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Verdingung

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Der Begriff V. tritt in zahlreichen Zusammenhängen auf und umschreibt eine vertragl. Abmachung, die in gewissen Fällen eine Arbeitsleistung und deren Entschädigung beinhaltet. Für die Sozialgeschichte von besonderem Interesse ist die V. als Fremdplatzierung von meist armen, sowohl älteren, gebrechl. Menschen als auch Kindern, die weder bei der eigenen Fam. noch in einer Anstalt untergebracht werden konnten. Die Aufgabe der Fürsorge war die Unterbringung der Betroffenen in einer Pflegefam. gegen eine vertraglich abgemachte Entschädigung (deshalb auch Verkostgeldung oder Verakkordierung genannt). Bei den verdingten Kindern spielt im Gegensatz zum Pflegekind der Arbeitseinsatz des Kindes eine wichtige Rolle (Kinderarbeit).

Für Waisen, Findelkinder (Kindesaussetzung) sowie arme bzw. illegitime Kinder (Illegitimität), die der elterl. Obhut entzogen wurden, gab es ab dem SpätMA versch. Möglichkeiten der Fremderziehung, die regional unterschiedlich bevorzugt wurden: Sie wurden bei Verwandten in Pflege gegeben, bei Fremden als Verding- oder Pflegekinder untergebracht, kurzfristig bei wechselnden Fam. verdingt (Kehr, Umgang) oder in ein Spital, Armen- oder Waisenhaus gesteckt, bis sie - meistens ab dem zwölften Lebensjahr - selber für ihren Unterhalt sorgen oder eine Lehre antreten konnten.

Die Tradition der Familienplatzierung als ältere Form der V. war in allen Landesteilen und sowohl in städt. wie auch in ländl. Gebieten bekannt, nur dass die Stadtbewohner ihre Angehörigen aus wirtschaftl. Überlegungen oft auf dem Land unterbrachten. Für die Fürsorgebehörde standen die Kosten im Zentrum, deshalb entschied man sich meistens für die V., denn sie war für den Steuerzahler kostengünstiger als der Unterhalt in einer Anstalt. Zuweilen spielte auch die Überlegung eine Rolle, dass die Unterbringung in einer "intakten" Fam. den betroffenen Kindern eine gute Erziehung, vielleicht auch eine Berufsausbildung ermöglichen würde. Verdingt wurde gewöhnlich auf ein Jahr, so dass die fremdplatzierten Menschen selten länger als zwei oder drei Jahre im gleichen Haushalt blieben. Vielerorts fanden regelmässige Verdingmärkte (Bettlergemeinden) statt, bei denen die Not leidenden Menschen in einer öffentl. Absteigerung bzw. Mindersteigerung auf dem Marktplatz derjenigen Fam. zugeschlagen wurde, die am wenigsten Kostgeld verlangte. Für die (meist bäuerl.) Fam. bedeutete dieser Beitrag der Fürsorge ein willkommenes Nebeneinkommen. Die zusätzl., billige Arbeitskraft der Kinder war aber ebenso wichtig. Häufig wurden Verding- und Pflegekinder auch Opfer von Missbrauch jegl. Art (Vernachlässigung, sexuelle Ausbeutung, Gewalt, Kinderhandel).

In den schweiz. Städten existierten Waisenhäuser bereits seit dem 17. Jh. In ländl. Gegenden setzten sich Waisenhäuser, Rettungs- und Armenerziehungsinstitute -- und damit die als fortschrittlich geltende Anstaltserziehung -- dagegen erst seit der Kritik an der Verdingung, wie sie z.B. Johann Heinrich Pestalozzi, Jeremias Gotthelf oder Johann Konrad Zellweger äusserten, im 19. Jh. durch. Trotz des seit Beginn des 19. Jh. wachsenden Widerstands gegen die Absteigerungen (in Luzern wurden sie z.B. 1856 verboten) fanden solche in manchen Kantonen (z.B. Waadt, Bern, Genf) noch Ende des 19. Jh. statt. Das Verdingsystem verschwand erst zu Beginn des 20. Jh. mit der Verbesserung des Anstaltswesens (Professionalisierung des Sozialwesens) und dem Inkrafttreten des ZGB (1912), das eine verschärfte Pflegekinderaufsicht (Art. 307) durch die Vormundschaftsbehörde (Art. 316) einführte.


Literatur
– A. Denzler, Jugendfürsorge in der alten Eidgenossenschaft, 1925
Idiotikon 13, 572-582
– H. Brunner, Luzerns Ges. im Wandel, 1981
Aufwachsen ohne Eltern, hg. von J. Schoch et al., 1989
– R. Gadient, Bettler, Frevler, Armenhäusler, 1991
– J.M. Niederberger, Kinder in Heimen und Pflegefam., 1997
– M.-A. Lovis, «Mise aux enchères de l'entretien des indigents dans les communes jurassiennes au XIXe siècle», in Actes SJE, 2006, 263-297
Versorgt und vergessen, hg. von M. Leuenberger, L. Seglias, 2008 (42010)

Autorin/Autor: Markus Lischer