24/08/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken

Bremgarten (AG)

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Polit. Gem. AG, Hauptort des gleichnamigen Bezirks. Die Oberstadt liegt auf einem erhöhten Geländesporn an der engsten Stelle einer Reussschlinge, die Unterstadt in der tiefer gelegenen Au. Vor 1140 Bremgarten, 1238/39 Bremegarten. Zu Beginn des 16. Jh. 900-1'000 Einw.; 1803 756; 1850 1'307; 1900 2'209; 1950 3'469; 1970 4'873; 2000 5'338.

Auf dem Stadtareal fanden sich bisher keine urgeschichtl. und frühma. Zeugnisse. Nach 1230 entstand, angelehnt an den 1238/39 erwähnten Burgturm (heutiges Schlössli?) und im Bereich einer Namen gebenden bäuerl. Siedlung, die Stadt B. Die Reussbrücke, der wohl ein Fahr vorausging, entstand wahrscheinlich z.Z. der Stadtgründung. Den Eindruck einer planmässigen Gründung erweckt die Anlage der vermutlich älteren Oberstadt mit der zum Reussübergang führenden Marktgasse. In der um die Mitte des 13. Jh. entstandenen Unterstadt lag der Kirchhof mit den meisten geistl. Institutionen der Stadt; der Nordteil ist bis bis heute nur offen überbaut geblieben. Erst vom späten 19. Jh. an entstanden ausserhalb des habsburg. Mauerrings lockere Vorstadtquartiere. Vermutlich auf Betreiben der Einwohner erhielt B. von Gf. Rudolf IV. von Habsburg, dem späteren König, 1258 (?) ein ausführl. Stadtrecht nach dem Vorbild des zähring. Stadtrechts für Freiburg i.Br. Bis 1415 übte Habsburg-Österreich die Stadtherrschaft aus. So kämpften Einwohner B.s 1315 am Morgarten und 1386 bei Sempach auf habsburg. Seite. 1243 ist erstmals ein Schultheiss erwähnt, Burkart von Barro, ein habsburg. Dienstmann. 1287 ging der Brückenzoll, zuvor ein habsburg. Pfand der Barro, an die Stadt über. In der 1. Hälfte des 14. Jh. erliessen Schultheiss und Rat eine auf überkommenen Rechten beruhende Stadtordnung; Rat und Markt von B. sind in dieser Zeit erstmals konkret fassbar. 1379 erhielt B. die Exemtion von fremden Gerichten, 1381 die Einkünfte aus den Kaufhäusern und öffentl. Fleischbänken. Vom späten 14. Jh. an schuf sich die Stadt eine eigene Gerichtsherrschaft, die durch Kauf und Auslösung von Pfandschaften zielstrebig erweitert wurde und schliesslich die Niedergerichte folgender Dörfer umfasste: Berikon (1374), Unter- und Oberlunkhofen, Jonen, Arni (1410), Oberwil (1429), Rudolfstetten (1438), Huserhof (1482), Lieli (1522) und teilweise Werd (nach 1400). Es wurden zwei Gerichtsbezirke geschaffen: das Kelleramt (Ober- und Unterlunkhofen, Arni, Islisberg, Jonen, Werd und Huserhof) und das Niederamt (die übrigen Dörfer). Jedem Amt stand ein jährlich wechselnder Obervogt vor: im Kelleramt meist der stillstehende Schultheiss, im Niederamt ein Ratsmitglied.

