Wettingen (Gemeinde)

Polit. Gem. AG, Bez. Baden. Die gartenstadtähnl. Flächensiedlung entstand zwischen dem Bauerndorf W. am Fuss der Lägern und dem Kloster W. an der Limmat. 1045 Vuettingun. 1803 847 Einw.; 1850 1'610; 1900 3'128; 1950 11'667; 1970 19'900; 2000 17'870.

Das Wettingerfeld zwischen Lägern und Limmat ist ein alter Siedlungsplatz, wie mittel- und jungsteinzeitl. Streufunde bezeugen. Zwei 1930 im Tägerhardwald gefundene Hügelgräber mit Brandbestattungen werden der Schnurkeramikkultur zugewiesen (um 2500 v.Chr.). Ein 1956 zutage getretenes Steinkistengrab an der Grenze zu Baden wird ebenfalls in die späte Jungsteinzeit datiert. In W. wurden zwei bedeutende röm. Einzelfunde entdeckt: Einerseits wurde 1633 unweit des Klosters ein grosser Geschirr- und Münzfund gemacht, über den Matthaeus Merian 1642 publizierte. Der Landvogt der Grafschaft Baden liess den Silberschatz von etwa 3 kg, der in die Zeit um 250 n.Chr. datiert, einschmelzen. Andererseits berichtete bereits Aegidius Tschudi von einer Weiheinschrift für einen Isis-Tempel, die heute im Eingang der Pfarrkirche St. Sebastian eingemauert ist und aus dem späten 1. Jh. n.Chr. stammt. Ob die Inschrift auf einen Tempelstandort in W. verweist oder nach W. verschleppt wurde, bleibt ungeklärt.

Das 1227 von Heinrich II. von Rapperswil in der Limmatschlaufe gegr. Zisterzienserkloster bestimmte die Entwicklung von W. massgeblich. Im Dorfkern dominierten die acht grossen Meierhöfe des Klosters, die sich um die Kirche gruppierten. Letztere bestand sicher vom 12. Jh. an und wurde 1894-95 neu erbaut. Bis weit ins 19. Jh. war die Gem. stark vom Rebbau abhängig, der ursprünglich auf über 80 ha an den Südhängen der Lägern betrieben wurde. Das Kloster und nach dessen Aufhebung 1841 das darin 1847 eingerichtete kant. Lehrerseminar erlangten als wichtige kulturelle Zentren für die ganze Region Bedeutung.

Mit der Gründung einer Baumwollspinnerei und -weberei in der Limmatschlaufe unterhalb des Klosters 1858 hielt die Industrie in W. Einzug. In Klosternähe und um den 1877 mit dem Bau der Schweiz. Nationalbahn in Betrieb genommenen Bahnhof entwickelte sich ein zweiter Siedlungsschwerpunkt. Ein dritter bildete sich ab 1895 in den an die Stadt Baden angrenzenden Quartieren Langenstein und Altenburg als Folge der Gründung und des raschen Wachstums der Brown, Boveri & Cie. (BBC, heute Asea Brown Boveri) in Baden. Bis zum 1. Weltkrieg verdreifachte sich die Bevölkerung, ein zweiter Schub setzte nach 1945 ein. In den 1950er Jahren gehörte W. zu den am schnellsten wachsenden Gem. in der Schweiz und entwickelte sich zur grössten Gem. im Kt. Aargau. Zeitweise waren über die Hälfte der Steuerzahler Angestellte der BBC. Die Gem. begann nach 1950 mit einer Zentrumsplanung für das noch offene Feld zwischen dem Dorf, dem Kloster und den stadtnahen Quartieren: 1955 wurde eine zweite Pfarrei mit der 1952-54 erstellten Kirche St. Anton errichtet, 1957 die Bezirksschule und 1959 das Rathaus. Ebenfalls 1959 wurde die Zone Neuer Kern genehmigt, in der eines der ersten Hochhausquartiere der Schweiz entstand. 1966 feierte W. ihren 20'000. Einwohner. Im gleichen Jahr nahm mit dem Einwohnerrat das erste Gemeindeparlament im Aargau seine Tätigkeit auf. Die Zentrumsüberbauung blieb insofern Stückwerk, als öffentl. Bauten, u.a. ein Saalbau, nicht mehr realisiert wurden. Hingegen erstellte die Gem. 1971 am östl. Ortsrand das über die Region ausstrahlende Sport- und Erholungszentrum Tägerhard, das u.a. über einen grosszügigen Saal verfügte. Das Geschäftszentrum verblieb an der Landstrasse, welche die ganze Gem. durchquert. Trotz eines kleinen Industriegebiets im Tägerhard war W. 2010 eine Wohngemeinde, die lediglich etwa 8'000 Arbeitsplätze anbot. 2000 pendelte die Mehrheit der ca. 9'000 Beschäftigten nach Baden und in den Grossraum Zürich.


Literatur
– R.W. Brüschweiler et al., Gesch. der Gem. W., 1978
– B. Meier et al., W., 2001

Autorin/Autor: Bruno Meier