Jugendpolitik

J. kann als Politik für Jugendliche (Schutz, Förderung, Information), als Politik mit der Beteiligung Jugendlicher und als Politik von Jugendlichen (direkte Interessenvertretung) definiert werden. Bis Anfang des 20. Jh. war J. fast ausschliesslich Politik für Jugendliche oder umfasste Massnahmen anderer Teilpolitiken mit Auswirkungen auf die Lebensphase Jugend. Mit der Verschulung der Gesellschaft ab dem 19. Jh., der Verallgemeinerung der Ausbildung für Fünfzehn- bis Zwanzigjährige und der starken Verlängerung der Ausbildungsphase ab Mitte des 20. Jh. wurde insbesondere die Bildungspolitik immer prägender für die Jugend (Schulwesen). In der Sozialpolitik begann eine spezifische, auf Jugendliche bezogene Politik mit der Fabrikgesetzgebung (zunächst kantonal, ab 1877 eidgenössisch), mit der erstmals Schutzbestimmungen für Jugendliche erlassen wurden.

Eine direkt auf die Gruppe der Jugendlichen bezogene Politik entstand zunächst als Jugendhilfepolitik, im 19. Jh. fokussiert auf die Errichtung von sog. Rettungshäusern. Zwischen ca. 1890 und 1940 etablierten die Kantone und Städte im Umfeld der Einführung des eidg. Zivil- und Strafgesetzes eine eigentl. Jugendhilfepolitik, die eng mit der Professionalisierung der sozialen Arbeit verbunden war. Es entstanden unterschiedl. Institutionen der öffentl. Jugendhilfe (Jugendanwaltschaften, Jugendämter, Jugendgerichte, Amtsvormundschaftsbehörden), aber auch karitative private Jugendhilfeinstitutionen, z.B. die Pro Juventute. Jugendhilfe umfasst neben den reaktiven auch präventive Massnahmen im Sinne des Jugendschutzes (Schutz vor Alkohol und anderen Drogen, vor sexuellen Übergriffen, Jugendmedienschutz).

Bis ins 20. Jh. bedeutete Politik aus demograf. Gründen immer auch Politik junger Männer, ab 1819 v.a. in den Studentenverbindungen. Diese einseitig auf die zukünftigen Eliten beschränkte polit. Beteiligung wurde durch die Jugendbewegungen (Jungburschen) in Frage gestellt. Die Institutionalisierung erfolgte durch die polit. Partizipation Jugendlicher in den Jungparteien, u.a. bei der liberalen Jugend der Schweiz (1929 gegründet), dem Bund der Schweizer Jungkonservativen (1931), den Jungsozialisten (nach versch. Vorgängerformierungen 1961 gegründet), der Jugendfraktion der BGB (1968) und dem Jungen Landesring (1970).

Zu Beginn des 20. Jh. entstand die sog. Jugendpflege als Förderung der Jugendverbände. Mit der zunehmenden Freisetzung der Jugend aus dem Arbeitsprozess ging daraus in der 2. Hälfte des 20. Jh. eine eigentl. Freizeitpolitik für Jugendliche hervor. In der Nachfolge des an der Landesausstellung 1939 in Zürich stehenden ersten Jugendhauses eröffneten ab den 1960er Jahren viele Gem. Jugendhäuser oder -treffpunkte. Sowohl Jugendverbände als auch die offene Jugendarbeit gestalten Freizeit nicht nur für Jugendliche, sondern gemeinsam mit Jugendlichen.

Auf kommunaler und kant. Ebene entstanden nach dem 2. Weltkrieg versch. Jugendparlamente. Einen zweiten Aufschwung erlebten diese Ende der 1950er Jahre, ein dritter ist seit Ende der 1980er Jahre im Gang und führte 1991 zur Einrichtung der Jugendsession auf Bundesebene. Der Forderung nach stärkerer polit. Partizipation der Jugendlichen wurde in der Schweiz mit der Herabsetzung des Stimm-, Wahlrechts- und Mündigkeitsalters auf 18 Jahre in den 1990er Jahren Rechnung getragen. 2007 nahm die Glarner Landsgemeinde das Stimmrechtsalter 16 auf kant. und kommunaler Ebene an.

Während direkte und kurzfristige Interventionen für die Jugend v.a. Aufgabe der Gem. sind, wurde in den Kantonen ab Ende des 19. Jh. eine langfristige J. etabliert. Nach den Jugendunruhen von 1968 und 1980-81 wurden in vielen Kantonen Jugendkommissionen oder ähnl. Gremien eingerichtet, welche die Anliegen der Jugend in der kant. Politik vertreten sollten. Der Bund betrieb bis in die 1970er Jahre keine direkte J. Nach den Jugendunruhen von 1968 liess das Eidg. Departement des Innern einen Bericht zur J. erarbeiten, der 1973 erschien. Bereits 1971 war in der Bundesverfassung die Förderung von Jugend + Sport verankert worden. 1978 setzte der Bundesrat die Eidg. Kommission für Jugendfragen ein. Diese Expertenkommission hat 1989 zusammen mit der 1933 gegr. Schweiz. Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände dem Bundesgesetz über die Förderung ausserschul. Jugendarbeit und dem Jugendurlaub im Obligationenrecht zum Durchbruch verholfen.


Literatur
– P. Arnold et al., Jugend und Gesellschaft, 1971
Überlegungen und Vorschläge zu einer schweiz. J., 1973
– P. Gilg, Jugendl. Drängen in der schweiz. Politik, 1974
– R. Blancpain, J. Schmid, «J.», in Schweiz. Jb. für polit. Wiss. 25, 1985, 199-212
J. und Jugendforschung, hg. von L. Criblez, C. Spadarotto, 1987
Grundlagen für eine schweiz. Kinder- und J., 2000

Autorin/Autor: Lucien Criblez