1415 kapitulierte B. nach viertägiger Belagerung vor den Eidgenossen, nachdem es zuvor formell Reichsstadt geworden war. Die Hochgerichtsbarkeit im Kelleramt fiel an Zürich, diejenige im Niederamt an die gemeine Herrschaft Baden. Innerhalb des städt. Friedkreises lag der Blutbann gemäss der kaiserl. Stadtrechtsbestätigung von 1434 bei der Stadt selbst. Um gerichtl. Zuständigkeiten stritt B. jahrhundertelang, besonders mit der ab 1415 verbündeten Stadt Zürich, konnte aber seine vor der Eroberung erworbenen Rechte wahren, so die freie Schultheissenwahl, die Besetzung der städt. Ämter (Eidbuch von 1557), die finanzielle und wirtschaftl. Selbstverwaltung, die Gerichtsbarkeiten im Stadtbann und die erkauften Vogteirechte. B. gehörte nicht zur gemeinen Herrschaft der Freien Ämter, obwohl deren Landschreiber 1562-1798 ihren Wohnsitz in der Stadt hatten. Im Alten Zürichkrieg schlug sich B. auf die zürcherisch-habsburgische Seite. Nach der Ablehnung des eidg. Angebots, sich als selbstständiger Ort der Eidgenossenschaft anzuschliessen, wurde B. 1443 belagert und eingenommen. 1450 bestätigten die acht Orte der Stadt im Wesentlichen die 1415 festgelegten Rechtsverhältnisse. Die beiden Kappelerkriege endeten für B. 1531 mit der Besetzung durch Truppen der fünf kath. Orte, einer Bussenzahlung und dem vorübergehenden Verlust der freien Schultheissenwahl. Im späten 17. und 18. Jh. schloss sich die Bürgerschaft gegenüber Zuzügern vermehrt ab. Die polit. Geschäfte oblagen zwei sich zuerst halbjährlich, dann jährlich ablösenden Schultheissen, einem Kl. Rat und einem Rat der Vierzig. Nach dem 2. Villmergerkrieg kam B. 1712 zusammen mit dem unteren Freiamt und der Grafschaft Baden unter die gemeinsame Herrschaft von Bern, Zürich und Glarus. 1798 wurde B. Bezirkshauptort im helvet. Kt. Baden und behielt diese Funktion auch im 1803 gegründeten Kt. Aargau. Zwischen den beiden Schlachten von Zürich lag 1799 General Massénas Hauptquartier in B.

Schon die vorstädt. Siedlung B. besass im 11. Jh. am Standort der heutigen Stadtkirche eine archäologisch nachgewiesene rechteckige Saalkirche mit Begräbnisplatz und Taufbecken. 1252 ist ein Leutpriester erwähnt, 1300 das Patrozinium Maria Magdalena (seit 1532 Nikolaus und Maria Magdalena) bezeugt. Der Kirchensatz gelangte 1420 von Habsburg-Österreich an das städt. Spital und somit an die Stadt, die später auch die Kirchenpatronate von Zufikon und Oberwil (AG) erwarb. Jedenfalls vor 1300 wurde die urspr. Kirche erweitert, 1343 erneuert und vergrössert und nach dem Stadtbrand von 1382 mit dem bestehenden Chor versehen. Der Kapellentrakt wurde im 15. Jh. zum nördl. Seitenschiff umgestaltet. Die ganze Anlage wurde im 17. Jh. barockisiert, nach dem Brand von 1984 vollständig restauriert. Wandmalereien aus dem 15. Jh. sind teilweise erhalten. Neben der Kirche wurden auf dem Kirchhof im frühen 15. Jh. die heutige St. Annakapelle (bestehender Bau von 1645-46) und die Muttergotteskapelle (bestehender Bau von 1608) errichtet. 1529 führte B. unter Heinrich Bullinger dem Älteren die Reformation ein, kehrte aber nach dem 2. Kappelerkrieg zum alten Glauben zurück. Die Überführung von Reliquien des hl. Synesius begründete 1653 eine bis heute lebendige Wallfahrtstradition. Von den ursprünglich zwölf Pfründen der Leutpriesterei gingen vier 1794 zugunsten der Schule, vier 1824 zugunsten der Sekundarschule ein. Das Dekanat B. besteht spätestens seit dem 14. Jh. Im SpätMA umfasste es 29, gegenwärtig noch 12 Pfarreien. 1845 wurde die Prot. Genossenschaft gegründet; erste ref. Gottesdienste fanden im ehemaligen Zeughaus statt. Seit 1874 besteht eine ref. Kirchgemeinde, die 1900 eine eigene Kirche erhielt. Jüd. Einwohner sind erstmals im 14. Jh. nachgewiesen. Die im 19. Jh. gegründete jüd. Religionsgemeinschaft -- mit eigenem Betlokal, regelmässigem Gottesdienst, Religionsunterricht und eigenen sozialen Einrichtungen -- besteht heute nicht mehr.

