• <b>Homosexualität</b><br>Richard Puller von Hohenburg und sein Geliebter am 24. September 1482 auf dem Scheiterhaufen, beschrieben und illustriert in der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). Der Elsässer Ritter und sein Geliebter, der Musiker und Barbier Anton Maetzler, die wegen Sodomie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden sind, werden in Gegenwart der Vertreter der Zürcher Zünfte hingerichtet.
  • <b>Homosexualität</b><br>Quelle: Bundesamt für Statistik  © 2006 HLS und Kohli Kartografie, Bern. Das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt es homosexuellen Paaren, ihre Partnerschaft in gewissen Bereichen rechtlich abzusichern (insbesondere Erb- und Sozialversicherungsrecht sowie Ausländerrecht).

Homosexualität

H. - eine Wortbildung aus dem psychiatr.-medizin. Diskurs des 19. Jh. - bezeichnet eine auf gleichgeschlechtl. Partner gerichtete Sexualität. Umgangssprachlich werden männl. Homosexuelle als Schwule, weibl. als Lesben bezeichnet. Die ehemals abwertende Bezeichung schwul wird seit dem ausgehenden 20. Jh. von Männern verwendet, welche bewusst und betont offen einen homosexuellen Lebensstil pflegen (Schwulenbewegung). Für männl. Homosexuelle wird seither auch das engl. Wort Gay benutzt.

1 - Homosexualität im Recht

Wurzeln einer religiös motivierten Ablehnung der H. finden sich in der indoeurop., antiken und der jüd.-christl. Tradition. Vom frühen MA an galten gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte, gestützt auf die sich auf das Neue Testament (Römer 1,26) berufenden Strafrechtsnovellen Ks. Justinians von 538 und 559, als sündhafte Abweichung von gottgewollten, naturgesetzl. Verhaltensnormen. Mit Bezeichnungen wie vitium sodomiticum (Sodom und Gomorrha, Genesis 19) machte die ma. Theologie H. schuldhaft und konstruierte einen Kausalzusammenhang zu Naturkatastrophen (Erdbeben, Hungersnöten, Pest) als Gottesstrafen.

Die ma.-frühneuzeitl. Strafverfolgung betraf homosexuelle Annäherungen eines Mannes an abhängige Jugendliche ebenso wie einvernehml. H. zwischen Erwachsenen. Alle als widernatürlich taxierten Formen des Sexualverkehrs (Unzucht), neben homosexuellen auch nicht zeugungsorientierte, empfängnisverhütende heterosexuelle, wurden unter dem Begriff Sodomie (heute im dt. Sprachgebrauch auf den Verkehr mit Tieren verengt, Zoophilie) zusammengefasst und bis in die Frühneuzeit mit dem Tod bedroht (u.a. durch die Carolina). Allerdings fielen Urteile gegen die sog. Sodomiten auch im Gebiet der heutigen Schweiz je nach Ansehen der Person aus: So wurden z.B. im Zürcher Prozess von 1482 der elsäss. Ritter Richard Puller von Hohenburg und dessen Geliebter wegen Sodomie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Anders schützten nach 1416 die Dominikaner ihren Ordensmann Heinrich von Rheinfelden nach einer Anklage wegen homosexueller Nötigung vor gerichtl. Verfolgung durch den Basler Rat. Reformation und kath. Reform verschärften die Strafverfolgung: In Genf gab es allein zwischen 1560 und 1569 fünfzehn Verfahren wegen H., sechs Hinrichtungen und acht Verbannungen. Die bis ins 17. Jh. verfolgte angebl. Teufelsbuhlschaft von Frauen (Hexen) schloss Vorstellungen von H. und Zoophilie ein.

Der Code Napoléon schaffte die Strafbarkeit der H. zwischen Erwachsenen ab. Wo er ab Anfang des 19. Jh. Geltung erhielt, v.a. in den west- und südschweiz. Kantonen, wurde homosexueller Verkehr ganz oder teilweise straffrei. Deutschschweizer Kantone dagegen ahndeten H. zwischen Erwachsenen weiterhin als Straftatbestand zwischen Offizial- und Antragsdelikt, je nach Kanton schärfer (Luzern, Aargau) oder larger (Bern, Zürich, Glarus, Solothurn). Basel verfolgte ab 1919 nur noch Sexualhandlungen von mündigen Homosexuellen mit Unmündigen sowie gewerbsmässige H. als Offizialdelikt.

