Stilli

Ehem. polit. Gem. AG, Bez. Brugg, seit 2006 Teil der polit. Gem. Villigen. Erstes Dorf unterhalb des Zusammenflusses von Aare, Reuss und Limmat, wo die Aare "still" fliesst, am linken Ufer gelegen. Ein Hof S. wird 1269 erwähnt, der Flussbereich 1320 erstmals so genannt. Ein gleichlautender Familienname wird 1323 (Stillo) bzw. 1379 (Stilli) erwähnt. Das Gemeindegebiet umfasst nur 57 ha (davon 38% Flussbett). 1460 5 Haushaltungen; 1566 8; 1653 19; 1702 144 Einw.; 1750 254; 1800 293; 1850 392; 1900 252; 1950 280; 2000 357.

Erst nach der Verlegung der Fähre nach S. durch die Herren von Schenkenberg erfolgte 1446 die Konstituierung einer selbstständigen Gem. auf dem gegenüberliegenden Ufer der um 1410 zerstörten Burganlage Freudenau. Die v.a. ausserhalb des Gemeindegebiets betriebene Landwirtschaft diente der Selbstversorgung. Existenzgrundlage war der Fluss: Wagen- und Personenfähre zu den Zurzacher Messen, Waren- und Personentransporte flussauf- und abwärts bis nach Zürich, Luzern, Aarburg und Laufenburg (im 19. Jh. bis nach Rotterdam), Flösserei (v.a. im 19. Jh.), ehafte Fischenzrechte in Aare und Reuss (bis ins 21. Jh.) und vereinzelt Goldwäscherei. Im Dorf entwickelten sich Folgegewerbe: Taverne, Schmiede, Wagnerei, Mühle und Schiffbau. Im 19. Jh. setzte der Niedergang des Flussgewerbes ein: Die Schifffahrt wurde durch Wehrbauten erschwert und durch die Eisenbahn verdrängt. Die Fischerei litt unter dem Bau der Kraftwerke (Verschwinden des Lachses). 1903 ersetzte eine Brücke die Fähre. Die Bevölkerung fand eine Ersatzbeschäftigung in der Zigarrenindustrie (v.a. Baumann, Hirt & Cie., nachmals Hirt, 1865 bis ca. 1950). Parallel zur Bedeutung des Flussgewerbes verlief die Bevölkerungsentwicklung: nach 1850 setzte eine starke Aus- und Abwanderung ein. Seit dem 2. Weltkrieg siedelten sich in S. dagegen v.a. Pendler in die Industrieregion Baden-Brugg-Birrfeld und in die nahen Atomkraftwerke an. Nach 1970 begann eine rege Bautätigkeit ausserhalb der alten Siedlung. Ende des 20. Jh. gab es in S. keine Landwirtschaftsbetriebe mehr und nur noch wenig einheim. Gewerbe. Die Reformierten von S. gehören zur Kirchgem. Rein, die Katholiken zur Pfarrei Brugg. Bis ins 21. Jh. erhalten hat sich der alte Fasnachtsbrauch des Scheibensprengens über die Aare am Sonntag nach Aschermittwoch.


Literatur
– M. Baumann, S., 1977

Autorin/Autor: Max Baumann