• <b>Internationale</b><br>Postkarte, veröffentlicht anlässlich des ausserordentlichen Kongresses der sozialistischen Internationale vom 24. bis 26. November 1912 in Basel (Schweizerisches Sozialarchiv). Das Proletariat, stolz aufgerichtet am Ufer des Rheins mit der Basler Altstadt und dem Münster im Hintergrund, stösst die Stange der roten Fahne in die kapitalistische Schlange. Der Kongress wurde organisiert in der Hoffnung, die Aufrüstung aufzuhalten in einer Zeit, in der der Friede ernsthaft bedroht war.

Internationale

Die Begriffe I. und Internationalismus entstanden 1864 mit der Gründung der Ersten I. Sie meinen eine internat. Vereinigung von Parteien und Gewerkschaften, im engeren Sinn der sozialist. und kommunist. Arbeiterbewegung. Grundgedanken sind die internat. Solidarität des Proletariats sowie der Sturz der kapitalist. Klassenherrschaft und die Schaffung einer sozialist. Gesellschaftsordnung (Sozialismus).

Der ersten Vereinigung folgten weitere, in konzeptioneller und ideolog. Hinsicht unterschiedliche I.n, die sich teils gegenseitig konkurrenzierten. Nach dem 2. Weltkrieg hatten diese Organisationen mit ihren Anfängen nur noch die Bezeichnung gemeinsam. Die Schweiz war aufgrund ihrer bis zum 1. Weltkrieg im europ. Vergleich liberalen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, ihrer Neutralität wie ihrer geogr. Lage bis etwa in die Mitte des 20. Jh. ein wichtiger Schauplatz der internat. Bestrebungen der Arbeiterschaft; sie spielte insbesondere auch während der beiden Weltkriege für den Internationalismus eine gewisse Rolle.

1 - Erste Internationale

Die internat. Organisationsversuche der Arbeiterschaft setzten in den 1830er Jahren ein, zeitigten aber noch keinen dauerhaften Erfolg. 1864 gründeten engl. und franz. Arbeiter in London die "Internationale Arbeiter-Assoziation" (später Erste I., wobei die Ordnungszahl häufig auch mit röm. Ziffern wiedergegeben wird). Sie umfasste heterogene Strömungen der Arbeiter- wie zunächst auch der bürgerlich-liberalen Bewegung in West-, Nord- sowie Südeuropa und den USA. Der Generalrat mit Karl Marx als prägender Persönlichkeit koordinierte bis 1872 in London ihre Politik.

Die Schweiz zählte zu den wichtigen Ländern der Organisation. Zentren waren Genf, Lausanne und die Waadt, der Jura, Basel und Zürich, es gab aber auch kleinstädt. und ländl. Sektionen. Eine besondere Rolle spielte Genf mit Johann Philipp Becker; hier bestand auch die einzige Frauensektion der Schweiz. Die Sektionen gründeten Gewerkschaften bisher nicht organisierter Berufe, Produktivgenossenschaften und Zeitungen, die zumeist nur vorübergehend bestanden; Streiks in bisher unbekannter Zahl, teilweise von der Internat. Arbeiter-Assoziation unterstützt, förderten das Klassenbewusstsein. 1868 erreichte die Internat. Arbeiter-Assoziation in der Schweiz mit ca. 120 Sektionen und ca. 10'000 Mitgliedern ihren Höhepunkt; der Grütliverein schloss sich jedoch nicht an. Kongresse der Internat. Arbeiter-Assoziation fanden 1866 in Genf, 1867 in Lausanne und 1869 in Basel statt. Ab 1869/70 wurde die Schweiz zu einem Hauptschauplatz im Richtungsstreit zwischen den Anhängern von Marx und Michail Bakunin (Anarchismus), die Fédération jurassienne zur hartnäckigen Kritikerin des Generalrats. 1872 schloss der Kongress in Den Haag Bakunin und James Guillaume aus und verlegte den Sitz des Generalrats nach New York, was faktisch das Ende der Internat. Arbeiter-Assoziation bedeutete. 1876 löste sie sich auf.

Die Föderalisten beschlossen ihrerseits in Saint-Imier die Gründung der "Antiautoritären I.", die 1873 in Genf erfolgte. 1874-77 führte die Fédération jurassienne das "Bureau fédéral international". 1876 fand der dritte Kongress in Bern, 1877 der letzte in Verviers (Belgien) statt.

Autorin/Autor: Markus Bürgi

2 - Zweite Internationale

Die Wiedererrichtung der I. gelang nach mehreren Anläufen erst 1889 in Paris, doch tagten gleichzeitig zwei rivalisierende Kongresse. Der sogenannte Marxisten-Kongress wurde mit dem Beschluss, am 1. Mai 1890 für den Achtstundentag zu demonstrieren, nachträglich zum Gründungskongress der "Neuen I.", zu deren Bezeichnung sich erst um 1914 der Begriff "Zweite I." einbürgerte. Die Neue I. baute auf den nationalen Arbeiterparteien mit ihren unterschiedlichen sozialist. Tendenzen auf. Bis 1900 fehlte jede feste Organisation, und auch das 1900 gegr. Internationale Sozialistische Büro in Brüssel war nur eine Informations- und Koordinationsstelle. 1896 schloss der Kongress in London die Anarchisten aus, die sich ab 1881 auch unabhängig auf Kongressen der Anarchistischen I. trafen, so etwa 1896 in Zürich. Zugleich trennten sich die Parteien von den Gewerkschaften, die zunächst ebenfalls zur Neuen I. gehört hatten. Ab 1901 führten Letztere internat. Gewerkschaftskonferenzen durch, seit der Konferenz in Zürich 1913 als Internat. Gewerkschaftsbund. Bis 1914 zählte die Neue I. Mitglieder auf allen Kontinenten, doch blieb sie stets eurozentrisch und an den Bedingungen und Interessen der Industrieländer orientiert. Neben den grossen theoret. Debatten (z.B. Reform und Revolution) befassten sich alle Kongresse angesichts der Hochrüstung der europ. Mächte mit der Frage von Krieg und Frieden. Zwei Beschlüsse überdauerten die Zweite I.: Der internationale Kampf- und Feiertag am Ersten Mai und der Internat. Frauentag am 8. März (Internat. Sozialist. Frauenkonferenz, Kopenhagen 1910).

Die schweiz. Arbeiterorganisationen spielten während der Anfänge der Neuen I. eine wichtige Rolle; 1893 fand der dritte Kongress in Zürich statt. Danach verlor die Schweiz an Bedeutung. Im Internat. Sozialist. Büro war sie erst ab 1911 regelmässig vertreten. Nach Ausbruch des 1. Balkankriegs fand im Nov. 1912 ein ausserordentl. Kongress in Basel statt, der als Demonstration gegen den drohenden Weltkrieg international viel Beachtung fand. Als am 1.8.1914 der Krieg ausbrach, unterstützten dennoch die meisten Parteien in einem sog. Burgfrieden die Kriegspolitik ihrer Regierungen. Der Zusammenbruch der I. erschütterte die internat. Arbeiterbewegung tief.

<b>Internationale</b><br>Postkarte, veröffentlicht anlässlich des ausserordentlichen Kongresses der sozialistischen Internationale vom 24. bis 26. November 1912 in Basel (Schweizerisches Sozialarchiv).<BR/>Das Proletariat, stolz aufgerichtet am Ufer des Rheins mit der Basler Altstadt und dem Münster im Hintergrund, stösst die Stange der roten Fahne in die kapitalistische Schlange. Der Kongress wurde organisiert in der Hoffnung, die Aufrüstung aufzuhalten in einer Zeit, in der der Friede ernsthaft bedroht war.<BR/>
Postkarte, veröffentlicht anlässlich des ausserordentlichen Kongresses der sozialistischen Internationale vom 24. bis 26. November 1912 in Basel (Schweizerisches Sozialarchiv).
(...)

Während des Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit erhielt die neutrale Schweiz für die I. erneut Bedeutung. Bereits im Sept. 1914 protestierten schweiz. und ital. Sozialdemokraten auf einem Treffen in Lugano gegen den Krieg, im Frühjahr 1915 dann auch internat. Konferenzen der Sozialist. Jugendorganisationen und der Sozialist. Frauen in Bern. Eine Initiative Robert Grimms führte 1915 und 1916 erstmals Vertreter der Krieg führenden Länder in den Konferenzen von Zimmerwald und Kiental zusammen (Zimmerwalder Bewegung).

Autorin/Autor: Markus Bürgi

3 - Dritte Internationale

Die Radikalisierung der Arbeiterbewegungen im Weltkrieg und die Russische Revolution im Okt. 1917 führten nach Kriegsende zu drei konkurrierenden I.n. Im März 1919 gründeten Vertreter kommunist. Zirkel und Parteien in Moskau mit dem Ziel der proletar. Weltrevolution die Kommunist. I., die auch als Komintern oder Dritte I. bezeichnet wird. Der zweite Kongress 1920 schuf mit einem Statut und den "21 Bedingungen" eine straffe Organisation, in der die Mitgliedsparteien zu Sektionen einer Weltpartei wurden, die sich nach den Kriterien des demokrat. Zentralismus dem Exekutivkomitee der Komintern bzw. dem Präsidium in Moskau bedingungslos unterzuordnen und die kommunist. Prinzipien in der eigenen Partei durchzusetzen hatten (Kommunismus). In den 1920er Jahren wurde der Apparat der Komintern ausgebaut, in dem nun die Bolschewiki dominierten. Die Ländersekretariate und ständigen Auslandbüros bestimmten den Kurs der nationalen Sektionen. Massenorganisationen (Rote Gewerkschaftsinternationale, Internationale Kommunist. Frauenbewegung, Kommunist. Jugendinternationale, Internat. Rote Hilfe u.a.) sollten die Verbindung zwischen kommunist. Parteien und arbeitender Bevölkerung schaffen. Zunehmend legitimierte die Komintern nun die innen- und aussenpolit. Bedürfnisse der Sowjetunion mit ihren ideolog. Wendungen (Sozialfaschismus, Volksfront, Hitler-Stalin-Pakt 1939 usw.). 1943 löste Stalin die Organisation als Geste gegenüber den Alliierten auf.

1938 gründete Leo Trotzki bei Paris die Vierte I. als "Weltpartei der sozialistischen Revolution", eine Dachorganisation seiner Anhänger, der Trotzkisten, mit orthodox leninist. Programm (Linksradikalismus). Mehr als marginale Bedeutung erlangte die Vierte I. nur vorübergehend in einzelnen Ländern, z.B. im damaligen Ceylon. Nach 1968 war sie in der Schweiz für die Revolutionäre Marxist. Liga (Sozialistische Arbeiterpartei) ein Orientierungspunkt.

Autorin/Autor: Markus Bürgi

4 - Sozialistische Arbeiter-Internationale

Die Zweite I. wurde unter Führung der brit. Labour Party nach vorbereitenden Konferenzen in Bern (Febr. 1919), Amsterdam und Luzern (Aug. 1919) im Sommer 1920 auf einem Kongress in Genf wiedererrichtet, weshalb sie gelegentlich auch Genfer I. genannt wird. Da sich ihr die linkssozialist. Parteien nicht anschlossen, blieb sie bedeutungslos.

Zwischen Komintern und Zweiter I. suchten einige linke sozialdemokrat. Parteien eine eigene Position. Sie schlossen sich unter Führung der Sozialdemokrat. Arbeiterpartei Österreichs im Febr. 1921 in Wien in der Internat. Arbeitsgemeinschaft Sozialist. Parteien (auch Zweieinhalbte oder Wiener I.) zusammen. 1922 scheiterte ihre Initiative zur Vereinigung der drei I.n, führte aber zur Annäherung an die Zweite I. und im Mai 1923 in Hamburg zur Vereinigung in der Sozialistischen Arbeiter-I. Damit wurde die Spaltung in eine sozialdemokrat. und eine kommunist. I. endgültig.

Die Sozialist. Arbeiter-I. mit ihren unterschiedlichen sozialist. Strömungen verstand sich als demokrat. Alternative zu Kommunismus wie Faschismus. Zwischen den periodisch einberufenen Kongressen tagte die Exekutive. Der Sitz des Sekretariats befand sich erst in London, 1926-35 in Zürich, danach in Brüssel. Nur eine Minderheit der Mitglieder unterstützte die Idee der Volksfront gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Als Verteidigerin des Friedens bemühte sich die Sozialist. Arbeiter-I. um ein System der kollektiven Sicherheit, um Abrüstung und die Idee des Schiedsgerichts. Der Kriegsausbruch bedeutete ihr Ende (1940).

Die Sozialdemokratische Partei (SP) der Schweiz lehnte eine Teilnahme an der wiedererrichteten Zweiten I. ab. Der ausserordentl. Parteitag im Aug. 1919 in Basel stimmte für den Austritt aus der Zweiten I. und den Beitritt zur Komintern, was aber die Mitglieder in einer Urabstimmung verwarfen. Im Dez. 1920 lehnten beide Instanzen in Kenntnis der "21 Bedingungen" den Beitritt zur Komintern ab. Darauf spaltete sich der linke Flügel von der Sozialdemokratie ab und gründeten mit Altkommunisten die Kommunistische Partei (KP) der Schweiz. 1921 war die SP an der Gründungskonferenz der Wiener I. vertreten, im Herbst stimmte der Parteitag dem Beitritt zu, Grimm wurde in das Büro des Exekutivkomitees gewählt. 1923 nahm die SP am Gründungskongress der Sozialist. Arbeiter-I. teil, stimmte aber erst 1926 dem Beitritt zu. In der Exekutive war sie mit 10 Stimmen vertreten, spielte indes keine Rolle.