Das Frauenkloster St. Klara in der Unterstadt ging aus einem Beginenhaus hervor. Ab 1406 lebten die Frauen als regulierte Franziskaner-Terziarinnen. Ihr Kloster unterstand der Aufsicht des Guardians in Luzern und der Verwaltung eines vom Rat bestellten Pflegers. 1650 zählte es 26 Schwestern. Seine wirtschaftl. Basis blieb stets schmal. 1798 wurde es von der Helvet. Regierung säkularisiert. Die 1625 erbaute Klosterkirche wurde im 19. Jh. für den Schulgottesdienst benutzt, 1964-67 renoviert. Die Klostergebäude dienten 1806-95 als Schulgebäude, später als Armenhaus und Fabrik. Heute beherbergen sie, 1969 renoviert, ein Zentrum der beiden Kirchgemeinden. Das Kapuzinerkloster am südl. Ende der Reussbrücke entstand 1617 auf Ersuchen des Rats. Der Wohlstand z.Z. des Dreissigjährigen Kriegs erlaubte es der Stadt, für seinen Bau und Unterhalt aufzukommen; 1621 wurde die Klosterkirche zu Ehren des Hl. Kreuzes geweiht (Renovation 1965-66). Der Konvent umfasste durchschnittlich zehn Patres und vier Brüder. 1673 wurde ein Wollwerk mit Walke angegliedert, das für die schweiz. Kapuzinerprovinz die nötigen Tuche lieferte. Haupttätigkeit der Patres war die Seelsorge in B. und in den Freien Ämtern. 1760-61 entstand am alten Standort ein neues Konventgebäude. 1841 wurde das Kloster durch Beschluss des aarg. Gr. Rats aufgehoben. In den Klosteranlagen wurden Notwohnungen eingerichtet. Seit 1889 beherbergen sie, weitgehend erneuert, das St. Josefsheim, Sonderschule und Heim zur Förderung geistig behinderter Kinder, dem seit 1974 eine Heimerzieherschule angegliedert ist. Überliefert sind bereits im 13. Jh. eine Lateinschule, vor 1600 eine Dt. Schule.

Die kleinstädt. Wirtschaft war bis ins 19. Jh. weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtet. Die Handwerker und Händler der Stadt hielten Vieh, besassen Rebberge und nutzten ihre Allmendrechte. Der umfangreiche Waldbestand (420 ha, heute im Besitz der wohlhabenden Ortsbürgergemeinde) war und ist für die wirtschaftl. Entwicklung der Stadt von grosser Bedeutung. Der in der Stadtordnung des 14. Jh. geregelte Wochenmarkt diente dem ganzen oberen aarg. Reusstal und ermöglichte den Aufschwung im späteren 15. und im 16. Jh. Die Entwicklung des Jahrmarkts war bestimmt durch zwei Achsen: den Nord-Süd-Verkehr auf der Reuss und den Ost-West-Verkehr über den Mutschellen und die Reussbrücke, die einzige zwischen Luzern und Mellingen. Luzern, Mellingen und B. vereinbarten im 14. Jh. Zollfreiheit. 1415 schloss sich B. dem Zürcher Münzkreis an. Die städt. Wirtschaft war vom Handwerk geprägt. Kein Berufszweig vermochte eine wirtschaftlich oder politisch führende Stellung zu erlangen, da der regionale Warenverkehr zu gering, die Konkurrenz Zürichs zu bedeutend war. Bereits im 15. Jh. bildeten sich Handwerker-Bruderschaften, die berufsständischen wie auch religiösen und geselligen Bedürfnissen dienten (1609 Freiheitsbrief der Michaelsbruderschaft). Vom ausgehenden SpätMA an sind Gewerbeordnungen (u.a. Metzger, Pfister, Wirte, Müller) überliefert, welche die Ausbildung und Zulassung der Meister, die Wanderjahre der Gesellen sowie den Preis und die Qualität der Waren regelten. Die Regelungsdichte nahm immer mehr zu: Die Beschränkung des Zwischenhandels, Vorkaufsrechte der Bürger und der Marktzwang für Fisch und landwirtschaftl. Produkte sollten die Versorgung der Stadtbewohner sichern, Konkurrenz fernhalten und die Einkünfte der Stadt gewährleisten.

