Udligenswilerhandel

Der U. bezeichnet einen Grundsatzstreit um weltl. Gerichtsrechte über den Klerus, der den aufklärer.-gallikan. Standpunkt Luzerns festigte. Auslöser war ein Tanzverbot, das der Udligenswiler Pfarrer Christian Leonz Andermatt trotz der Tanzerlaubnis des Landvogts für das Nachkirchweihfest vom 16.8.1725 ausgesprochen hatte. Der Rat zitierte den Pfarrer zu einem obrigkeitl. Verweis. Der bischöfl. Kommissar Johann Riser wertete dies als gerichtl. Verfahren und Angriff auf kanon. Recht und verbot dem Pfarrer, Folge zu leisten. Dieser wurde am 19.9.1725 abgesetzt und des Landes verwiesen. Luzern sah darin kein Gerichtsverfahren, sondern eine legitime Rüge- und Bannhandlung gegenüber einem Untertanen, mit Berufung auf das Konkordat von 1605 und die Übereinkunft von 1723 mit dem Bistum sowie auf "altes Recht". Der Bischof verlangte Wiedereinsetzung und Verhandlung vor bischöfl. Gericht. Nach einem päpstl. Spruch gegen den Rat gestand Rom dank der Intervention der kath. Orte und Frankreichs schliesslich dem Landesherrn das Recht auf Zitation und Landesverweis faktisch zu, jedoch nicht in Form eines gerichtl. Urteils. 1727 verhandelte die bischöfl. Kurie den Fall, erklärte Andermatt für unschuldig, bot aber Hand zum Kompromiss, indem Andermatt zum Chorherrn am Konstanzer Johannesstift befördert wurde. Luzern hob den Bann erst Ende 1731 auf, nachdem die 1726 unter Domenico Passionei nach Altdorf (UR) dislozierte Nuntiatur wieder nach Luzern zurückgekehrt war. Der v.a. zu Beginn heftige Rechtsstreit um das obrigkeitl. Zitationsrecht veränderte die Rechtslage nicht. Dieser erste grosse frühneuzeitl. Konflikt zwischen Kirche und Staat in Luzern entstand vor labilem innen- und aussenpolit. Hintergrund: Die nach dem 2. Villmergerkrieg und dem vom Landklerus gestützten Bauernaufstand verunsicherte Luzerner Obrigkeit verstärkte die staatskirchl. Kontrolle über den Klerus. Noch im 19. Jh. fand der Fall publizist. Echo bei Johann Jakob Hottinger (1825), Joseph von Görres (1826) und Philipp Anton von Segesser (1858).


Literatur
– R. Röösli, Der Udligenschwyler Handel in der Publizistik, Liz. Freiburg, 1978
– R. Liggenstorfer, Der Udligenschwilerhandel: dargest. aus der Sicht der Nuntiaturber. von Domenico Passionei in den Jahren 1725-1730, Diplomarbeit Luzern, 1990
– H. Wicki, Staat, Kirche, Religiosität, 1990, 65-73
– U. Fink, Die Luzerner Nuntiatur 1586-1873, 1997

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch