21/04/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Sesshaftigkeit

S. definiert sich durch einen festen Wohnsitz. Die sesshafte Lebensweise entstand im Neolithikum, als die Jäger und Sammler zu Ackerbau und Viehhaltung übergingen. Im Jungneolithikum entstanden Ufersiedlungen als neue Form der S., später folgten die kelt. Oppida, Römische Gutshöfe und Vici. Bei den Coloni ist die Bindung an die Scholle bzw. eine rechtl. Definition der S. erkennbar. Die Leibeigenschaft des Früh- und HochMA führte zum Verlust der Freizügigkeit und zu erzwungener S. Eigenleute der ma. Grundherrschaft waren mit Schollenzwang an ihr Lehengut gebunden. Bei Hofverkäufen kamen sie als Zubehör an den neuen Herrn. Die erzwungene S. hatte im SpätMA die Landflucht der Bauern in die Stadt zur Folge. Obschon sich der Schollenzwang im 15. Jh. nicht mehr durchsetzen liess, blieb S. bis heute ein Kennzeichen der bäuerl. Welt.

Ab dem 16. Jh. gewann S. aus der Konfrontation der sesshaften mit der migrierenden Lebensweise (Fahrende, Wanderarbeit) neue Bedeutung. S. war sowohl in der Stadt als auch auf dem Land an den Besitz eines Hauses oder Hausteils gebunden. Dieser feste Wohnsitz bzw. die Zugehörigkeit zu einer städt. oder ländl. Gemeinde, in welcher der Sesshafte sein Heimat- oder Bürgerrecht hatte, verschaffte ihm nebst Pflichten vielerlei polit., soziale und wirtschaftl. Rechte. Als Bürger kamen ihm Nutzungsrechte an den Gemeindegütern Allmend, Wald, Weide und Wasser, das Recht auf freie Berufsausübung und bei Notlagen das Recht auf Fürsorge durch die Gem. zu. Als Stimmberechtigter nahm er an Gemeindeversammlungen politisch aktiv und passiv teil und war so an der Regelung der örtl. Niederlassung beteiligt. Unter dem Bevölkerungsdruck verschlossen sich ab dem 16. Jh. zuerst Städte, danach auch Dörfer Neuzuzügern zum Schutz der Nutzungsprivilegien von Eingesessenen; Niederlassungen wurden erschwert und insbesondere armen Zuzügern verweigert. Wer als Hintersasse zu minderem Recht aufgenommen worden war, konnte als eigentl. Fremder bei Fehlverhalten und Armengenössigkeit nach Ausweis seines Heimatscheins an seinen Heimatort verwiesen werden. In Städten bekämpften v.a. Zunfthandwerker aus Konkurrenzdenken die Niederlassung fremder Berufsleute. Fremdenfeindlichkeit schuf erneut eine Mobilitätsschranke, die jegl. Wohnsitzwechsel erschwerte und S. erzwang. Das Bürgerrecht, das bei Abwesenheit verfiel, wenn es nicht periodisch erneuert wurde, verhinderte oft die Gesellenwanderung der Handwerker. Nutzungs- und Berufsprivilegien und die gemeindl. Fürsorge verleiteten zu früher S. und häusl. Einrichtung ohne genügende Ausbildung. Verdienst aus der Heimarbeit verhalf auch jenen zur S., die ohne Bürgerrecht waren.

Im 19. Jh. brachte die Niederlassungsfreiheit im Verein mit der Industrialisierung die Mobilität zurück. Nun bestimmte der Arbeitsplatz die Wahl des Wohnsitzes. Der Schutz der S. verlor an Bedeutung, als ab Ende des 19. Jh. Sozialversicherungen die gemeindl. Fürsorge ersetzten. Schon 1860 wohnten nur noch 59% der Schweizer in ihren Heimatgemeinden, 1910 noch 34%. Mit dem sozioökonom. Wandel, v.a. besseren Verdienstmöglichkeiten, wuchs im 20. Jh. die Soziale Mobilität. Die Zunahme ausländ. Arbeitskräfte in den 1960er Jahren rief indes erneut xenophobe polit. Strömungen in der Überfremdungsbewegung, ab den 1980er Jahren in der Asylpolitik hervor. Anfang des 21. Jh. stand in der Schweizer Bevölkerung die mobile Lebensführung des sog. Jobnomaden der als unflexibel geltenden S. gegenüber.


Literatur
– E. Meyrat-Schlee, Mobil sind die anderen, 1993
Vom Schwinden der S., 2000
– B. Mischler, Die S. der Zürcher Stadtbevölkerung, 2006
– A.-M. Dubler, «Die Landsassenkorporation», in BEZG 71, 2009, 28-53

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler