11/04/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken

Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz (CNG)

Der CNG war eine gesamtschweiz. Arbeitnehmerorganisation, die sich in ihren Zielen und Aktionsmitteln von der christl. Sozialethik und -lehre leiten liess. Sie umfasste im Jahr 2000 sechs christl. Berufsverbände und kantonale christl. Gewerkschaftsvereinigungen. Der Sitz des CNG war ab 1953 in Bern. Mit 102'274 Mitgliedern war dieser 1999 die zweitstärkste Kraft der schweiz. Arbeiterbewegung. Zusammen mit der Vereinigung schweiz. Angestelltenverbände (VSA) ging der CNG Anfang 2003 in der neuen Dachorganisation Travail.Suisse auf.

In St. Gallen entstanden 1899 als nicht-sozialist. Antwort auf die sozialen Probleme der Industrialisierung ein erster kath. Arbeiter- sowie ein Arbeiterinnenverein, Selbsthilfeinstitutionen und eine christl. Gewerkschaft. Diese Bewegungen wurden durch die Sozialenzyklika "Rerum novarum" (1891) Papst Leos XIII. und die Entstehung ähnl. Organisationen im Dt. Reich angeregt. Obwohl sich die neuen Vereinigungen apolitisch und interkonfessionell gaben, dominierte das kath. Element. In der Ostschweiz und in Zürich bildeten sich in allen wichtigen Industriezweigen rasch weitere christl. Gewerkschaften. In Abgrenzung zum klassenkämpferischen Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) gründeten sie 1907 ihre erste Dachorganisation, den Christlichsozialen Gewerkschaftsbund der Schweiz (CSG) mit rund 4'500 Mitgliedern. Nach einer Krise gelang der 1921 in CNG umbenannten Organisation die Konsolidierung als eigenständiger Teil der schweiz. Arbeiterbewegung, der sich definitiv ins kath.-konservative Lager integrierte. In der Westschweiz konnten sich die christl. Gewerkschaften ab 1916 ebenfalls etablieren, im Tessin folgten nach einer ersten Gründung im Jahr 1918 ab 1920 weitere christlichsoziale Gewerkschaften.

Wichtigste Ziele des CNG waren soziale Schulung, die Schaffung eines Unterstützungswesens und die genossenschaftl. Selbsthilfe. Trotz heftiger Auseinandersetzungen mit dem SGB über Inhalte und Mittel der Gewerkschaften kam es während des 1. Weltkriegs zu einer pragmat. Zusammenarbeit der beiden Organisationen. Hauptstreitpunkt blieb die Frage des Streiks, der gemäss CNG nur ein Ausnahmemittel war. Entsprechend distanzierte sich der CNG 1918 vom Streikaufruf des Oltener Aktionskomitees. Zur Erhöhung seiner Einflussmöglichkeiten lehnte er sich an den Christlichsozialen Arbeiterbund (CAB) an, der 1919 gegründet wurde. Mit dessen Umwandlung in den Dachverband Christl. Sozialbewegung der Schweiz (CSB) übernahm der CNG die Führung der gesamten Bewegung. Inhaltlich setzte er sich ab den 1930er Jahren für eine berufsständ.-korporative Neuordnung ein. Während der Hochkonjunktur der 1960er Jahre kamen zunehmend allgemeine, über eigentl. Arbeitnehmerfragen hinausführende Bereiche hinzu. 1971 lancierte er erstmals gemeinsam mit dem SGB und dem Schweizerischen Verband evangelischer Arbeitnehmer (SVEA) eine Initiative, welche die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Betrieb forderte. Wichtigen Stellenwert hatten in den 1980er Jahren die Humanisierung der Arbeit und die Arbeitsplatzsicherheit (Initiative für verbesserten Kündigungsschutz 1981). In den 1990er Jahren wurden wieder sozialpolit. Forderungen und Zielsetzungen prioritär, wie die Sicherung der Arbeitsplätze, Beschäftigungs- und familienbezogene Sozialpolitik. Der CNG pflegt eine enge Zusammenarbeit mit dem christlichsozialen Parteiflügel der CVP. Die Stellung innerhalb der Partei ist jedoch schwach und die Bindung hat sich in den 1990er Jahren weiter gelockert.

1941 zählte die Gewerkschaft rund 36'000 Mitglieder, 1951 50'000, 1961 84'000, 1975 106'000 und 1990 116'000 (Höchststand). 1982 trat der SVEA mit rund 4'000 Mitgliedern dem CNG bei. Aufgrund der wirtschaftl. Stagnation und der Schrumpfung der traditionellen Organisationsbereiche -- bedingt durch den beschleunigten Strukturwandel -- sank die Mitgliederzahl bis 1997 auf 93'100. Der Christl. Holz- und Bauarbeiterverband (CHB), die Christl. Gewerkschaft für Industrie, Handel und Gewerbe (CMV), die Schweiz. Graf. Gewerkschaft (SGG) sowie der Landesverband Freier Schweizer Arbeitnehmer (LFSA) - der mit rund 18'000 Mitgliedern vorher nicht zu den christl. Gewerkschaften gehört hatte - schlossen sich 1998 zur Syna (ca. 80'000 Mitglieder) zusammen, die sich unter das Dach des CNG stellte. Damit konnte der CNG seine Mitgliederzahl wieder auf ca. 102'000 erhöhen. Im Jahr 2000 fusionierten die Gewerkschaften des christl. Verkehrs- und Bundespersonals zum Verband Transfair, der ebenfalls rund 18'000 Mitglieder zählt. Der durch das Zusammengehen von CNG und VSA entstandene Travail.Suisse vertritt - parteipolitisch und konfessionell unabhängig - die Interessen von zwölf Einzelorganisationen, die 2003 rund 167'000 Personen zählten.


Quellen
Jahresber. CNG
Literatur
SPJ, 1965-
– R. Ruffieux, Le mouvement chrétien-social en Suisse romande, 1969
– U. Altermatt, Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto, 1972 (31995)
– R. Fluder et al., Gewerkschaften und Angestelltenverbände in der schweiz. Privatwirtschaft, 1991
– R. Fluder, Interessenorganisationen und kollektive Arbeitsbeziehungen im öffentl. Dienst der Schweiz, 1996
NZZ, 14.12.2002

Autorin/Autor: Wolfgang Göldi