15/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Brugg

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. AG und Hauptort des gleichnamigen Bezirks. Die Gem. umfasst die Altstadt mit glockenförmigem Grundriss, eine kleine Vorstadt, neue Quartiere, v.a. im Süden, sowie die ehem. Gem. Altenburg (seit 1901) und Lauffohr (seit 1970). Im 12. Jh. Bruggo, 1164/74 Brucca, 1227/34 Brukke. Alter Brückenkopf an der engsten Stelle der Aare, schon im MA Markt- und Gerichtsort, seit dem 19. Jh. Eisenbahnknotenpunkt. Im 15.-18. Jh. ca. 500-700 Einw.; 1803 694; 1840 ca. 1'000; 1850 1'142; 1880 1'422; 1900 2'339; 1930 4'502 (mit Altenburg); 1950 5'508; 1960 6'683; 1970 8'635 (mit Lauffohr); 1990 9'482; 2000 9'143.

Aus vorröm. Zeit stammen nur vereinzelte Funde. In röm. Zeit gehörte B. zum Einzugsgebiet des Legionslagers Vindonissa. Hier kreuzten sich die Strassen über den Bözberg nach Augst, mit einer ersten Holzbrücke über die Aare, und nach Aventicum. Zahlreiche Gräber säumten die Strassen; in Altenburg stand in spätröm. Zeit ein Kastell. Von einer alemann. Zuwanderung zeugen Gräber aus dem 7. Jh. in der oberen Altstadt. Vom 11. Jh. an war die Brückensiedlung am Südufer der Aare im Besitz der Habsburger. Älteste bestehende Bauwerke sind der Schwarze Turm an der Aarebrücke (wohl 2. Hälfte 12. Jh.), an der Hofstatt im Osten der Stadt das sog. Österreicher Haus, zunächst habsburg. Stadtresidenz und später zuweilen Quartier (wohl erst 13. Jh.). Nach seinem Übergang an die ältere Linie des Hauses Habsburg wurde B. 1242, im Laufe innerer Auseinandersetzungen des Grafenhauses, geplündert. Im 13. Jh. entwickelte sich B. zur Stadt: Kurz nach 1200 erhielt der Ort das Marktrecht, 1232 ist als erster Bürger ein Münzmeister genannt, 1254 wurde B. als oppidum, 1266 als stat bezeichnet. 1284 verlieh Kg. Rudolf von Habsburg, der vor seiner Königswahl oft in B. geweilt hatte, das Stadtrecht nach dem Vorbild Aaraus. Die weiteren Geschicke B.s waren durch das Haus Habsburg bestimmt; 1356-64 gehörte die Stadt Königin Agnes. Ansätze zu einer eigenen Politik der Stadt sind die Teilnahme am grossen Landfriedensbund von 1333, Burgrechte mit Baden und Mellingen 1351 sowie 1353 mit dem Kloster Wittichen im Schwarzwald. 1364 wurden die beiden habsburg. Ämter Eigenamt und Bözberg unter militär. Führung der Stadt gestellt.

Nach der kampflosen Eroberung durch Bern 1415 war B. nordöstl. Eckposten des bern. Staats. Der im Innern in polit. Hinsicht unveränderten Stadt standen ein Schultheiss, ein Kl. Rat mit acht, ein Gr. Rat mit zwölf Mitgliedern sowie das Stadtgericht vor. Hinzu kamen zahlreiche Verwaltungs- und Kontrollorgane. Die Brugger nahmen an den meisten eidg. Kriegszügen teil. Im Alten Zürichkrieg wurde die Stadt in der Brugger Mordnacht vom 30.7.1444 durch österr. Parteigänger geplündert und mit Brand verheert. Um die Mitte des 15. Jh. stand B. in langwierigen Auseinandersetzungen mit den beiden benachbarten Ämtern. Die im frühen 13. Jh. erbaute St. Nikolauskirche erfuhr im 14.-16. Jh. Erweiterungen, u.a. 1479-1518 die Umgestaltung zur dreischiffigen Staffelhalle mit acht Altären. Neben dem 1227 erstmals erwähnten Leutpriester bestanden schon früh drei Kaplaneipfründen, denen im 15. Jh. weitere folgten. 1469 erhielt das um 1450 gegründete Heiliggeistspital einen eigenen Kaplan. Im SpätMA existierten sechs Bruderschaften; nahe Wallfahrtsziele waren Bözen und Zurzach.

1528 wurde unter bern. Druck die Reformation eingeführt. In der Folge oblag die Seelsorge einem Prädikanten mit einem Helfer; die freie Pfarrwahl erhielt B. erst nach zähem Ringen 1558 von Bern zugestanden. Die aus habsburg. Zeit stammende Schule wurde nach der Reformation obrigkeitl. Lateinschule (1638-40 Neubau mit allegor. Fassadenmalerei), v.a. zur Vorbereitung auf die Akademie in Bern, mit einem Schulmeister und einem Provisor. Die grosse Zahl der aus B. stammenden bern. Pfarrer und Gelehrten führte zum Beinamen "Prophetenstadt". Im 16. Jh. erfuhr B. einen Ausbau mit der Ummauerung der Vorstadt 1522-25, einem neuen Kaufhaus (für den Wochenmarkt) um 1550, der ersten steinernen Aarebrücke von 1577 (ersetzt 1925) und dem neuen Rathaus von 1578. Im 17. und 18. Jh. folgte die Errichtung der markantesten Bauten: Zeughaus 1673 (seit 1964 Heimatmuseum), Kornhaus 1699, Salzhaus 1732, Bürgerasyl 1747, neues Schützenhaus 1765. Die barocke Ausstattung der Kirche datiert von 1641-42, der Umbau zur Hallenkirche erfolgte 1734-40. 1749 entstand als erstes Landhaus vor dem Oberen Tor das Palais Frölich (seit 1909 Stadthaus). Wirtschaftlich herrschte ein starkes, v.a. dem Durchgangsverkehr dienendes Handwerk und Gewerbe vor. Bis 1604 fanden drei, danach vier Jahrmärkte statt.

