• <b>Ulysses von Salis (Marschlins)</b><br>Porträt von  Felix Maria Diogg.   Öl auf Leinwand, 1794 (Rätisches Museum, Chur). Dieses Werk wurde in Zürich geschaffen, wo Ulysses von Salis-Marschlins 1794 Zuflucht suchte, nachdem das von der Standesversammlung der Drei Bünde einberufene "Unparteiische Gericht" befunden hatte, dass er während seiner politischen Tätigkeit seine Familie begünstigt habe. Das Porträt kehrt das Bild einer mit Ehrungen bedachten Amtsperson ins Gegenteil, indem es beim Betrachter Mitleid erregen und ihn von der Opferperspektive des Magistraten überzeugen will. Die Dokumente auf dem Tisch verweisen auf von Salis' Rolle als Leiter der Gesandtschaft bei den Verhandlungen von 1761–1762 zur Erneuerung des Mailänder Kapitulats.

No 64

Salis, Ulysses von (Marschlins)

geboren 25.8.1728 Schloss Marschlins (Gemeinde Landquart), gestorben 6.10.1800 Wien, ref., von Igis und Zürich. Sohn des Johann Gubert Rudolf und der Perpetua von S.-Soglio. Bruder des Anton ( -> 5). ∞ Barbara Nicola Rosenroll, Tochter des Rodolph, vicari, aus dem Thusner Speditionshaus. Die Jugend verbrachte S. v.a. in Chiavenna und Soglio. Nach Privatunterricht und Bildungsreisen studierte er 1745-46 in Basel Recht. 1755 begann er mit der Publikation von hist., polit. und ökonom. Schriften, die auf aristokrat.-patriot. Gedankengut basierten. Die jurist. Arbeiten waren häufig Rechtsgutachten zu Auseinandersetzungen in den Drei Bünden sowie deren Souveränitätsrechten in den Untertanenlanden.

Nach 1759 förderte S. die Einführung der Baumwollspinnerei im Verlagssystem; diese Initiative scheiterte ebenso wie die Seidenraupenzucht in Marschlins. Er war Mitglied sowie 1770-71 Präs. der Helvet. Gesellschaft und stand in engem Kontakt mit Isaak Iselin und Hans Caspar Hirzel. S. engagierte sich für eine Ertragssteigerung der Landwirtschaft und war 1778 Mitgründer der Gesellschaft landwirtschaftl. Freunde. Ende der 1770er Jahre betrieb er die Entsumpfung bei Castione im Veltlin. Im Sinne von Franz Urs Balthasar - dieser hatte die Einrichtung einer "Pflanzschule" für angehende Politiker beider Konfessionen gefordert - unterstützte er ab 1763 das von Martin von Planta 1761 gegr. Seminar in Haldenstein, das 1771 nach Marschlins verlegt wurde. Nach dem Tod Plantas übernahm er vorübergehend die pädagog. Leitung und wandelte die Schule 1775 in ein Philanthropinum nach Basedow'schem Muster um. 1777 musste er das Institut aus finanziellen Gründen schliessen.

1749 besetzte S. erstmals eine Amtsstelle im Gericht der Vier Dörfer, wo er später auch Landammann war. 1757-59 amtierte er als Podestà in Tirano. 1761-62 führte er die Gesandtschaft zur Erneuerung des Mailänder Kapitulats. Das Abkommen begünstigte die österr. Verkehrspolitik und die im Veltlin begüterten S., führte aber zu verstärkter Opposition gegen deren Hausmachtpolitik. Die Interessen der Fam. liessen sich im Tomilserhandel 1766 durchsetzen. 1768 erreichte S. zur Irritation der etablierten franz. Parteigänger seine Ernennung zum franz. Geschäftsträger (meist "Minister" genannt) bei den Drei Bünden. 1771-75 hintertrieb er gegen die österr. Interessen das Strassenprojekt Chiavenna-Nauders seines Hauptgegners Peter Conradin Constantin von Planta. Wohl auf Betreiben der Bündner Oppositionspartei, der reformer. Patrioten, verlor er 1792 den Geschäftsträgerposten und auch die Kompanie, deren Inhaber er war. 1794 wurde er vor die Standesversammlung zitiert und nach seiner Flucht vom "Unparteiischen Gericht" als Vogelfreier verbannt. Der Anschluss des Veltlins an die Cisalpin. Republik 1797 brachte ihm grosse Verluste. Von seinem Landgut Eckbühl bei Höngg aus agitierte er gegen die Patrioten und den Anschluss Bündens an die Helvet. Republik. Im Sept. 1799 floh er nach St. Gallen und weiter nach Wien.

<b>Ulysses von Salis (Marschlins)</b><br>Porträt von  Felix Maria Diogg.   Öl auf Leinwand, 1794 (Rätisches Museum, Chur).<BR/>Dieses Werk wurde in Zürich geschaffen, wo Ulysses von Salis-Marschlins 1794 Zuflucht suchte, nachdem das von der Standesversammlung der Drei Bünde einberufene "Unparteiische Gericht" befunden hatte, dass er während seiner politischen Tätigkeit seine Familie begünstigt habe. Das Porträt kehrt das Bild einer mit Ehrungen bedachten Amtsperson ins Gegenteil, indem es beim Betrachter Mitleid erregen und ihn von der Opferperspektive des Magistraten überzeugen will. Die Dokumente auf dem Tisch verweisen auf von Salis' Rolle als Leiter der Gesandtschaft bei den Verhandlungen von 1761–1762 zur Erneuerung des Mailänder Kapitulats.<BR/>
Porträt von Felix Maria Diogg. Öl auf Leinwand, 1794 (Rätisches Museum, Chur).
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S. war der einflussreichste Bündner in der 2. Hälfte des 18. Jh. Als Aufklärer im Sinne des aristokrat. Patriotismus leistete er Reformarbeit in Publizistik, Ökonomie und Erziehung. Neben dem hochfliegenden Idealismus stand seine Tätigkeit als Realpolitiker. Der virtuose Diplomat führte das 3. Mailänder Kapitulat mit Österreich herbei, um kurz darauf dessen Einfluss mit der Hinwendung zu Frankreich einzudämmen. Gleichwertig daneben stand für ihn die Stärkung des Hauses S. Die in den 1760er Jahren entstehende Opposition gegen die "Familienherrschaft" konnte sich erst im Gefolge der revolutionären Ereignisse durchsetzen, die S. ins österr. Lager trieben.


Werke
Fragmente der Staats-Gesch. des Thals Veltlin und der Grafschaften Clefen und Worms, aus Urk., 4 Bde., 1792
Bildergallerie der Heimweh-Kranken, 3 Bde., 1798-1803 (3 1823-27)
Literatur
– A. Rufer, «Ulysses von S.-Marschlins», in Das Ende des Freistaates der Drei Bünde, 1965, 1-23
Bedeutende Bündner aus fünf Jahrhunderten 1, 1970, 303-315
– P. Metz, Ulysses von S.-Marschlins, 2000
– R. Theus Baldassarre, «Diplomatie und Aufklärung: Ulysses von S.-Marschlins», in BM 2001, 8-33

Autorin/Autor: Jürg Simonett