30/03/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Krankenkassen

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

K. übernehmen bei Krankheit und anderen in ihren Statuten genannten Risiken wie Invalidität oder Todesfall mindestens teilweise den Verdienstausfall sowie Heilungs- (Arzt, Medikamente, Spital usw.) oder Begräbniskosten (Krankenversicherung, Unfallversicherung). Ursprünglich setzten K. eine Gruppe von Menschen voraus, die in Notlagen nicht auf familiäre Versorgung bauen konnten, aber über Finanzen und Qualifikationen zur Führung solcher Institutionen verfügten. Dies traf vor der Industrialisierung auf städt. Handwerker, insbesondere auf Gesellen zu. Schon im MA existierten meist berufs- bzw. zunftbezogene Kassen, sog. Laden, die u.a. das Krankheitsrisiko abdeckten. Die laut der Erhebung von 1865 älteste dieser Kassen, die der Basler Küfergesellen, wurde 1554 gegründet. Nur ca. zwei Dutzend solcher Kassen überlebten die den Korporationen feindlich gesinnten Revolutionsjahre. Inwiefern im 19. Jh. entstandene sog. gegenseitige Hilfsgesellschaften (Hilfsvereine) auf alten Beständen bauten, ist nicht bekannt.

Viele der K.-Neugründungen des 19. Jh., in der Regel als Vereine oder Genossenschaften der Versicherten organisiert, erwiesen sich als nicht überlebensfähig. Bis zur Jahrhundertwende kritisierten Experten die fehlenden versicherungstechn. Grundlagen, z.B. die willkürl. Festsetzung von Prämien und Leistungen und beanstandeten insbesondere die sog. Frankenkassen, deren Mitglieder bei Krankheit oder Tod eines der Ihren einen festen Betrag (meist 1 Fr.) an die Geschädigten zu zahlen hatten. Die Gründungen fanden - z.T. initiiert von aussenstehenden Persönlichkeiten wie Unternehmern oder Geistlichen - in einem überschaubaren geografischen und/oder berufl. Kreis statt, was die Verhinderung von Missbräuchen erleichterte. Nicht selten spielte die Gesinnung, etwa die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung (z.B. Grütli) oder zum Katholizismus (z.B. CSS Versicherung), eine entscheidende Rolle. Beachtl. Gewicht erreichten die von Beginn des 19. Jh. an sporadisch auftauchenden, ab den 1830er Jahren stabil wirkenden Fabrik- oder Betriebs-K. (1835 Escher, Wyss & Cie., 1845 Gebr. Sulzer). Die überwiegende Mehrheit der gegenseitigen Hilfsgesellschaften organisierte die versch. Kategorien der Arbeiterschaft. 136 der 1880 erfassten K. wurden vor 1840, 232 in der Periode 1840-59, 272 in den 1860er und 397 in den 70er Jahren gegründet. Die Erhebung von 1903 verzeichnet ein seither nie mehr übertroffenes Maximum von 2'006 Kassen mit insgesamt 494'638 Mitgliedern. Davon richteten 1'812 mit 422'209 Versicherten Leistungen bei Krankheit aus, 1'345 mit 345'793 im Todesfalle, 150 mit 62'914 bei Alter und Invalidität, 77 mit 30'792 für Hinterbliebene und 4 mit 1'604 bei Arbeitslosigkeit. Die meisten Kassen versicherten demnach mehrere Risiken nebeneinander, die überwiegende Mehrheit auch Krankheit, so dass man sie kurz K. nannte. Verdienstausfall-Entschädigung überwog die Heilungskosten noch klar (4,0 Mio. Fr. Taggelder für Kranke, 2,1 Mio. Fr. für Alters- und Invalidenrenten, 1,6 Mio. Fr. für Heilungskosten, 1,3 Mio. Fr. für Witwen- und Waisenrenten sowie 0,9 Mio. Fr. Sterbegelder). Fast die Hälfte der Kassen zählte weniger als 100 Mitglieder, weniger als ein Zehntel verfügte über mehr als 500 Mitglieder. Weil der bei Stellen- oder Wohnortswechsel nötige Übertritt in einen andern Verein mit erhebl. Schwierigkeiten verbunden war, schlossen sich K. ab 1876 (Rüti, Wald, Wetzikon, alle ZH) vermehrt zu Freizügigkeitsverbänden zusammen. Der bedeutendste war das 1891 von den Kantonalverbänden Zürich, Thurgau und St. Gallen/Appenzell Ausserrhoden gegr. Konkordat der Schweiz. K. (KSK), das sich bis zum 1. Weltkrieg auf die K. der gesamten Deutschschweiz ausdehnte. 1893 folgten die Fédération des sociétés de secours mutuels de la Suisse romande, 1921 die Federazione ticinese delle casse malati, die sich beide 1985 mit dem KSK vereinigten (seit 2002 santésuisse).

