14/04/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Künstlervereine

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

K. sind Zusammenschlüsse von Künstlern, die vom 19. Jh. an v.a. als Selbsthilfeorganisationen für die Durchführung von Ausstellungen zuständig waren. Im System der künstler. Avantgarde des 20. Jh. verfolgten sie als Künstlergruppen programmat.-ästhet. Zielsetzungen.

Vom 16. und 17. Jh. an bestanden in versch. Orten der kath. Schweiz sog. Lukas-Bruderschaften (Bruderschaften), in denen sich Künstler und Kunsthandwerker mit z.T. religiöser Motivation verbanden. Der erste, unabhängig vom Zunftsystem gebildete Künstlerverein der Schweiz war die 1787 aus dem losen Zusammenschluss von Künstlern und Kunstfreunden hervorgegangene Zürcher Künstlergesellschaft. Sie entstand -- wie später vergleichbare K. in anderen Schweizer Städten -- einerseits in Abgrenzung zu der "öffentl. Kunstschule", die Zeichenunterricht v.a. für handwerkl. Berufe anbot, andererseits in Anlehnung an das Konzept des bürgerl. Vereins, dessen Mitglieder über die Standesschranken hinweg aufgrund gemeinsamer Interessen miteinander verkehrten. Die Zusammenkünfte der Zürcher Künstlergesellschaft dienten zunächst -- in der Tradition barocker Akademien -- der krit. Erörterung der von Mitgliedern geschaffenen Werke. Ausserdem erlaubte die Einrichtung sog. Künstlerbücher, in die Vereinsangehörige Werke stiften mussten, die Unterstützung von Künstlern.

Zur Bildung weiterer K. kam es 1812 in Basel, 1813 in Bern und 1819 in Luzern. Das Beispiel der im 19. Jh. dreimal neu gegr. Basler Künstlergesellschaft zeigt die oft fliessende Grenze zu den Kunstvereinen. 1839 löste sich die Basler Künstlergesellschaft freiwillig auf, da von dem neuen Basler Kunstverein eine effizientere Durchsetzung geplanter Kunstausstellungen erwartet wurde. Die Neugründungen von 1842 und 1888 erfolgten jeweils, weil sich die Künstler im Vorstand des Kunstvereins in ungenügender Zahl vertreten sahen und ihre Interessen in einer eigenen Organisation besser gewahrt glaubten. Die als Vereinszweck sowohl in den K.n wie auch in den Kunstvereinen immer wieder beschworene Geselligkeit verlor im Verlauf des 19. Jh. ihre Anziehungskraft. Nur in Genf war die Künstlerkolonie bedeutend genug, um dem 1851 ins Leben gerufenen Cercle des artistes, der Maler, Bildhauer und Musiker vereinigte, noch bis zur Wende zum 20. Jh. bleibenden Zulauf in einem eigenen Vereinslokal zu sichern.

Auf nationaler Ebene kam es 1865 zur Gründung der Gesellschaft Schweiz. Maler und Bildhauer (ab 1905 inklusive Architekten, seit 2001 visarte). Diese trat, wie die von Frank Buchser 1885 ins Leben gerufene Schweiz. Kunstliga, z.T. in offenen Gegensatz zum Schweiz. Kunstverein (1839 aus der 1806 gegr. Schweiz. Künstlergesellschaft hervorgegangen) und trug dazu bei, dass der Bund ab 1890 die Veranstaltung einer Nationalen Kunstausstellung übernahm. 1902 gründeten Künstlerinnen in Lausanne die Société romande des femmes peintres et sculpteurs, aus der später die Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen hervorging.

Nach 1900 traten -- oft begleitet von heftigen publizist. Attacken -- Künstlergruppen an die Öffentlichkeit, die, in Übereinstimmung mit Entwicklungen in internat. Kunstzentren, die Tradition der K. als wesentl. Bestandteil im künstler. Selbstverständnis fortdauern liessen. Die von der Künstlergruppe Moderner Bund im Kunsthaus Zürich 1912 organisierte Ausstellung markierte den ersten Auftritt der internat. Avantgarde im schweiz. Ausstellungswesen. Nach dem 1. Weltkrieg bildeten sich in vielen Schweizer Städten wiederholt Künstlergruppen. Diese waren entweder v.a. weltanschaulich geprägt (Das neue Leben, Basel 1918; Der Grosse Bär, Tessin 1924) oder verbanden ihre Mitglieder aufgrund künstler. Überzeugung (Le Falot, Genf 1915; Rot-Blau I, Basel 1924-25; Der Schritt weiter, Bern 1931; Allianz, Zürich 1937) oder aufgrund generationsmässiger Zusammengehörigkeit (Rot-Blau II, Basel 1928; Gruppe 33, Basel 1933; Kreis 48, Basel 1948).


Literatur
100 Jahre Ges. schweiz. Maler, Bildhauer und Architekten, 1865-1965, hg. von A. Patocchi et al., 1965
– H.C. von Tavel, Ein Jahrhundert Schweizer Kunst, 1969, 11-34
Künstlergruppen in der Schweiz, 1910-1936, Ausstellungskat. Aarau, 1981

Autorin/Autor: Lukas Gloor