03/02/2016 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Bauernkrieg (1525)

Der grosse Aufstand des Gemeinen Mannes von 1525, der weite Teile Oberdeutschlands erfasste, ging als dt. B. in die Geschichte ein. Während die zahlreichen spätma. Aufstände selten regionale Grenzen sprengten, beteiligte sich an der Aufstandsbewegung von 1525 praktisch die ganze Untertanenschaft. Der Unterschied zu den früheren Konflikten (Ländliche Unruhen) liegt in der Grundsätzlichkeit der Ziele: Die programmat. "Zwölf Artikel" der oberschwäb. Bauern erschöpften sich nicht im Protest gegen übersteigerte Feudalabgaben und ungerechte Herrschaftspraxis, sondern gingen von einer reformationstheologisch fundierten Kritik aus, die auf eine Entfeudalisierung von Recht, Staat und Kirche hinauslief. Die Aufständischen stellten das Machtmonopol von Adel und Geistlichkeit radikal in Frage. Zu Recht wird deshalb von einer revolutionären Bewegung gesprochen, die das Evangelium, das Göttl. Recht und den Gemeinen Nutzen zum verbindl. Massstab der gesellschaftl. Ordnung nehmen wollte.

Die Etikettierung des B.s als Bauernaufstand verstellt den Blick auf die breite soziale Basis. Der Aufstand war keineswegs allein eine Empörung der ländl. Bevölkerung, sondern umfasste ebenso die städt. Gesellschaft. Die Bundsgenossen selber verstanden sich als Christl. Vereinigung und benannten den Träger ihrer Bewegung als den Gemeinen Mann. Die Bezeichnung B. stellt überdies die ereignisgeschichtliche Spektakularität der anfänglich militär. Erfolge der Bünde und die anschliessenden Massaker im Sommer 1525 stark in den Vordergrund. Sie verpasst es jedoch, den Aufstand als polit. Bewegung zu verstehen, welche gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse und rechtl. Strukturen eine neue Gesellschaftsordnung auf der Grundlage von Evangelium und Gemeinde durchzusetzen gewillt war.

Die Aufstandsbewegung erfasste innert kürzester Zeit fast alle Landschaften - Adelsherrschaften, geistl. Territorien wie auch reichsstädt. Gebiete - zwischen Thüringen und Lothringen im Norden sowie Tirol und der Eidgenossenschaft im Süden. Ihre ungeheure Resonanz ist nur erklärbar mit der Affinität des Gemeinen Mannes für die Botschaft der Reformation. Diese kam besonders in ihrer zwinglianischen Ausprägung den weit verbreiteten Vorstellungen einer christl. orientierten egalitär-genossenschaftl. Vergesellschaftung entgegen. In einer kommunalistisch-korporativen Sozialordnung aber war für das Herrschaftsprivileg von Adel und Klerus kein Platz.

Nördlich des Rheins eskalierten die Konflikte. Sie endeten in der totalen Niederschlagung, was in Deutschland die Entwicklung zum obrigkeitl. Territorialstaat unter weitgehender Ausschaltung der Untertanen von jegl. Partizipation nachhaltig festschrieb. Für die Gebiete der Eidgenossenschaft sind demgegenüber nur begrenzte Gewaltkonflikte auszumachen: Der Dialog zwischen Obrigkeit und Untertanen brach nie gänzlich ab und machte nur in wenigen Fällen der gewalttätigen Auseinandersetzung Platz. Die polit. Ziele der bäuerl. und städt. Untertanen widerspiegelten die unterschiedlichen rechtl. und herrschaftl. Verhältnisse in den eidg. Orten und gemeinen Herrschaften. Die Rezeption reformator. Gedankenguts setzte 1523 in der Zürcher Landschaft ein, vorläufig noch ohne dass die täufer. Gruppierungen ausgegrenzt wurden. Die Zürcher Untertanen stellten v.a. die bestehenden Zehntrechte in Frage. Nachdem es schon 1524 im zürcher.-thurg. Grenzgebiet zum Konflikt gekommen war (Ittingersturm), folgten 1525 bäuerl. Übergriffe auf die Klöster Rüti und Bubikon. Die reformator. Dynamik mit ihrer antiklerikalen Stossrichtung strahlte rasch auf das benachbarte Schaffhausen (Hallau, Schleitheim) und in den Thurgau aus. Hier forderten die Gem. nicht nur die Kommunalisierung der Kirche, sondern brachten auch ihren Anspruch auf polit. Autonomie der Landschaft zur Geltung. Dabei rückte der eidg. Landvogt, damals ein altgläubiger Schwyzer, ins Zentrum der Auseinandersetzungen. Die Untertanen der St. Galler Landschaft und des Toggenburgs stellten die Herrschaft des Fürstabtes grundsätzlich in Frage. In der Basler Landschaft und im Berner Gebiet rückte besonders die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Freizügigkeit der Untertanen in den Vordergrund.

Graubünden gehörte mit dem Tirol zu den Landschaften, in denen die Ausstrahlung des B.s besonders wirksam war. Wie kaum anderswo setzte sich hier das Prinzip der Gemeindereformation durch. Zugleich gelang es mit der Zustimmung zu den Ilanzer Artikeln von 1524 und 1526, den weltl. Herrschaftsanspruch des Bf. von Chur praktisch vollumfänglich abzuschaffen.


Literatur
Aufruhr und Empörung?, hg. von P. Blickle, 1980
Bauer, Reich und Reformation, hg. von P. Blickle, 1982
– C. Dietrich, Die Stadt Zürich und ihre Landgem. während der Bauernunruhen von 1489 bis 1525, 1985
Zugänge zur bäuerl. Reformation, hg. von P. Blickle, 1987
– P. Blickle, Die Revolution von 1525, 31993
Der dt. B., hg. von H. Buszello et al., 31995

Autorin/Autor: Hans von Rütte