Anzahl Kassen und Versicherte 1865-2000
JahrKassenVersichertea
1865489ca. 75'000 (81%)
1880919ca. 160'000 (78%)
19031'812422'000 (77%)
1920b946968'748 (52%)
19401'1472'104'112 (41%)
19601'0884'413'220 (40%)
19805556'811'581 (41%)
19902467'611'689 (43%)
20001107'636'563 (39%)

a in Klammern: Anteil der erwachsenen Männer (Altersgrenze variabel)

b ab 1920 nur anerkannte Krankenkassen

Quellen:Statistik über die Krankenversicherung, 1934-; Autor

Das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz (KUVG) von 1911 schuf mit der Festlegung von Mindestanforderungen an K. eine neue Ausgangslage. Die diesen genügenden K. wurden staatlich anerkannt und subventioniert. Versicherungstechn. Grundlagen verbreiteten sich in der Folge rasch. Wegen der steigenden Heilungskosten wandten sich im 20. Jh. auch ökonomisch besser gestellte Schichten der Krankenversicherung zu. Ihren speziellen Bedürfnissen dienten ab der Jahrhundertwende entstandene Mittelstands-K. (Ärzte-K., K. der Techniker usw.) sowie Angebote privater Versicherungsgesellschaften, die allerdings seit Ende der 1990er Jahre nur noch Zusatzversicherungen anbieten. Mitte der 1930er Jahre begann ein sich in den 60er Jahren beschleunigender Konzentrationsprozess, der die Zahl der K. bis heute ständig sinken, diejenige ihrer Mitglieder dagegen ansteigen liess. 2007 waren die wichtigsten K. 12 zentralisierte Gross-K. mit je über 100'000 Versicherten. Die meist im 20. Jh. entstandenen Öffentl. K. und die 34 Betriebs-K. verfügten zusammen nicht einmal über ein Zehntel der Mitgliedschaft der Gross-K. Weil immer mehr K. gesamtschweizerisch tätig wurden und die Betriebs-K. zunehmend auch Nicht-Betriebsangehörige versicherten, wurde die Unterscheidung der K. Mitte der 1990er Jahre aufgegeben. Der Wandel zeigt sich auch in einer Professionalisierung der inneren Struktur: 1981 verwalteten 6'933 Angestellte im Nebenamt insbesondere kleine und Sektionen grosser K., während 4'333 Angestellte vollamtlich tätig waren. 2000 waren es 10'697 hauptamtl. Angestellte gegenüber 1'395 nebenamtlichen.

