• <b>Jugendbewegungen</b><br>Titelseite der Monatszeitschrift der Sozialistischen Jugend der Schweiz, Juli 1933 (Schweizerisches Sozialarchiv). Die Sozialistische Jugend der Schweiz, 1926 in Zürich gegründet, spielte in den Krisenjahren bis 1940 eine wichtige Rolle für die jungen Arbeiter. Die verschiedenen kantonalen Sektionen zählten etwa 25 Jugendgruppen, zu deren bedeutendsten die Federazione giovanile socialista ticinese sowie die Sozialistische Arbeiterjugend Zürich gehörten. Diese Gruppen organisierten zum Beispiel Kurse über den Sozialismus, Ferienlager, sportliche Aktivitäten oder antifaschistische Veranstaltungen.

Jugendbewegungen

Als wissenschaftl. Begriff bezeichnen J. soziale Bewegungen, deren Anhängerschaft hauptsächlich aus Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen besteht. Der für die Entstehung von J. wichtige Generationszusammenhang ist durch die kollektive Erfahrung von bestimmten gesellschaftspolit. Entwicklungen gegeben. Wie andere soziale Bewegungen haben J. einen eher niedrigen Organisationsgrad und sind durch eine grosse Bandbreite an Aktionsmitteln charakterisiert, wobei nicht-institutionelle und direkte Aktivitäten überwiegen. Da das Lebensalter im Fall der J. eine zentrale Kategorie und die Jugend eine Übergangsphase darstellt, sind die einzelnen J. in der Regel von relativ kurzer Dauer.

Während Burschenschaften, Studentenverbindungen, Turnerbewegungen, Gesellen- und Kadettenvereine des 19. Jh. als Vorläufer der modernen J. gelten, kam der Begriff der Jugendbewegung an der Wende zum 20. Jh. auf, als sich allmählich ein neues Verständnis von Jugend als eigenständige Lebensphase und soziales Subsystem durchsetzte. Nach ihrem Selbstverständnis gehen J. von der Jugend selbst aus und sollen auch von ihr geführt werden. Sie grenzen sich häufig bewusst gegen die als dominant empfundene Erwachsenenkultur ab und widersetzen sich gesellschaftl. Konventionen. Ihren Generationszusammenhalt stellen J. her, indem sie Moden, Trends und Lebensstile als verbindende soziokulturelle Codes benutzen.

1 - Unterschiede und Abgrenzungen

Unterschiede zwischen den einzelnen J. bestehen hinsichtlich der sozialen Herkunft der Anhängerschaft. Während unter den Anhängern der Burschenschaften des 19. Jh., den Studentenverbindungen und der Studentenbewegung von 1968 eine bildungsbürgerl. Sozialisation dominierte, kamen die Mitglieder sozialist. J. vorwiegend aus der Arbeiterschicht. Die meisten J. des frühen 20. Jh. wurden durch Erwachsene (v.a. Männer) organisiert und geführt, so die Pfadfinder, Wandervogelbewegungen oder religiöse J. Nach dem 2. Weltkrieg waren vermehrt Jugendliche bzw. junge Erwachsene treibende Kräfte der Bewegungen, etwa in der Halbstarkenbewegung, der Studentenbewegung und später in der autonomen Bewegung.

Als offen strukturierte Zusammenschlüsse sind J. auf organisator. Ebene gegen Jugendverbände, Jugendvereine und Studentenverbindungen abzugrenzen, die zwar zuweilen als Teil von J. agieren, jedoch viel stärker institutionalisiert sind. Unterschiede bestehen auch zu Nachwuchsorganisationen wie den Jungparteien, die meist als Sozialisationsagenturen für bereits bestehende Gruppierungen dienen.

