Turgi

Polit. Gem. AG, Bez. Baden, bestehend aus der alemann. Siedlung Wil am Fuss des Gebenstorfer Horns und dem im 19. Jh. entstandenen Industriedorf T. in einer Schleife der Limmat, beide bis 1884 Teil der Gem. Gebenstorf. 1281 Turge. 1888 645 Einw.; 1900 877; 1950 1'642; 1980 2'704; 2000 2'400. Ein röm. Meilenstein (heute im Schweiz. Landesmuseum) in Wil stand an der Strasse Windisch-Baden. 1718 wurde die Antoniuskapelle in Wil errichtet. Die kath. Kirchgemeinde Gebenstorf-T. besteht seit 1911, die Pfarrei T. innerhalb derselben seit 1950. Das ref. Pfarramt in der Kirchgemeinde Birmenstorf-Gebenstorf-T. wurde 1958 errichtet.

Die Flussniederung von T. war praktisch unbewohnt, bevor die Zürcher Brüder Bebié 1826-28 eine Baumwollspinnerei errichteten, die erste Fabrik in der ehem. Grafschaft Baden. Nach einer baul. Verdoppelung war sie zwischen 1836 und 1858 mit schätzungsweise 400 Beschäftigten die grösste Spinnerei und damit wohl die grösste Fabrik der Schweiz. T. erhielt 1856 ein Bahnhofprovisorium an der Strecke Baden-Brugg und 1859 einen Inselbahnhof (1996 abgebrochen) mit zwei Buffets für Umsteigende auf die gleichzeitig eröffnete Linie T.-Waldshut, welche die Verbindung zwischen Zürich und Basel herstellte. Zwischen Spinnerei und Bahnhof entwickelte sich eine Arbeitersiedlung mit Kosthäusern und einem Schulhaus (1854). Der erste Limmatübergang entstand 1845 als Holzbrücke für die Spinnereiarbeiter. Der Gegensatz zwischen Alteingesessenen in Gebenstorf und Zugezogenen in T. eskalierte in der 1884 vollzogenen Gemeindetrennung, welche die Fabrikanten förderten. 1890 siedelte sich mit der Metallwarenfabrik W. Egloff & Co. (später Straub-Egloff) ein weiterer grosser Industriebetrieb in T. an; die Fabrikanlagen wurden 1972 abgebrochen, die Straub-Egloff AG beschränkte sich 2012 auf die Immobilienverwaltung. Vom ausgehenden 19. Jh. an wies Turgi stets eine hohe Anzahl an Stellen im 2. Sektor auf. 1962 verkauften die Nachkommen der Bebié die Spinnerei an Brown Boveri (heute ABB), die darin einen Teil ihres neuen Werks T. unterbrachte, dessen grösster Teil in Ennetturgi in der Gem. Untersiggenthal liegt.


Literatur
– A. und J. Haller, Chronik von T., 1984
– D. Sauerländer, A. Steigmeier, "Wohlhabenheit wird nur Wenigen zu Theil", 1997

Autorin/Autor: Andreas Steigmeier