Die grössten Krankenkassen im Jahr 2000
KasseGründungsjahrAnzahl VersicherteBemerkungena
Helsana19971'470'315Zusammenschluss von Helvetia (1900) und Artisana (1952)
CSS18991'247'592Frühere Namen: 1899 Krankenkasse des kath. Arbeitervereins (St. Gallen), 1905 Christlichsoziale Kranken- und Unfallkasse der Schweiz, 1987 CSS Versicherung (Christlich-Soziale Schweiz)
Visana1996755'847Zusammenschluss der Krankenkasse für den Kt. Bern (1870), der Grütli (1872) und der Evidenzia (1990; Nachfolgeorganisation der Bern. Kranken- und Unfallkasse [1914])
Swica1992652'414Zusammenschluss der Ostschweizer Kranken- und Unfallkasse (1870), der Zentralostschweiz. Kranken- und Unfallkasse (1922), der Schweiz. Betriebskrankenkasse (1943) sowie der Panorama (1989)
Concordia1895616'794Frühere Namen: 1895 Zentralverband der kath. Krankenkassen der Schweiz, 1903 Krankenkassen-Verband des Schweiz. kath. Volksvereins, 1913 Konkordia, 2000 Concordia
Groupe Mutuel1890425'237Frühere Namen: 1890 Fédération valaisanne des Sociétés de Secours Mutuels, 1951 Mutuelle Valaisanne, 1993 Groupe Mutuel. 2000 waren 16 juristisch voneinander unabhängige Krankenkassen unter dem Dach der Groupe Mutuel vereint.
Sanitas1958419'228-
Intras1964406'757-
KPT/CPT1890312'740Früherer Name: Krankenkasse des Personals der schweiz. Transportunternehmungen
ÖKK1934319'662Vollständiger Name: Verband Öffentl. Krankenkassen der Schweiz

a in Klammern: Gründungsjahr

Quellen:Geschäftsber. und Pressestellen der Kassen

Mit dem Ausbau des Gesundheitswesens und sozialpolit. Verbesserungen (z.B. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) verlor das Taggeld gegenüber den Heilungskosten ständig an Gewicht und lag 1923 mengenmässig erstmals tiefer. Damit gewann die Krankenversicherung für Frauen und Kinder an Attraktivität, so dass die Männer in den frühen 1920er Jahren erstmals weniger als die Hälfte der Versicherten stellten und die Mitgliedschaft von Frauen während des 2. Weltkriegs fast den Gleichstand erreichte. Die 1995 noch bestehende Übervertretung der Männer gründet v.a. in den Nur-Taggeldversicherten, stellten doch die Frauen in der Krankenpflegeversicherung bereits die Mehrheit. Das per 1.1.1996 in Kraft getretene Krankenversicherungsgesetz (KVG), das das Versicherungsobligatorium mit Einheitsprämie einführte, glich die zuvor um 10% höheren Prämien der Frauen denjenigen der Männer an. Das KVG mit vom Bundesamt für Sozialversicherungen zu bewilligenden Einheitsprämien und einer einheitl. Grundversicherung machte für die Versicherten den Vergleich zwischen den einzelnen K. transparenter, verkleinerte allerdings zusammen mit der Kostenexplosion im Gesundheitswesen und dem Altern der Gesellschaft den Handlungsspielraum der K. Mit dem sog. Risikoausgleich gelang es nicht, die z.T. beträchtl. Unterschiede bezüglich der Versichertenstruktur zu kompensieren. Ende der 1990er Jahre gehören die K., dank Zusammenschlüssen über mehr Marktmacht verfügend, zu den dominierenden Kräften in der Gesundheitspolitik, insbesondere gegenüber den Ärzten.


Quellen
Die gegenseitigen Hilfsgesellschaften in der Schweiz im Jahr[e] 1865, 1868; 1880, 1887; 1903, 1907
Statistik über die Krankenversicherung, 1934-
Literatur
50e anniversaire de la Fédération des sociétés de secours mutuels de la Suisse romande, 1893-1943, 1943
– P. Biedermann, Die Entwicklung der Krankenversicherung in der Schweiz, 1955
– T. Erni, Die Entwicklung des schweiz. Kranken- und Unfallversicherungswesens, 1980
– J. Schurtenberger, 100 Jahre Konkordat der Schweiz. K., 1991

Autorin/Autor: Bernard Degen