Im Bezug auf die Ziele geht es gewissen J. primär um die Stärkung des Körperbewusstseins, was durch phys. Ertüchtigung bis hin zu Körperkult und Hochhaltung von Disziplin erreicht werden soll (Turnbewegung, Pfadfinder). Für J. mit lebensreformer. Zielen sind Naturverbundenheit und sozialromant. Lebensideale kennzeichnend, die in abstinenten und gesundheitsbewussten Lebensweisen (Wandervogel) oder gegenkultureller Symbolik zum Ausdruck kommen (Hippies, Alternative). Für J. mit (sub)kulturellen Anliegen sind bestimmte Codes und Stile charakteristisch, wobei sich Ästhetik und Symbolik bisweilen mit gesellschaftl. Gegenentwürfen und polit. Einstellungen verbinden (Punks, Autonome, Skinheads).

Autorin/Autor: Damir Skenderovic

2 - Die Anfänge der Jugendbewegungen

Die erste Phase der modernen J. in der Schweiz erstreckt sich über das 1. Drittel des 20. Jh. Wie in anderen europ. Ländern löste um die Jahrhundertwende der gesellschaftl. und wirtschaftl. Umbruch eine Identitätskrise des Bildungsbürgertums aus. Dies führte u.a. dazu, dass Jugend und Jugendlichkeit in Form eines neuen Körperbewusstseins und Gemeinschaftssinns stark an Bedeutung gewannen. Zugleich erwiesen sich das Zelebrieren männl. Kameradschaft und das Hochhalten von Werten wie Treue und Gehorsam nicht selten als anschlussfähig an die Vorstellungen der autoritären Rechten.

Während die in den 1910er Jahren entstehende schweiz. Pfadfinderbewegung zunächst paramilitär. Züge aufwies, wurden Kameradschaftsgeist und Verantwortungsbewusstsein als erzieher. Ziele zunehmend wichtig. J. mit lebensreformer. Ambitionen (Lebensreformbewegung) ging es um ein neues Verhältnis von Jugend, Körper und Natur. Wie in Deutschland gilt der Schweiz. Wandervogel, 1907 als Teil der Abstinenzbewegung gegründet, als erste Jugendbewegung im engeren Sinn. Mittels eines schwärmer. Wander- und Naturkults propagierte sie Jugendvitalität und ein neues Gesundheitsbewusstsein.

<b>Jugendbewegungen</b><br>Titelseite der Monatszeitschrift der Sozialistischen Jugend der Schweiz, Juli 1933 (Schweizerisches Sozialarchiv).<BR/>Die Sozialistische Jugend der Schweiz, 1926 in Zürich gegründet, spielte in den Krisenjahren bis 1940 eine wichtige Rolle für die jungen Arbeiter. Die verschiedenen kantonalen Sektionen zählten etwa 25 Jugendgruppen, zu deren bedeutendsten die Federazione giovanile socialista ticinese sowie die Sozialistische Arbeiterjugend Zürich gehörten. Diese Gruppen organisierten zum Beispiel Kurse über den Sozialismus, Ferienlager, sportliche Aktivitäten oder antifaschistische Veranstaltungen.<BR/>
Titelseite der Monatszeitschrift der Sozialistischen Jugend der Schweiz, Juli 1933 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Andererseits gelang es der sozialist. Jugendbewegung im Zuge der aufstrebenden Arbeiterbewegung, verschiedene linke Kräfte der Jugend zu sammeln, wobei sie auch feste organisator. Strukturen aufbaute (z.B. ab 1900 die Jungburschenvereine). Auf der Gegenseite entwickelte die kath. Jugendbewegung ebenfalls vielfältige Organisationsformen (z.B. ab 1932 Jungwacht, ab 1933 Blauring).

Autorin/Autor: Damir Skenderovic

3 - Protest und Ernüchterung

In der zweiten Phase von den 1950er bis in die 80er Jahre waren die J. in der Schweiz durch das Aufkommen von ersten Protestbewegungen und Subkulturen geprägt. Teile der Jugend begannen mit antikonformist. Haltungen auf die Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft hinzuweisen. Als Folge des steigenden Misstrauens gegenüber Autoritäten und der Erwachsenenwelt formierten sich vermehrt J. im engeren Sinn, die sich als selbstbestimmte, von Institutionen unabhängige Bewegungen sahen.