<b>Homosexualität</b><br>Richard Puller von Hohenburg und sein Geliebter am 24. September 1482 auf dem Scheiterhaufen, beschrieben und illustriert in der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).<BR/>Der Elsässer Ritter und sein Geliebter, der Musiker und Barbier Anton Maetzler, die wegen Sodomie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden sind, werden in Gegenwart der Vertreter der Zürcher Zünfte hingerichtet.<BR/>
Richard Puller von Hohenburg und sein Geliebter am 24. September 1482 auf dem Scheiterhaufen, beschrieben und illustriert in der "Luzerner Chronik" von Diebold Schilling, 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
(...)

Die eidg. Strafrechtsreform (1929-42) brachte 1938 mit dem ersten bundesweiten Sexualstrafrecht, das nur noch männl. Prostitution und Sexualverkehr zwischen Männern bei Verletzung des Schutzalters von 20 verfolgte, eine Entkriminalisierung. Aber erst die Strafrechtsrevision von 1991 behandelte homo- und heterosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen bei allg. Schutzalter von 16 gleich. Homosexuelle Prostitution wurde legal, und die Erregung öffentl. Ärgernisses durch Homosexuelle fiel weg. Sexueller Missbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen blieb bei allen sexuellen Beziehungen strafbar und sexuelle Belästigung von gleichgeschlechtl. Personen wurde neu klagbar. Ab den 1990er Jahren wurde die rechtl. Anerkennung gleichgeschlechtl. Ehen und Konkubinate zwecks zivil- und erbrechtl. Besserstellung der Partner angestrebt. 2005 wurde das neue Partnerschaftsgesetz, das homosexuellen Paaren eine gesetzlich abgesicherte Partnerschaft erlaubt, mit 58% der Stimmen angenommen.

<b>Homosexualität</b><br>Quelle: Bundesamt für Statistik  © 2006 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>Das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt es homosexuellen Paaren, ihre Partnerschaft in gewissen Bereichen rechtlich abzusichern (insbesondere Erb- und Sozialversicherungsrecht sowie Ausländerrecht).<BR/>
Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz (5. Juni 2005)

2 - Homosexualität in der Gesellschaft

Bis ins 19. Jh. wurden homosexuelle Männer - und weniger offensichtlich lesb. Frauen - nach Verhaltensnormen beurteilt, die ihnen nicht gerecht wurden und sie in die Heimlichkeit abdrängten. Nur allmählich liess sich die Diskriminierung überwinden: Ein frühes Zeugnis einer Selbstdefinition war das schriftl. Geständnis der H. des Langenthaler Fürsprechs Franz Desgouttes, der 1819 in Aarwangen wegen Mordes an seinem Lehrling hingerichtet wurde. Der Glarner Autor Heinrich Hösli griff den Fall Desgouttes auf und wurde damit zum europ. Pionier homosexueller Selbstverteidigung. Als sozial unverträglich eingesperrt, verteidigte der St. Galler Jakob Rudolf Forster sein Recht auf H. in Eingaben an Straf- und Zivilbehörden bis zum Bundesrat.

Ab 1930 bildeten sich Tanz- und Geselligkeitsklubs nach dem Beispiel Berlins der 1920er Jahre zuerst in Zürich, z.B. die Lesbengruppe Amicitia 1931, später in Basel. Als schweiz. Sektionen der Schwulen- und Lesben-Selbsthilfeorganisation Bund für Menschenrecht waren sie Keimzellen der schweiz. Emanzipationsbewegung. "Der Kreis" - massgebl. Zeitschrift für ein homosexuelles Männerpublikum - bot 1932-68 Lebensberatung und Lebensstilbildung an, mahnte die Leser zu Zurückhaltung und stand auch nicht im Verkauf, sondern musste auf Empfehlung abonniert werden. Ab 1942 erschien sie mit einer franz. Beilage und ab 1951 unter dem Titel "Der Kreis-Le Cercle-The Circle" auch mit engl. Beiträgen. Anders als in den Niederlanden und Skandinavien riss in der Schweiz das anfänglich gemeinsame Band zwischen schwulen und lesb. Organisationen bald.

Mit der Entkriminalisierung der H. in den 1930er Jahren kam die Frage um deren Therapierbarkeit als Folge einer vermehrt medizin.-psychiatr. Sichtweise auf. Gleichzeitig aber verschärfte die städt. Sittenpolizei, v.a. in Zürich und Bern, ihr Vorgehen; sie verfolgte Strichjungen und deren Kunden, überwachte einschlägige Treffpunkte der schwulen Subkultur und legte Homosexuellen-Register an. Militärdienstpflichtigen Homosexuellen drohte ein Eintrag im Dienstbüchlein, den Arbeitgeber entschlüsseln konnten.

