Disputationen

D., eigentlich akadem. Streitgespräche zwischen zwei Kontrahenten, bildeten in der Reformation seit Martin Luthers Auftritt in Leipzig (1519) das bevorzugte Mittel, die neue Lehre zu verbreiten. Sie bezweckten, die Gegner von der Notwendigkeit der Kirchenreform zu überzeugen. In der Schweiz fanden D. v.a. auf Betreiben Huldrych Zwinglis oft im städt. Rahmen und unter Mitwirkung der weltl. Behörden statt.

Als Vorbild dienten die beiden Zürcher D. (29.1. und 26.10.1523). Sie gründeten auf dem Einvernehmen zwischen Zwingli und den Behörden und markierten den Beginn der Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Ihr eigentl. Zweck war die Beendigung der Auseinandersetzungen, welche die ref. Predigten ausgelöst hatten, und die Überprüfung der Bibeltreue des röm. Kultus. Gegen den Widerstand des Bf. von Konstanz wurde in Zürich darauf die Reformation beschlossen und die Messe abgeschafft (1525). In Graubünden fielen Bauernaufstände mit der Absicht einiger Priester zusammen, sich der Reformation anzuschliessen. Johannes Comander unterbreitete den Behörden achtzehn Thesen, worauf in Ilanz eine Disputation stattfand (8.1.-9.1.1526), die eher zugunsten der Katholiken ausging. Kurz darauf erklärte die Tagsatzung von Chur die Schrift zur alleinigen Richtschnur, behielt aber Messe und Heiligenverehrung bei.

Auf Antrag der kath. Orte wurde auch in Baden an der eidg. Tagsatzung eine Disputation abgehalten (21.5.-8.6.1526), um die Reformation in Zürich rückgängig zu machen. Wortführer der kath. Partei war Johannes Eck, der die Unterstützung des Bf. von Konstanz genoss; weil Zwingli seine Teilnahme verweigert hatte, trat Johannes Oekolampad als Gegenspieler auf. Wie sich zeigte, war die ref. Theologie v.a. in Bezug auf das Verhältnis von Schrift und Tradition nicht gefestigt. Zwar ging die kath. Partei siegreich hervor, doch hatte die Disputation u.a. zur Folge, dass Basel und Bern der Reformation fortan günstiger gestimmt waren. Die Berner Disputation (6.-26.1.1528) setzte der religionspolit. Isolation Zürichs ein Ende. Die meisten Katholiken hatten ihre Teilnahme verweigert; die ref. Disputanden Zwingli, Berchtold Haller, Martin Bucer und Wolfgang Capito hatten keine ebenbürtigen Gegner und trugen einen leichten Sieg davon, worauf der Rat von Bern die Reformation einführte.

In Genf führte die Rückkehr Guillaume Farels im Frühjahr 1535 dazu, dass Jacques Bernard, ein zum neuen Glauben übergetretener Franziskaner, dem Magistrat fünf Thesen vorlegte. Der Kl. Rat und der Rat der Zweihundert gaben seinem Gesuch statt, verhielten sich aber neutral, doch die Disputation (30.5.-24.6.1535) wurde von den Katholiken boykottiert. Daraufhin gaben die Räte den ref. Forderungen teilweise nach und führten die Reformation per 21.5.1536 ein. Nach der Eroberung der katholisch gebliebenen Waadt berief Bern in Lausanne eine Disputation ein (1.10.-8.10.1536). Zwar waren die Katholiken zahlreich vertreten, doch kaum aktiv. Die Protestanten gewannen unter der Führung von Farel und Pierre Viret rasch die Oberhand. Obgleich nur vereinzelte Katholiken den Thesen Farels zugestimmt hatten, riefen die Behörden den Beitritt der Waadt zur Reformation aus.

Die reformator. Ideen hatten auch in den ennetbirg. Vogteien Fuss gefasst. Der kath. Landvogt von Locarno ordnete eine Disputation an (5.8.1549), auf der Giovanni Beccaria und Taddeo Duno den neuen Glauben vertraten. Die kath. Behörden verfügten darauf die Ausweisung der Protestanten. An anderen Orten konnten die geplanten D. nicht stattfinden: so in Appenzell (7.7. und 26.12.1524), Basel (1525, 1529) und Solothurn (1529). Die Reformation wurde auch in anderen Gegenden Europas, namentlich in den süddt. Reichsstädten und den balt. Ländern, nach der Durchführung von D. angenommen.


Literatur
– B. Moeller, «Zwinglis D.», in ZRG 87, 1970, 275-324; 91, 1974, 213-364
La Dispute de Lausanne (1536), hg. von E. Junod, 1988
– T. Fuchs, Konfession und Gespräch, 1995
– I. Backus, Das Prinzip "sola scriptura" und die Kirchenväter in den D. von Baden (1526) und Bern (1528), 1997, (engl. 1993)

Autorin/Autor: Irena Backus / AA