• <b>Hospiz</b><br>Das Hospiz auf dem Simplonpass. Farblithografie von  Adolphe Cuvillier,  um 1850 (Museum für Kommunikation, Bern). Im Zusammenhang mit dem Bau der Strasse ordnete Napoleon Bonaparte 1801 den Bau eines Hospizes auf der Passhöhe an und übertrug dessen Leitung den Chorherren vom Grossen St. Bernhard. Die Grundsteinlegung des auch als Kaserne geplanten Monumentalbaus erfolgte 1813 kurz vor dem Sturz des Kaisers. Nach dem Rückkauf durch den Kanton Wallis 1825 vollendeten die Chorherren den Bau nach Plänen des Lausanner Architekten Henri Perregaux und bezogen ihn 1831. Das bis heute von Chorherren als Begegnungshaus und Pension betriebene Alpenhospiz ist das grösste Europas.

Hospiz

Als H.e (von lat. hospitium, Gastfreundschaft, Unterkunft) werden Herbergen an Pilgerwegen, auf Bergpässen und an Wallfahrtsorten bezeichnet, die von Mönchen oder Laien mit christl. Hausordnung geführt werden. Von der im MA auch in der Schweiz verbreiteten Institution sind heute v.a. die H.e auf Passhöhen bekannt.

Die in lat. Urkunden u.a. als hospitale, hospitalis domus oder griech.-lat. als xenodochium bezeichneten H.e bildeten eine der frühen kirchl. Infrastrukturen Europas, aus der sich, ab dem 14. Jh. zunehmend säkularisiert und z.T. kommunalisiert, letztlich die Hotellerie (Gastgewerbe) und das Spitalwesen entwickelten. Im Früh- und HochMA entstanden H.e auf dem Land an Transitrouten und Pilgerwegen aus der Notwendigkeit, Reisenden - Rittern auf Kreuzzügen, Pilgern (Pilgerwesen) und Kaufleuten - Unterkunft und Speise anzubieten. Ähnl. Institutionen in den Städten waren mit der Beherbergung von Armen und der Pflege von Kranken vermehrt karitativ tätig (Spital). Allen gemeinsam war ihr ursprünglich rein kirchl. Charakter: Wie die Spitäler wurden auch H.e von Mönchen oder Laienbrüdern (und -schwestern) unter geistl. Leitung geführt; sie unterstanden der Kirchenaufsicht und dem Schutz des Bischofs. Ihre Aufgabe war eine doppelte, nämlich die Betreuung der Reisenden und die Seelsorge. Neben Spitalorden, wie u.a. Augustinern, Antonitern und Hospitalitern vom Hl. Geist, führten in der Schweiz auch andere ma. Orden H.e, so die Ritterorden (Johanniter, Lazariter, Dt. Orden), die Benediktiner, Cluniazenser und Prämonstratenser.

In der Schweiz entstanden H.e im internat. Pilgerverkehr sowie im Passverkehr über die Alpen. An den vielen Verbindungen durch das Mittelland reihten sich die H.e der versch. Orden in Tagesabständen aneinander; das waren z.B. an der auch von Jakobspilgern genutzten Route zwischen dem Elsass und Savoyen neun Cluniazenserpriorate, darunter Leuzigen, Payerne und Romainmôtier. Besonders dicht war das Netz an H.en im alpenländ. Passverkehr. Vom 10. bis 12. Jh. wurden Klöster im Alpenraum in die Passpolitik der dt. Könige und Kaiser eingespannt. Sie übernahmen als Gegenleistung für empfangene Schenkungen die Betreuung der Reisenden - im Wallis u.a. die Klöster Bourg-Saint-Pierre am Grossen Sankt Bernhard und die Johanniterkomturei Salgesch am Simplonpass, im Bündnerland u.a. am Lukmanierpass die Benediktinerabtei Disentis nördlich und der Humiliatenorden südlich der Alpen. Die ältesten H.e entstanden am Fuss der Pässe bei den Klöstern, am Passweg selbst und an den vom Mittelland herführenden Routen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt kamen H.e auf der Passhöhe auf, z.B. auf dem Gr. St. Bernhard um 1050 (königl. Dotation), auf dem Gotthardpass 1237 und auf dem Lukmanierpass 1374 (Disentis). Allein acht H.e - wahrscheinlich wurden diese von Humiliaten geführt - sorgten von Lugano bis auf die Passhöhen des Gotthards bzw. des Lukmaniers für die Reisenden. Beeindruckend ist die Institution des über acht Jahrhunderte tätigen Hospizordens der Chorherren vom Gr. St. Bernhard, die beidseits des Passes ein weit reichendes Netz an Niederlassungen aufbauten, das im 12. und 13. Jh. von England bis Sizilien reichte.

Gründer der H.e waren ausser den Klöstern der grundbesitzende Adel und reiche Bauern, die ihre Stiftungen geistl. Leitung unterstellten. Die H.e erscheinen als klösterl. Niederlassungen im Rang von Prioraten und Komtureien eines Ordensverbands. Meist kleine geistl. Gemeinschaften von einigen Mönchen oder Laienbrüdern unter einem Prior (Komtur) oder dieser allein (lat. hospitalarius) führten die H.e, die oft nur Kirche (Kapelle), Wohnhaus (Schlafsaal für Pilger, Wohnung des geistl. Verwalters) und Ökonomie umfassten. Ihre Existenz sicherten Einkünfte aus Grund- und Gerichtsherrschaften und Zehnten wie bei anderen Klöstern.

Wegen magerer Dotierung wurden im SpätMA kleine H.e - z.B. die Priorate Bargenbrück, Leuzigen und Hettiswil - in Personalunion verwaltet und z.T. aufgegeben, zumal den H.en vom 13. Jh. an weltl. Konkurrenz durch grundherrl. Tavernen (Gasthäuser) erwuchs, die im Mittelland schon im 15. Jh. zur dörfl. Infrastruktur zählten. In den ref. Territorien wurden die noch existierenden H.e in der Reformation aufgehoben und abgebrochen oder umgenutzt und ihr Besitz karitativen Institutionen zugeführt. Erhalten blieben dagegen die wichtigsten H.e im vorwiegend kath. Alpenraum. Ab dem 19. Jh. kamen sie mit dem Wegfallen des Pilgerbetriebs z.T. in weltl. Besitz (z.B. Stiftung Pro St. Gotthard) und dienen unter weltl. Pächtern in den Sommermonaten dem tourist. Passverkehr als Hotels.

<b>Hospiz</b><br>Das Hospiz auf dem Simplonpass. Farblithografie von  Adolphe Cuvillier,  um 1850 (Museum für Kommunikation, Bern).<BR/>Im Zusammenhang mit dem Bau der Strasse ordnete Napoleon Bonaparte 1801 den Bau eines Hospizes auf der Passhöhe an und übertrug dessen Leitung den Chorherren vom Grossen St. Bernhard. Die Grundsteinlegung des auch als Kaserne geplanten Monumentalbaus erfolgte 1813 kurz vor dem Sturz des Kaisers. Nach dem Rückkauf durch den Kanton Wallis 1825 vollendeten die Chorherren den Bau nach Plänen des Lausanner Architekten Henri Perregaux und bezogen ihn 1831. Das bis heute von Chorherren als Begegnungshaus und Pension betriebene Alpenhospiz ist das grösste Europas.<BR/><BR/>
Das Hospiz auf dem Simplonpass. Farblithografie von Adolphe Cuvillier, um 1850 (Museum für Kommunikation, Bern).
(...)


Literatur
LexMA 5, 133-137
HS IV/1, 25-278; IV/4, 19-34, 289-393; IX/1

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler