Tore und verhandelte. Die Belagerer nutzten die Zeit und riefen 2'000-3'000 Landleute zusammen. Die Belagerten aber gerieten in Panik und riefen Bern zu Hilfe. Da die Berner Obrigkeit befürchtete, der Freiburger Aufstand könnte in ihren welschen Landvogteien Nachahmer finden, schickte sie der Nachbarstadt sofort Truppen. Am 4. Mai brachte der Waadtländer Benjamin Louis Monod de Froideville, ehemaliger Offizier im preuss. Solddienst, mehrere Hundert Aufständische zur Kapitulation, ohne dass Blut floss. Chenaux zog sich in einen Wald zurück. In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai wurde er von einem Gefolgsmann, der es auf das hohe Kopfgeld abgesehen hatte, gestellt und im Zweikampf getötet. Seine Leiche wurde in die Stadt gebracht und dort öffentlich geköpft und gevierteilt. Bald schon pilgerte das Volk zu seinem Grab und flehte den "heiligen Nicolas Chenaux, Märtyrer der Freiheit", um Fürbitte an. Diese spontane Kanonisierung wurde von der Kirche scharf kritisiert und verurteilt. Die Beharrlichkeit der Regierung und die Repression - die flüchtigen Rädelsführer wurden mit schweren Strafen belegt - zahlten sich aus: Chenaux geriet offenbar in Vergessenheit. Dennoch schlug die Freiburger Obrigkeit auf polit. Ebene den Weg des Ausgleichs ein, wozu ihr Bern, Luzern und Solothurn rieten: Die "Pfarreien und Gemeinwesen" wurden eingeladen, schriftlich ihre "ehrerbietigen Darlegungen" vorzubringen. Von jenen der Landschaft stellte keine einzige die Institution des Patriziats in Frage, doch verlangten mehrere Steuererleichterungen und die Wiedereinführung der kurz zuvor abgeschafften religiösen Feiern und Prozessionen. Die gemeinen Bürger der Hauptstadt dagegen signalisierten durch geschicktes und nachdrückliches Vorgehen, dass sie an der Macht der privilegierten Bürger mehr Anteil haben wollten. Der Konflikt spitzte sich zu und gipfelte 1783 in der Verbannung der wichtigsten Regimekritiker, die somit den entkommenen Aufständischen von 1781 ins Ausland folgten. Die einen wie die andern begrüssten 1789 die Franz. Revolution (Club helvétique) und kehrten 1798 in die Heimat zurück.


Literatur
– P. Hugger, Sozialrebellen und Rechtsbrecher in der Schweiz, 1976
– G. Andrey, M. Neuenschwander, «Imprimeurs de Genève et Carouge au service des proscrits fribourgeois (1781-1790)», in Cinq siècles d'imprimerie genevoise, 1981
– G. Andrey, «La Révolution Chenaux et ses historiens», in Ann. frib. 60, 1992/1993, 57-71
– M. Michaud, «L'après-Chenaux: les troubles en ville de Fribourg», in Ann. frib. 60, 1992/1993, 7-56
– A. Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, 1995

Autorin/Autor: Georges Andrey / MF