Arbeitskonflikte

A. im 19.-20. Jh. sind individuelle oder kollektive Konflikte zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Interessen auf Betriebs-, Branchen-, regionaler oder nationaler Ebene (zu vergleichbaren Konfliktformen vor 1800 Soziale Konflikte). Neben Lohn und Arbeitszeit zählen die Gestaltung innerbetriebl. Freiräume, Differenzen mit Vorgesetzten und die Anerkennung von Gewerkschaften als Verhandlungs- oder gar Vertragspartner zu den Hauptursachen. Bei der Verfolgung eigener Ziele wird eine Schädigung der Gegenpartei nicht ausgeschlossen.

Individuelle A. treten v.a. dann auf, wenn Arbeitskräfte ihre Anliegen aus mannigfachen Gründen nicht kollektiv durchsetzen können oder wollen. Ihre Unzufriedenheit äussert sich in Absentismus, "innerer Kündigung", Fluktuation oder gar Sabotage. Bedeutung besass diese Form in der frühen Phase der Industrialisierung. Welche Rolle sie in den Jahren um 1970 spielte, als die schweiz. Unternehmerpresse breit über die Problematik berichtete, lässt sich beim heutigen Forschungsstand nicht abschätzen.

Bekannter sind die kollektiven Formen des A.s, bei denen sich Konflikte geringer Intensität und eigentl. Arbeitskämpfe unterscheiden lassen. Erstere wurden von Gewerkschaften Bewegungen genannt. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) veröffentlichte 1911-46 jährl. eine allerdings wackelige Statistik, in der er die Zahl der ihm gemeldeten Bewegungen sowie der organisierten und unorganisierten Beteiligten auswies. Sie zeigt deutl. Spitzen um das Ende des 1. Weltkriegs (1919 440'000 Beteiligte), Mitte der 1920er Jahre (1924 233'000) sowie gegen Ende des 2. Weltkriegs (1944 520'000). Noch in das Vorfeld der eigentl. Bewegungen gehören Berufswarnungen, z.B. vor schlechten Arbeitsbedingungen in zahlreichen Bäckereien um 1900, in der Absicht, Jugendliche von Lehren in den angeprangerten Berufen abzuhalten. Verbindlicher war die sog. Sperre: Gewerkschaftszeitungen veröffentlichten bis weit in die Zwischenkriegszeit hinein regelmässig die Namen von Firmen, die organisierte Arbeiter vorübergehend meiden sollten, um dort im A. stehende Kollegen nicht zu konkurrenzieren. Betriebsinhaber antworteten oft mit öffentl. oder vertraul. Schwarzen Listen. Kundgebungen oder Demonstrationen manifestierten gegenüber Betrieb und Öffentlichkeit Entschlossenheit und förderten die Solidarität unter den Beteiligten. So dienten z.B. Umzüge von Bauarbeitern vorbei an Baustellen zu Beginn des 20. Jh. der Mobilisierung noch arbeitender Kollegen. Nicht streikfähige oder -willige Gewerkschaften setzten Demonstrationen v.a. in den 1980er und 90er Jahren als letztes Mittel ein, z.B. in der Basler Chemie 1983 und 1996. Passiver Widerstand stand verschiedentl. zur Diskussion, z.B. 1919 bei den Typographen; über die prakt. Anwendung ist aber nichts bekannt. Boykottaufrufe erwiesen sich bis in die Zwischenkriegszeit gelegentl. als geeignetes Mittel zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei Nahrungs- und Genussmittelproduzenten mit beschränkten Absatzmärkten in Arbeiterquartieren, z.B. Bäckern oder Metzgern, wurden aber auch gegen grössere Firmen wie die Stumpenfabrik Ormond in Vevey (1912) oder die Schokoladefabrik Peter Cailler Kohler in Broc (1921) erlassen.

Meistbeachtete Formen des Arbeitskampfs sind Streiks und Aussperrungen, selbst wenn sie in der Schweiz seit den 1950er Jahren ihre Bedeutung weitgehend eingebüsst haben. Beim Maschinensturm versuchten vorab mit Heimarbeit Beschäftigte Fabriken lahm zu legen, deren höhere Produktivität ihre Aufträge gefährdete; Höhepunkt war der Usterbrand 1832. Keine Bedeutung erreichten in der Schweiz Betriebsbesetzungen. V.a. seit dem 2. Weltkrieg sind A. im Rahmen von Arbeiterkommissionen und Gesamtarbeitsverträgen entschärft und kontrolliert abgewickelt worden.


Literatur
Arbeiterkämpfe in der Schweiz 1945-1973, 1974
– Gruner, Arbeiter
– W. Keller, Zeittabellen von 1800-1978, 1980
– Gruner, Arbeiterschaft
– R. Christen et al., Schweiz. Arbeiterbewegung, 41989

Autorin/Autor: Bernard Degen