Der Umbruch von 1798 wurde in B. begrüsst und durch ein Revolutionskomitee betrieben. Die Räte wichen der neuen Munizipalität. Die Stuben- und die Schützengesellschaft wurden aufgelöst, ihre Güter verteilt. 1802 wurde das Zeughaus von Bauern der Umgebung geplündert (Stecklikrieg). 1803 wurde B. Bezirkshauptort im neuen Kt. Aargau. Es folgte 1811 die Auffüllung der Gräben, darauf der schrittweise Abbruch der Befestigungen: 1829 Zurzacher-, 1832 Baslertor, 1835 Zollhaus und Torbogen, 1836 Brückenturm in der Vorstadt, 1840 Oberer Turm anlässlich der grossen Korrektion der Hauptstrasse, 1864 Effingerhof, 1882 Hallwylerhof. Kleine Gebietserweiterungen wurden 1823 gegen Lauffohr, 1836 gegen Umiken, grosse 1863 gegen Windisch vorgenommen. Einen ersten Bahnanschluss erhielt B. 1856, einen neuen Bahnhof 1868 (Neubau 1921). 1875 wurde die Bözbergbahn eröffnet, 1882 die Südbahn. Die Post, zunächst im jeweiligen Posthalter- bzw. im Roten Haus, zog 1896 in ein neues Gebäude. 1866 löste das Amthaus das Kaufhaus als Amtsstelle des Bezirks ab. Ab 1882 entstand die neue Wasserversorgung, ab 1896 die Kanalisation. Eine Industrialisierung fand zunächst nur zaghaft statt: Buchdruckerei 1864, Zündwarenfabrik 1882, Maschinenfabrik 1890. Der Durchbruch erfolgte erst nach der Errichtung des gemeindeeigenen Elektrizitätswerks 1892 (Stillegung 1952): zwei Webereien 1893, Kabelwerk 1896, Kragen- und Hemdenfabrik 1899, Röhren- und Zementwarenfabrik 1906, gemeindeeigenes Gaswerk 1911 (Stillegung 1967). Diese Entwicklung wurde begleitet von der Gründung der ersten Banken: so der Sparkassagesellschaft 1850 (später Spar- und Leihkasse, ab 1910 Aarg. Hypothekenbank). Infolge des Zuzugs von Katholiken entstand 1900 eine kath. Genossenschaft und 1938 eine Kirchgemeinde, die anfänglich den ganzen Bezirk B. umfasste. 1907 wurde die kath. Kirche St. Nikolaus geweiht. Im selben Jahr konstituierte sich die ref. Kirchgemeinde. Auch andere Institutionen prägten B. im 19. und 20. Jh.: nach 1848 der Waffenplatz für Pontoniere (später Genietruppen), 1887 die Landwirtschaftl. Schule, 1897 das Schweiz. Bauernsekretariat, 1866 das Urech'sche Kinderspital (erstes im Aargau, ab 1947 ref. Kinderheim), 1913 das Bezirksspital, 1864 die Stadtbibliothek und 1912 das Vindonissa-Museum. 1817 wurde die Lateinschule in eine Sekundarschule, diese 1835 zur Bezirksschule umgewandelt. Für diese wurde 1883 das Hallwylerschulhaus erbaut (Neubau 1968), 1888 die erste Turnhalle. Danach kamen versch. Schul- und Sportanlagen hinzu. In den 1870er Jahren wurde die Gewerbliche bzw. 1909 die Kaufmänn. Berufsschule, 1973 das Kant. Seminar gegründet. In der Zwischenkriegszeit liessen sich kleinere Industrien (v.a. für Maschinen, Farben, Waffeln) nieder, 1937 wurde das Schwimmbad gebaut. In neuerer Zeit, v.a. ab 1971, entstand das grossstädtisch anmutende Neumarktquartier mit Warenhäusern und Detailgeschäften, 1967 das Alterszentrum. Eine Umfahrung mit neuer Aarebrücke befreite die Altstadt ab 1980 vom Durchgangsverkehr. Im Wildischachen entstand infolge von Aussiedlungen und Neugründungen eine neue Industriezone. Dennoch prägte 1990 v.a. der 3. Sektor, mit 70% der Erwerbstätigen, die Erwerbsstruktur B.s, während der Anteil der im 1. Sektor Beschäftigten auf unter 0,5% gesunken war. Die regionale Zentrumsfunktion der Gemeinde kommt auch im hohen Anteil der Zupendler (1990 71%) zum Ausdruck. Das auf das 16. Jh. zurückgehende Jugendfest "Rutenzug" ist die grösste Festlichkeit des Jahres.


Literatur
Kdm AG 2, 1953, 231 f., 256-340, (Bibl. bis ca. 1950)
– M. Banholzer, Gesch. der Stadt B. im 15. und 16. Jh., 1961
Alt B., hg. von M. Banholzer, P. Bieger, 1984
– H. Mühlemann et al., B., 1984

Autorin/Autor: Max Banholzer