• <b>Pflegekinder</b><br>Ein Mitarbeiter des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse führt einige Kinder in ein Heim. Fotografie von  Hans Staub,  um 1953 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. Alfred Siegfried, Leiter des Hilfswerks, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Lebensweise der Fahrenden zum Verschwinden zu bringen. Jenische Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in einem Heim oder in Pflegefamilien untergebracht.

Pflegekinder

Unter dem Begriff P. werden meist Kinder verstanden, die nicht von ihren Eltern betreut und erzogen werden, sondern in einer anderen Familie bzw. bei Pflegeeltern leben. Auch Heimkinder können zu den P.n gezählt werden, während adoptierte Kinder nicht dazu gehören (Adoption).

Im MA wurden P., z.B. Findelkinder (Kindesaussetzung), Waisen oder vernachlässigte Kinder, die nicht von ihren Verwandten aufgenommen wurden, im Spital untergebracht. Hier lebten sie mit kranken, alten und sozial auffälligen Erwachsenen zusammen. Um die Zahl der bettelnden Kinder zu verringern, wurden im 17. und 18. Jh. in Städten Zucht- und Waisenhäuser (Anstaltswesen) errichtet. Mit Blick auf die z.T. katastrophalen Zustände in den Waisenhäusern des 18. und 19. Jh. propagierte Johann Heinrich Pestalozzi, beeinflusst von den pädagog. Idealen der Aufklärung, die Familienpflege als bessere und erst noch billigere Alternative. Das in den ländl. Gebieten entstehende Verdingwesen (Verdingung) entsprach jedoch Pestalozzis Idee einer familienähnl. Gesellschaft nicht. Die dem Almosenamt unterstellten Kinder (Fürsorge) wurden von den Behörden -- auch in Ermangelung geeigneter Anstalten -- an diejenigen Leute verdingt, die am wenigsten Kostgeld verlangten. Die P. wurden somit meist auf dem Land als billige Arbeitskräfte missbraucht. Ab der Mitte des 19. Jh. entstanden andere Formen des Pflegekinderwesens, so z.B. modellhaft in der Kirchgemeinde Zürich-Neumünster. Hier suchte deren Waisenpflege Pflegeplätze in sog. rechtschaffenen Familien, platzierte die Kinder gegen eine Entschädigung an die Pflegeeltern und beaufsichtigte die Familien. Dieses in den Grundzügen moderne Pflegekinderwesen praktizierten v.a. Armenvereine auch in anderen Regionen der Schweiz.

Die Kantone regelten das Pflegekinderwesen unterschiedlich und z.T. gar nicht. In das ZGB von 1907 wurden keine die P. betreffenden gesetzl. Bestimmungen aufgenommen. Mit den im ZGB verankerten Kindesschutzbestimmungen, welche die Wegnahme von Kindern als Schutzmassnahme vorsahen, wurde die Anzahl der Pflegefamilien vergrössert. Dem Pflegekinderwesen kam dadurch - und durch den Ausbau der vormundschaftl. Fürsorge - eine neue Bedeutung zu. 1928 schrieb das Bundesgesetz zur Bekämpfung der Tuberkulose für das "Halten von P.n" eine Bewilligung vor. Erst im neuen Kindesrecht von 1976 wurde das Pflegekinderwesen im ZGB geregelt (Art. 294, 307, 316). 1978 trat die Verordnung des Bundes über die Aufnahme von P.n in Kraft. Während andere Bereiche der Kinder- und Jugendfürsorge gut ausgebaut wurden, blieb das Pflegekinderwesen bis Ende des 20. Jh. uneinheitlich und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, schlecht organisiert. 2010 befand sich die Pflegekinderverordnung in Totalrevision.

<b>Pflegekinder</b><br>Ein Mitarbeiter des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse führt einige Kinder in ein Heim. Fotografie von  Hans Staub,  um 1953 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.<BR/>Alfred Siegfried, Leiter des Hilfswerks, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Lebensweise der Fahrenden zum Verschwinden zu bringen. Jenische Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in einem Heim oder in Pflegefamilien untergebracht.<BR/><BR/>
Ein Mitarbeiter des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse führt einige Kinder in ein Heim. Fotografie von Hans Staub, um 1953 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
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In der Fachdiskussion um die vormundschaftl. Fürsorge wurden schon früh eugen. Konzepte diskutiert. Auf dieser Grundlage war es möglich, dass durch das 1926 von der Pro Juventute gegr. Hilfswerk Kinder der Landstrasse bis 1973 über 600 Kinder aus jen. Familien z.T. als P. bei sesshaften Schweizer Familien platziert wurden. Ab 1929 subventionierte der Bund diese Aktion. Andere Missstände, wie die Misshandlung von P.n in Pflegefamilien, veranlassten 1946 die Zeitschrift "Der Schweiz. Beobachter" zu einem Appell an das Schweizer Volk, worin vorgeschlagen wurde, Schutzorganisationen für P. zu schaffen. Die Intervention des "Beobachters" führte 1950 zur Gründung der Pflegekinder-Aktion Schweiz, die bis heute nebst der Weiterbildung für Pflegeeltern auch Fachtagungen und Beratungen durchführt.

Die Zahl der P. hat aufgrund der Diversifizierung der Betreuungsmöglichkeiten insbesondere seit den 1970er Jahren stark abgenommen (u.a. Kinderhorte, Tagespflege, Krippen). Gab es 1910 noch 47'032 P. - davon allein im Kt. Bern 12'810 - so waren es 2000 schätzungsweise noch 13'000 (es wird keine Statistik mehr geführt). Charakteristisch für das Pflegekinderwesen ist, dass Initiativen zur Verbesserung lange Zeit von privater Seite kamen.


Literatur
– H. Weiss, Das Pflegekinderwesen in der Schweiz, 1920
– A.M. Markus, Die Pflegekindschaft, 1945
Der Schweiz. Beobachter, 1946, Nr. 8, 11, 22; 1948, Nr. 3, 9; 1997, Nr. 7
Aufwachsen ohne Eltern, hg. von J. Schoch et al., 1989
– J.M. Niederberger, Kinder in Heimen und Pflegefam., 1997
– N. Ramsauer, "Verwahrlost", 2000

Autorin/Autor: Marco Hüttenmoser, Kathrin B. Zatti