Zu Beginn der 1960er Jahre erregte zunächst die Halbstarkenbewegung mit ihrer Kleidung und kleineren Krawallen Aufmerksamkeit. Sie leitete aber aus ihrem nonkonformen Auftreten noch keine weitergehenden Forderungen ab. Wie in anderen westl. Ländern artikulierte dann die Studentenbewegung von 1968 grundsätzl. Kritik an Staat, Gesellschaft und Politik, und ihre Proteste mündeten in mehreren Städten in Jugendunruhen. Zur gleichen Zeit entwarfen Hippies alternative Lebensweisen, die in lebensreformer. Natur- und Gemeinschaftsromantik und im freien Umgang mit Drogen und Sexualität zum Ausdruck kamen. Später rekrutierten die neuen sozialen Bewegungen wie die Ökologische Bewegung, die Frauenbewegung und die Solidaritätsbewegung Teile ihrer Anhängerschaft aus der 68er-Generation.

Nach der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre machte sich bei einem Teil der Jugend der 70er Jahre Ernüchterung breit, die in der Punkbewegung in eine subversiv-anarchist. Haltung mündete. Als es 1980-81 in der Schweiz zu erneuten Jugendunruhen kam und sich die Forderungen nach kulturellen Freiräumen mit einer radikal-dissidenten Haltung verbanden, reagierten die staatl. Behörden mit massiver Repression auf die sog. 80er-Bewegung.

Autorin/Autor: Damir Skenderovic

4 - Diversifizierung in Subkulturen

Die dritte Phase seit den 1990er Jahren ist durch Diversifizierung der J. gekennzeichnet, z.T. begleitet von einer Entpolitisierung und Kommerzialisierung der Jugendkulturen. Mit der Ausdifferenzierung von Lebensstilen entstand eine Vielfalt an jugendl. Subkulturen und Szenen, die sich durch kulturelle Codes mit Hilfe von Kleidung und Musik (z.B. Techno, Hip Hop) oder Trendsportarten (z.B. Skater, Snowboarder) voneinander unterschieden. Mit der breiten, aber stark diversifizierten Techno-Bewegung erlebte zudem ein konsumorientiertes Konzept von "Jugend" seinen Höhepunkt, das bereits in den 1960er Jahren im angelsächs. Raum von der Kultur- und Werbeindustrie als sozioökonom. Modell zu kommerziellen Zwecken entworfen worden war.

Andererseits stellte die autonome Bewegung weiterhin ihre Mobilisierungskraft unter Beweis, wie z.B. die Auseinandersetzungen um das Wohlgroth-Areal in Zürich oder das Kulturzentrum Il Molino in Lugano belegen. Sie spielte auch bei antirassist. Demonstrationen (z.B. Antifa) und der aufkommenden Anti-Globalisierungsbewegung (z.B. Attac) eine einflussreiche Rolle. Als Teil der heterogenen Skinheadbewegung, die ihren Ursprung in der Arbeiterjugend Grossbritanniens Ende der 1960er Jahre hatte, wurden ferner rechtsextreme Skinheads in den 90er Jahren zunehmend als neue J. von rechts wahrgenommen.

Quellen und Literatur

Literatur
– J. Jung, Kath. Jugendbewegung in der dt. Schweiz, 1988
– J.R. Gillis Gesch. der Jugend, 1994 (engl. 1974)
A walk on the wild side, Ausstellungskat. Lenzburg, 1997
– H. Willems, Jugendunruhen und Protestbewegungen, 1997
– P. Anz, P. Walder, Techno, 1999
– W. Ferchhoff, Jugend an der Wende vom 20. Jh. zum 21. Jh., 1999
– A. Petersen, Radikale Jugend, 2001
– D. Skenderovic, «Art goes Pop!», in Fri-Art, 2001, 10-55
Hot Love: Swiss Punk & Wave, 1976-1980, hg. von L. Grand, 2006

Autorin/Autor: Damir Skenderovic