Die allg. Individualisierung des Lebensstils nach 1970 brachte die Schwulen- und Lesbenemanzipation in Gang. Viele Lesben standen der Frauenbewegung nahe. Als Coming-out bezeichnet, nahm öffentl. Sichbekennen zur gleichgeschlechtl. Veranlagung zu. Die 1971-72 gegr. Homosexuellen Aktionsgruppen Zürichs, Basels und Berns gingen 1978 mit öffentl. Protest und parlamentar. Anfragen gegen die polizeil. Registrierung vor, die im Kt. Bern erst durch Intervention des Datenschützers 1988 beendet wurde. 1978 entstand in Genf die GHOG (Groupe homosexuel de Genève) und 1976 in Lausanne die GLH (Groupe de libération homosexuelle). Diese sog. zweite Schwulenbewegung nach 1970 trat anfangs betont herausfordernd auf, um in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden: Provokativ waren u.a. Magazine wie "Hey" und "Anderschume" und das TV-Doku-Drama "Die Konsequenz" (1977) des Journalisten Alexander Ziegler. Die 1974 gegr. Homosexuellen Aktionsgruppen (ab 1993 Pink Cross) erfuhren in den 1990er Jahren einen Generationenwechsel in der Führung und etablierten sich als medienwirksame Interessengruppen. Weniger auf Öffentlichkeit erpicht, organisierten sich lesb. Frauen, so u.a. 1989 in der Lesbenorganisation Schweiz, und ökumenisch ausgerichtete Schwule und Lesben in der Organisation Homosexuelle und Kirche. Im Tessin wurde 1995 der Spazio gay in Massagno eröffnet und 2002 der Collettivo lesbico gay Ticino gegründet. Die Gruppen der sich anfänglich befehdenden effeminierten Schwulen (Tunten), der ängstl. Unkenntlichen und der provokativ Politischen wandelten sich gegen Ende des 20. Jh. zu kulturellen Szenen, die sich in eigenen Sites auf dem Internet präsentieren.

Seit 1978 erinnert auch in der Schweiz die jährl. Sommerdemonstration des Christopher Street Day an den Sturm der New Yorker Schwulen gegen die Polizei 1969. Die Immunschwächekrankheit Aids führte ab 1985 besonders bei den männl. Homosexuellen zu zahlreichen Todesfällen. Sensibilisierungskampagnen des Bundes, die von Schwulengruppen mitgetragen wurden, trugen zu risikosenkenden Verhaltensänderungen bei. Seit dem ausgehenden 20. Jh. nimmt die Kommerzialisierung der Schwulenkultur mit einem breiten Angebot von Büchern und Zeitschriften, Saunas, Bars, Diskos, Reisebüros und Hotels zu.

Quellen und Literatur

Archive
– Sozarch, Schwulenarchiv
Quellen
Beitr. der Koordinationsstelle für H. und Wissenschaft, 1988-
Literatur
– H. Schüle, H. im Schweizer Strafrecht von 1942, 21984
– E.W. Monter, «Sodomy and Heresy in Early Modern Switzerland», in The Gay Past, hg. von S.J. Licata, R.P. Petersen, 1985, 41-55
Männergeschichten, hg. von K. Trüb, S. Miescher, 1988
LexMA 5, 113-115
– E. Walser, Unentwegt emanzipatorisch, 1992
– W. Schneider Lastin «"Und solt man alle die so das tuend verbrennen, es bliben nit funffzig mannen jn Basel"», in Lust, Angst und Provokation, hg. von H. Puff, 1993, 79-103
Frauenstadt Zürich, 1994, 111-115
– B. Gerber, N. Herz, Toleriertes Unrecht, 1997
– B. Gerber Lila ist die Farbe des Regenbogens [...], 1998
– H.C. Kennedy, Der Kreis, 1999
– K.-H. Steinle Der Kreis, 1999
– C. Schlatter "Merkwürdigerweise bekam ich Neigung zu Burschen", 2002
Dictionnaire des cultures gays et lesbiennes, hg. von D. Eribon, 2003
– H. Puff, Sodomy in Reformation Germany and Switzerland 1400-1600, 2003
– T. Lau, «Sodom an der Limmat», in SZG 56, 2006, 273-294
Rechte der Lesben und Schwulen in der Schweiz, hg. von A.R. Ziegler et al., 2007
– R. Chianese Omosessualità, una bibliografia, 2007

Autorin/Autor: Erasmus Walser