• <b>Völkerwanderung</b><br>Quelle: A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter, 1996, 51, 56  © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Völkerwanderung

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Der Ausdruck V. bezeichnet die Wanderbewegungen germ. und anderer Völker, die zwischen dem Ende des 2. und dem 7. Jh. Zivilisationen und Machtzentren erschütterten sowie Grossreiche spalteten und Teilreiche untergehen liessen. Im Französischen wird der Vorgang als invasions barbares, im Italienischen als invasioni barbariche bezeichnet und vermittelt damit - nach der griech.-röm. Bedeutung von "Barbar" für alles nicht Griechisch-Römische bzw. für alles Fremde - die Vorstellung von einem Barbareneinfall ins Römische Reich, in dessen Folge unter Ausnutzung des kaiserl. Machtzerfalls unabhängige Reiche in Westeuropa und Nordafrika entstanden. Die zeitgenöss. Historiografie betrachtet diese Ereignisse als Akkulturationsprozess und nicht mehr als eine Welle gewalttätiger Invasionen.

Relativ zahlreiche schriftl. Quellen wie Chroniken, Gesetzestexte, Heiligenviten und Briefwechsel, die aber fast alle aus der röm. Welt stammen, vermitteln ein schiefes, durch die Archäologie, Anthropologie, Orts- und Flurnamenforschung sowie Sprachwissenschaft z.T. korrigiertes Bild. Bei den in den Schriftstücken erw. Völkern handelt es sich mehrheitlich um germ. (Burgunder, Franken, Alemannen), seltener um iran. (Sarmaten, Alanen), türk. (Hunnen) oder slaw. Völkerschaften. Sie bildeten keine einheitl. Ethnien, sondern waren aus Stämmen oder Individuen unterschiedl. Herkunft zusammengesetzt, die für eine gewisse Zeit den gleichen König anerkannten und zum gleichen Heer gehörten. Eine lange Zugehörigkeit zu einer Gruppe konnte zur Bildung eines "Volks" mit gemeinsamer Sprache und eigenen Gebräuchen führen. Die Ursachen der Völkerverschiebungen sind vielfältig und oft nicht zu ergründen: Schwächung des Reichs, Wanderungen von Völkern jenseits des Rheins und der Donau oder sogar in Ostasien, die die Germanen nach Westen trieben; klimat., wirtschaftl. oder demograf. Faktoren.

Der erste grosse Zusammenstoss zwischen dem röm. Reich und den versch. Völkerstämmen erfolgte unter der Herrschaft Mark Aurels (161-180 n.Chr.). Im 3. Jh. mehrten sich die Einfälle. Um 260 besetzten die Alemannen das Dekumatland (Schwarzwald, Südbayern). Die Reichsgrenze wurde an den Rhein zurückverlegt. Das schweiz. Mittelland und die Bündner Alpenpässe befanden sich fortan an vorderster Front. 275-277 standen die Alemannen im Mittelland und plünderten Städte, darunter Augusta Raurica und Aventicum. Rom reagierte; die Rheingrenze (Limes) wurde durch die Errichtung einer Reihe von Befestigungswerken und Türmen (Kastell) verstärkt und zahlreiche Siedlungen wie Yverdon, Chur und Bellinzona wurden mit Mauern umgeben. Mehrere alemann. Einfälle im 4. Jh. sowie die Erhebung von Magnentius (350-353) zum Gegenkaiser nötigten nacheinander die Ks. Konstantius II., Julian, Valentinian und Valens zu Interventionen. Rom nahm ausserdem zahlreiche Fremdstämmige (Barbaren) entweder einzeln in die Auxiliartruppen auf oder siedelte ab der 2. Hälfte des 4. Jh. fremde Völkerschaften zur Verteidigung besonders bedrohter Gebiete an, indem es ihnen einen Vertrag (foedus) gewährte, der zu ihrer Bezeichnung als foederati führte.

Durch diese Massnahmen konnte die Grenze des Reichs gehalten werden. 376 überquerten jedoch die von den Hunnen angegriffenen Westgoten die Donau, rückten 401 nach Italien vor, plünderten 410 Rom und gründeten 418 in Aquitanien als erste fremde Völkerschaft ein unabhängiges Königreich. Um ihnen die Stirn zu bieten, hatte der röm. General Stilicho - im Übrigen selbst fremder Herkunft - die Truppen 401 vom Rhein abgezogen. Dieses Datum wurde lange mit dem Ende der röm. Herrschaft nördlich der Alpen gleichgesetzt, aber die neuere Historigrafie nimmt an, dass sich diese über die lokalen Institutionen bis zur Errichtung der germ. Königreiche gehalten hat; das Gebiet der heutigen Schweiz war noch nach 401 Teil des röm. Imperiums.

Dem Beispiel der Westgoten folgten bald weitere Völker. Sie hatten 406 den Rhein überschritten und profitierten nun von der Schwächung des Reichs: die Vandalen in Afrika, die Sueben auf der iber. Halbinsel, die Burgunder und Franken in Gallien. Mitte des 5. Jh. halfen diese Neuankömmlinge dem röm. Heerführer Flavius Aëtius, die Hunnen 451 auf den Katalaun. Feldern aufzuhalten. Um 440 waren die Burgunder von Aëtius in der Genferseeregion als foederati angesiedelt worden. Sie waren nicht sehr zahlreich, verstanden es aber dank ihrer Politik, mit den lokalen Eliten in gutem Einvernehmen zu leben. Dieser rasche Integrationsprozess wurde noch befördert durch den Übertritt von Kg. Sigismund zum kath. Christentum zu Beginn des 6. Jh. Dies erklärt auch, weshalb sie so wenig eigene archäolog. Spuren und Sprachzeugen hinterlassen haben.

Nach dem Ende des weström. Reichs 476 gründeten die Ostgoten 493 ihrerseits ein Königreich in Italien. Einige Jahre nach dem Tod ihres Kg. Theoderich, der 526 starb, eroberte der oströmische Ks. Justinian vorübergehend Nordafrika und Italien zurück, doch die Ankunft der Langobarden 568 erschütterte die Halbinsel erneut. Die Provinz Liguria, zu der die Tessiner Täler gehörten, war schon gegen Ende des 5. Jh. ins ostgot. Reich integriert worden. Um die Mitte des folgenden Jahrhunderts führte die Rückeroberung durch Justinian zur Errichtung des byzantin. Limes (Byzanz), zu dem wahrscheinlich das Kastell von Bellinzona gehörte. Die rom. Siedlungskontinuität zeigt sich v.a. in der Sprache, den Kirchen und den Gräberfeldern. Nur wenige Gräber mit Waffenbeigaben (Stabio, Bellinzona, Castione), die Angehörigen der langobard. Oberschicht zugeschrieben werden, zeugen von der Errichtung des neuen Königreichs.

<b>Völkerwanderung</b><br>Quelle: A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter, 1996, 51, 56  © 2004 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Germanenreiche gegen Ende des 5. Jahrhunderts

Ab dem Ende des 5. und im 6. Jh. dehnten die Franken auf Kosten der Westgoten, Alemannen und Burgunder ihre Herrschaft auf ganz Gallien und das Gebiet jenseits des Rheins aus (Frankenreich). 496/497 und 506 siegten sie über die Alemannen, die ab Ende des 3. Jh. an der Rheingrenze siedelten, und unterwarfen sie. Ein Teil der alemann. Führungsschicht fand vorübergehend Zuflucht in Rätien. Diese Provinz, die am Ende des 5. Jh. ins ostgot. Reich eingegliedert worden war, geriet 536 ebenfalls unter fränk. Herrschaft. Die Zugehörigkeit Rätiens zu zwei germ. Königreichen, zuerst zum ostgot., anschliessend zum fränk., hat seine kulturelle Entwicklung kaum beeinflusst. Die rom. Kontinuität manifestiert sich in der Sprache (Rätoromanisch), in der Beibehaltung der Kirchenorganisation und auch in der Verwendung des röm. Rechts. Nur ein paar Gräber mit Waffenbeigaben werden mit fränk. Beamten in Verbindung gebracht (Tamins). Die Quellen belegen die Bedeutung der lokalen Eliten, die zumindest bis gegen Ende des 8. Jh. eine relative Autonomie bewahrt zu haben scheinen. 534 wurden auch die Burgunder endgültig von den Franken besiegt.

Mit Ausnahme des Tessins stand also ab der Mitte des 6. Jh. fast das gesamte Gebiet der heutigen Schweiz unter fränk. Herrschaft. Diese polit. Aneignung zog keine grossen Bevölkerungsverschiebungen nach sich. Die ersten Zeugnisse für die Anwesenheit von Germanen im Mittelland tauchen ab dem 6. Jh. auf und werden mit Vertretern der fränk. Herrschaft in Zusammenhang gebracht (Basel-Bernerring, Elgg). Daneben behauptete sich die rom. Bevölkerung weiterhin, und zwar nicht nur in den befestigten Orten Kaiseraugst und Arbon, sondern auch auf dem Land (Galloromanen). Erst ab dem 7. Jh. tauchten im Mittelland vermehrt Gegenstände und Bräuche aus dem germ. Kulturkreis auf, als eine eigentliche alemann. Einwanderung einsetzte, die sich namentlich anhand reicher Grabfunde in einigen Kirchen wie Bülach und Altdorf (UR) feststellen lässt. Es handelt sich dabei um den Anfang eines jahrhundertelangen Prozesses, der zur Herausbildung einer überwiegend germ. Sprach- und Kulturregion führte (Deutsch).


Literatur
– P. Riché, Les invasions barbares, 1953 (102003)
Die Schweiz zwischen Antike und MA, hg. von A. Furger, 1996
– R. Kaiser, Churrätien im frühen MA, 1998 (22008, überarbeitete und erweiterte Aufl.)
The Cambridge Ancient History 14, 2000
– R. Marti, Zwischen Römerzeit und MA, 2 Bde., 2000
– C. Azzara, Le invasioni barbariche, 2001 (22003)
SPM 5-6
De l'Antiquité tardive au haut Moyen Age (300-800), hg. von R. Windler, M. Fuchs, 2002
– W. Pohl, Die V., 2002 (22005)
Die V., hg. von M. Knaut, D. Quast, 2005
– A. Barbero, Barbari: immigrati, profughi, deportati nell'impero romano, 2006
I Longobardi, hg. von G.P. Brogiolo, A. Chavarría Arnau, 2007
Roma e i barbari, Ausstellungskat. Venedig, 2008

Autorin/Autor: Lucie Steiner / AHB