Mazze

Das Wort wird von ital. mazza (Keule, Streitkolben) abgeleitet und bezeichnet einen symbol. Gegenstand, der im 15. und 16. Jh. im Wallis bei Aufständen verwendet wurde. Die M. trat in versch. Formen auf: Zuerst als grosse Holzkeule, dann als geschnitztes menschl. Antlitz mit entstellten Zügen, das auf das Wurzelholz einer Esche gesetzt wurde, und schliesslich als eine mit einem Leinenhemd bekleidete menschl. Gestalt. Sie war die Hauptfigur des Mazzenspiels und wurde von den Mitgliedern der Mazzengesellschaft auf einer Brücke, an einem Brunnen oder auf einem öffentl. Platz aufgerichtet (Bräuche). Ein Fürsprech veranlasste sie bzw. ihren Träger, den Mazzenmeister, durch Kopfnicken und andere Gesten die Person zu bezeichnen, die sich durch ihren tatsächl. oder angebl. Despotismus verhasst gemacht hatte, und rief die Zuschauer zu einer Strafexpedition auf. Wer daran teilnehmen wollte, schlug einen Nagel in die M. Der Mazzenmeister trug die M. von Dorf zu Dorf. Sobald genügend Verschwörer versammelt waren, schlug das Spiel in Ernst um. Die Menge zog zum Wohnsitz des Beschuldigten, vertrieb ihn und teilte sich seine Habe (Soziale Konflikte). Die Chronisten des 16. Jh. sahen im Aufstand gegen die Frh. von Raron von 1414 zu Unrecht ein Mazzenwerk. Urkundlich bezeugt ist die M. erst 1488. Ihre prominentesten Opfer waren 1496 Bf. Jost von Silenen, 1517 Kardinal Matthäus Schiner und 1527 der Söldnerführer Georg Supersaxo. 1550 gelobten die Zenden, in Zukunft weder Mazzenspiel noch Gewalt zu brauchen, und 1560 erliess der Landrat ein formelles Verbot. In seinen Abschieden ist die M. letztmals 1572 erwähnt. 1986 lebte der Brauch zum Zeichen des Protests gegen die Luftverschmutzung und 1994 gegen die Annahme der Alpeninitiative wieder auf. Die Inszenierungen von 1989, 1995 und 2007 traten umgekehrt für den Ausbau der Bahnlinie Saint-Maurice-Saint-Gingolph, die Olymp. Winterspiele 2002 und die Instandsetzung der Bahnstrecke Saint-Gingolph-Evian ein.

Die Symbolik der M. wird verschieden gedeutet: Positiv als Sinnbild der Rechte und Freiheiten des Volkes oder des Rechtes auf Widerstand gegen die Tyrannei; negativ im Breve Papst Alexanders VI. von 1500 als Götzenbild, in den Landratsabschieden als Zeichen der Gewalt und in der volkskundl. Literatur als Totensymbol oder Wilder Mann. Das Mazzenspiel gilt dementsprechend als Verschwörung gegen die Freiheit der Kirche, als Aberglaube, als Mittel der Volksjustiz, Revolutionsinstrument oder Rebellionsritual und wird mit den Heischezügen, dem Wilder-Mann-Spiel, dem Charivari und dem Fastnachtstreiben (Fasnacht) der Burschenschaften und dem Streben des aufkommenden Bürgertums nach Emanzipation von der weltl. Gewalt des Bischofs in Verbindung gebracht.


Literatur
– I. Werlen, «Die Walliser M. - ein Rebellionsritual», in SAVk, 74, 1978, 167-197
– S. Chappaz-Wirthner, «Quand un discours en cache un autre», in Tribuns et tribunes, hg. von S. Chappaz-Wirthner, C. Dubuis, 1995, 159-173
– S. Chappaz-Wirthner, «Die M.», in Vom Ding zum Mensch, hg. von T. Antonietti, W. Bellwald, 2002, 294-297
– R. di Palma Kugler, «Ein Kolben namens M.», in Forschungen zur Rechtsarchäologie und rechtl. Volkskunde 21, hg. von L. Carlen, 2004, 75-105

Autorin/Autor: Arthur Fibicher