Jugendverbände

Junge Leute, insbesondere junge Männer, haben sich in der Geschichte schon immer zu Gruppen zusammengeschlossen. In der Regel handelt es sich bei diesen Gruppierungen um Zusammenschlüsse von Unverheirateten (Jugend). Diese Formierungen hatten zu versch. Zeiten unterschiedl. Funktionen: Sie waren bei gesellschaftl. Anlässen, etwa Festen oder Bräuchen aktiv, übernahmen religiöse sowie (para-)militär. Aufgaben (Kadetten) oder dienten sittenrichterl. Zwecken (Überwachen der sozialen Normen) und der Vorbereitung auf die Übernahme polit. Verantwortung.

Als Vorläufer der J. gelten die ab dem 17. Jh. bezeugten Knabenschaften sowie die im 18. Jh. aufkommenden pietist. Jünglingsvereine, Aufklärungsgesellschaften junger Intellektueller und Knaben- und Kindergesellschaften. Im 19. Jh. spielten zunächst die Studentenverbindungen (ab 1819 Schweiz. Zofingerverein, ab 1832 Helvetia) v.a. in polit. Hinsicht eine zentrale Rolle. Als Reaktion auf den Pauperismus begannen sich ausserdem kirchl.-religiöse Kreise vermehrt um Jugendliche zu kümmern. 1825 wurde in Basel der Evang. Jünglingsverein gegründet, der sich mit weiteren Vereinen 1864 zum schweiz. Dachverband zusammen schloss und 1887 zum Christlichen Verein junger Männer (CVJM) entwickelte.

Aufgrund zunehmender Freisetzung aus dem Arbeitsprozess und der Verschulung der Lebensphase Jugend verfügte die Generation zwischen Kindheit und Erwachsenenalter über immer grössere Freiräume. Neben dem Willen zur Eigengestaltung dieser Freiräume, die v.a. von der Jugendbewegung im Rahmen der Reformpädagogik eingefordert worden war, entstand Anfang des 20. Jh. die sog. Jugendpflege (Jugendpolitik) als Bemühen um eine sinnvolle Freizeitgestaltung der Jugendlichen. In diesem Kontext wurden Freizeitaktivitäten der Jugendlichen unterstützt, insbesondere der J. Gefördert durch die auch präventiv ausgerichtete Jugendhilfe entwickelten sich neben dem CVJM weitere J., die sich im Spannungsfeld zwischen jugendl. Autonomie und polit. und religiöser Instrumentalisierung durch Erwachsene bewegten, so ab 1907 der Schweiz. Wandervogel, ab 1911 die Union chrétienne de jeunes filles und der Schweizer Bund abstinenter Mädchen, ab 1913 der Schweizer Pfadfinderbund, ab 1919 der Bund Schweizer Pfadfinderinnen (Pfadfinder), ab 1925 die Junge Schweiz, ab 1926 der Christliche Verein Junger Töchter der Schweiz (Christlicher Verein Junger Frauen), ab 1932 die Jungwacht, ab 1933 der Blauring und ab 1937 die Junge Kirche. 1933 schlossen sich die um die jugendl. Freizeit bemühten Institutionen zur Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für Ferienhilfe und Freizeitarbeit für Jugendliche (SAF) zusammen, die sich 1944 in Schweiz. Arbeitsgemeinschaft der J. (SAJV) umbenannte. Die ab den 1960er Jahren zur polit. Lobby der J. avancierende SAJV und die Eidg. Kommission für Jugendfragen verhalfen 1989 dem Bundesgesetz über die Förderung ausserschul. Jugendarbeit sowie dem Jugendurlaub im Obligationenrecht zum Durchbruch. Nach 1968 wurden die J. wegen ihrer hierarch. Strukturen kritisiert. In Konkurrenz und als Ergänzung zur Jugendverbandsarbeit entstand die sog. offene Jugendarbeit, die sich - etwa im Bereich Koedukation - auf die Verbände reformfördernd auswirkte und auch die Gründung thematisch neu ausgerichteter Organisationen (z.B. Jugendaustausch, Umwelt) anregte.


Literatur
– H. Métraux, Schweizer Jugendleben in fünf Jahrhunderten, 1942
– P. Arnold et al. Jugend und Gesellschaft, 1971 (franz. 1971)
Schweizer J. im Spannungsfeld gesellschaftl. Entwicklung, hg. von G. Mugglin, 1983
Jugendvereine, Ausstellungskat. Basel, 1987
– H. Wettstein, Jugendarbeit in der Schweiz, 1989

Autorin/Autor: Lucien Criblez