Änderungen traten mit der Helvetik und dem strukturellen Wandel der Wirtschaft im 19. Jh. ein. Die Industrialisierung setzte allerdings erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. ein und verlief langsam. Hemmend wirkten sich v.a. die ungünstigen Verkehrsverhältnisse aus. Schon früh hatte B. auf die Verbesserung seiner Verbindungen gedrängt und sich bereits 1436 zum Bau und Unterhalt der Strasse nach Rudolfstetten verpflichtet. Erst 1837-42 wurde die heutige Mutschellenstrasse erstellt, 1867-69 die Anschlussstrecke nach Wohlen. In den 1830er und 40er Jahren wurden die Brücke und die innerstädt. Durchgangsstrasse dem Verkehr angepasst; der Umgestaltung fielen das Spital, ein Teil der Ringmauer und mehrere Häuser zum Opfer. Das schweiz. Bahnnetz umging B. vorerst. Den mit erhebl. Mitteln erkauften Anschluss an die Südbahn brachte 1876 die Normalspurlinie B.-West nach Wohlen. 1902 wurde die wichtigere Linie nach Zürich durch die Schmalspurbahn B.-Obertor-Dietikon geschaffen. Erst ab 1912 verband die Eisenbahnbrücke über die Reuss die beiden Teilstrecken. Die neuen Industriebetriebe hatten gewerbl. Vorgänger: Die Bruggmühle wandelte sich zur Baumwollspinnerei und 1895 zum Elektrizitätswerk; aus der Papier- und Getreidemühle wurde eine Kartonfabrik. 1887 entstand in der Au eine Seidenweberei. Die Kiesbänke der Reuss förderten das Baugewerbe. 1892 erhielt B. eine elektr. Strassenbeleuchtung. Im 20. Jh. entstanden Betriebe der Holz-, Papier- und Textilindustrie sowie der Fotobranche. Grösster Arbeitgeber B.s wurde die Georg Utz AG (Kunststoffspritzguss, Werkzeugbau). Seit 1835 wird eine Bezirksschule geführt. 1958 wurde B. Waffenplatz für Genietruppen (Kaserne 1968). 1990 waren knapp 1% der in B. Erwerbstätigen im 1. Sektor, 41% im 2. und 58% im 3. Sektor beschäftigt. B. wies 1990 auch eine aktive Pendlerbilanz aus (59% Zu-, 54% Wegpendler); die Wegpendler arbeiteten v.a. im Raum Zürich. Die 1994 eröffnete grossräumige Umfahrung entlastet die Altstadt (Objekt von nationaler Bedeutung) wesentlich vom Verkehr.


Quellen
SSRQ AG I/4
Literatur
– E. Bürgisser, «Gesch. der Stadt B. im MA», in Argovia 49, 1938, 1-188
Bremgarter Njbl., 1959-
Kdm AG 4, 1967, 9-177
HS V/1, 609-674; V/2, 212-225
– C. Doswald, P. Frey, «Die Ausgrabungen in der Stadtkirche B.», in Bremgarter Njbl., 1986, 27-60
– W. Benz, Bremgarter Chronik, 1998

Autorin/Autor: Anton Wohler