• <b>Mordnächte</b><br>Die Zürcher Mordnacht vom 23. auf den 24. Februar 1350 in der Chronik von  Benedikt Tschachtlan,   1470 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Ms. A 120, S. 227). Wie der Chronist berichtet, entdeckte der Bürgermeister die Verschwörer um Mitternacht. Er eilte zum Rathaus, wo er sich einschloss und vom Dach aus seine Truppen alarmierte, die oben im Bild die Brücke überqueren. Einer seiner Knechte wurde trotzdem ermordet.

Mordnächte

Nächtl. Überfälle ohne vorangegangene Aufkündigung des Friedens gab es in der Geschichte immer wieder und überall, von der Sizilian. Vesper in Palermo 1282 über die Pariser Bluthochzeit 1572 (Bartholomäusnacht) bis zur Niederschlagung des sog. Röhm-Putsches 1934 im Bad Wiessee (Bayern). Auch im Gebiet der Eidgenossenschaft und ihrer Umgebung ist eine Reihe solcher Ereignisse aus dem SpätMA und der frühen Neuzeit überliefert. Sie berichten davon, dass Städte in verräter. Weise bei Nacht überwältigt werden sollten (um 1240 Zofingen, 1332 Luzern, 1350 Zürich, 1368 Bern, 1382 Solothurn, 1388 Weesen und Rapperswil, 1444 Brugg, 1445 Mellingen, 1448 Rheinfelden, 1468 Lindau, 1474 Stein am Rhein, 1476 Yverdon und Neuenburg, 1602 Genf). Nur wenige der Überfälle sind quellenmässig bezeugt. Auffällig ist, dass die meisten Überfälle durch einen glückl. Zufall rechtzeitig entdeckt und vereitelt worden sind.

In der Stadtchronistik des 15. Jh. wurden solche Überfälle gebrandmarkt als "nachtes unwiderseit" (d.h. ohne vorangegangene Absage)" sowie "mortlich (d.h. verräterisch) und boslich". Die Bezeichnung "mordnacht" ist erstmals in einer um 1440 redigierten Fassung der "Zürcher Chronik" fassbar, die auf Ereignisse in Zürich im Jahr 1350 Bezug nimmt. Das Wort wurde von der eidg. Chronistik des 16. Jh. übernommen. In den Sprachgebrauch dürfte es durch Aegidius Tschudis um 1570 verfasste und 1734-36 gedruckte "Schweizer Chronik" gekommen sein.

<b>Mordnächte</b><br>Die Zürcher Mordnacht vom 23. auf den 24. Februar 1350 in der Chronik von  Benedikt Tschachtlan,   1470 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Ms. A 120, S. 227).<BR/>Wie der Chronist berichtet, entdeckte der Bürgermeister die Verschwörer um Mitternacht. Er eilte zum Rathaus, wo er sich einschloss und vom Dach aus seine Truppen alarmierte, die oben im Bild die Brücke überqueren. Einer seiner Knechte wurde trotzdem ermordet.<BR/><BR/>
Die Zürcher Mordnacht vom 23. auf den 24. Februar 1350 in der Chronik von Benedikt Tschachtlan, 1470 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Ms. A 120, S. 227).
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Das bereits erw. Geschehen in Zürich ist aus zeitgenöss. Quellen hinreichend bekannt. In der Nacht vom 23. auf den 24. Febr. 1350 versuchten die 1336 nach der Brun'schen Zunftrevolution aus der Stadt vertriebenen Adligen "nachtes bi slafender diet" (d.h. als alles Volk schlief) Zürich wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Anschlag scheiterte, die Angreifer wurden hart bestraft. In Luzern sind am 25. Juli 1343 Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Herrschaft Habsburg und Freunden der Eidgenossen bezeugt, doch ist aus den Quellen keine Klarheit über die Vorgänge zu gewinnen. Gemäss den im Anschluss an den "uflouff" gefassten Beschlüssen von Rat und Gemeinde wurden Sonderverbindungen zwischen einzelnen Bürgern, Opposition gegen den Bund mit den Eidgenossen sowie Infragestellung der Stadtfreiheiten unter Strafe gestellt. Laut der Chronik des Johannes von Winterthur dagegen vertrieb das Stadtvolk (populares) sieben mächtige Bürger (potenciores), die dem Hzg. von Österreich feindlich gesinnt waren, aus der Stadt. Später wurden diese Ereignisse in der Luzerner Geschichtstradition vorverlegt: Sie wurden mit dem Abschluss des Luzernerbunds vom 7. Nov. 1332 in Verbindung gebracht und somit auf das gewandelte hist. Selbstverständnis abgestimmt. Das Bündnis Luzerns mit den drei Waldstätten galt nunmehr als Kampfbund gegen Habsburg, dessen Zustandekommen die Anhänger der Herrschaft Österreich zu verhindern trachteten. Das Geschehen wurde zur Mordnacht erklärt und mit sagenhaften Zügen ausgestattet: Der Knabe, der die Verschwörer belauscht hatte, gab sein Geheimnis dem Ofen in der Trinkstube der Metzger preis, alarmierte damit die ahnungslosen Freunde der Eidgenossen und rettete so die Stadt. Der Luzerner Petermann Etterlin legte diese Version in seiner 1507 gedruckten Chronik vor und datierte das Geschehen auf den 29. Juni 1332. Aegidius Tschudi stützte sich weitgehend auf Etterlin, sah aber in der Mordnacht den Versuch, das Bündnis mit den Eidgenossen rückgängig zu machen und datierte sie auf den 29. Juni 1333.

Das Luzerner Beispiel zeigt, wie aus einem hist. Kern eine abgerundete Geschichtserzählung werden konnte. Eine vereitelte Mordnacht demonstrierte die wunderbare Rettung der Stadtfreiheit aus tödl. Gefahr. Modellfälle wie die Zürcher Mordnacht waren bekannt, und nach Bedarf konnte ein analoges Geschehen an geeigneter Stelle in jede Stadtgeschichte eingefügt werden. Auch alten Fest- und Rechtsbräuchen, deren ursprüngl. Bedeutung nicht mehr bekannt war, wurden M. unterschoben, ja sogar unverständlich gewordene Nachtwächterrufe auf solche zurückgeführt. Die Mordnacht wurde zu einem Element im Motivkatalog der älteren städt. Geschichtsschreibung und lebt vereinzelt in Form jährlich wiederkehrender Feste (Escalade) bis heute fort.


Literatur
– F. Vetter, «Der Übergang der Stadt Stein am Rhein an Zürich und die Eidgenossenschaft - "No e Wili" und die schweiz. M.», in ZTb NF 44, 1924, 1-61
– H. Rindlisbacher, M. in der Eidgenossenschaft, Liz. Basel, 1979
Hwb. des dt. Aberglaubens 6, 1987, 574 f.

Autorin/Autor: Bernhard Stettler