Die Beziehungen zwischen KP und Komintern spielten auf mehreren Ebenen. Delegierte der KP (bis 1920 Altkommunisten) nahmen an allen Kongressen der Komintern teil, ab 1922 auch an den Plenumssitzungen des Exekutivkomitees. In den Parteihochschulen in Moskau wurden junge Kommunisten für ihre Aufgabe als künftiger Kader geschult. Einige Dutzend Schweizer arbeiteten in Moskau in den Apparaten und Unternehmungen (Archive, Verlage, Zeitungen, Radio usw.) der Komintern, als Emissäre oder als Funktionäre der Massenorganisationen. Von 1933 bis zum Verbot 1939 erschienen vorher in Deutschland hergestellte Zeitungen der Komintern in der Schweiz; ihre Presseagentur Runa arbeitete in Zürich.

Autorin/Autor: Markus Bürgi

5 - Kominform und Kommunistische Weltbewegung

Die Entwicklung des Internationalismus nach dem 2. Weltkrieg war bis 1989 durch den Kalten Krieg und den Ost-West-Gegensatz geprägt. 1947 erfolgte als sowjet. Reaktion auf den Marshallplan der USA die Gründung des "Informationsbüros der kommunist. und Arbeiterparteien" (Kominform), dem die Partei der Arbeit (PdA) aber nicht angehörte. An Stelle des im Zuge der Entstalinisierung 1956 aufgelösten Kominform trat die Kommunist. Weltbewegung, eine informelle Zusammenfassung von kommunist. Parteien und Staaten, die an Weltkonferenzen Richtlinien aufstellte (z.B. 1969 Übernahme der Breschnew-Doktrin). Ihr gehörten auch Massenorganisationen wie der Weltgewerkschaftsbund, der Weltfriedensrat usw. an. Die PdA war an den Konferenzen wie in einzelnen Organisationen vertreten, blieb aber ohne Bedeutung. Das Ende der Sowjetunion 1991 bedeutete zugleich das Ende des kommunist. Internationalismus.

Autorin/Autor: Markus Bürgi

6 - Sozialistische Internationale

Nachdem die sozialdemokrat. Parteien 1947 mit Rücksicht auf die Mitglieder im sowjet. Machtbereich nur ein Committee of International Socialist Conferences geschaffen hatten, gründeten sie in Reaktion auf Kominform und den Umsturz von 1948 in der Tschechoslowakei 1951 in Frankfurt am Main die Sozialistische I. Grundlage ist der demokrat. Sozialismus. Die Organisation hat ihren Sitz in London. Auf periodisch stattfindenden Kongressen - 1976 fand ein solcher in Genf statt - und Vorstandssitzungen, an denen auch die SP teilnimmt, treffen sich die Mitglieder zum Meinungsaustausch. Ihre nicht bindenden Entschliessungen thematisieren u.a. die Menschenrechte, die menschenwürdige Existenz, Frieden und Abrüstung sowie den Umweltschutz. Nach Dekolonisation und Ende des Kalten Krieges zählt die Sozialistische I. auch Mitglieder aus Asien, Afrika, Osteuropa und der ehem. Sowjetunion (2005 143 Parteien als Voll- und assoziierte Mitglieder), doch dominieren weiterhin die Parteien aus den europ. Industrieländern.

Quellen und Literatur

Literatur
– J. Braunthal, Gesch. der I., 3 Bde., 1961-71 (31978)
La Première I., hg. von J. Freymond, 4 Bde., 1962-71
– Gruner, Arbeiter
– G. Haupt, Programm und Wirklichkeit, 1970 (franz. 1964)
– G.A. Ritter, Die II. Internationale 1918/1919, 2 Bde., 1980
– R. Sigel, Die Gesch. der Zweiten I. 1918-1923, 1986
– D. Vogelsanger, Trotzkismus in der Schweiz, 1986
– Gruner, Arbeiterschaft 3
– B. Degen, Krieg dem Kriege!, 1990
– B. Studer, Un parti sous influence, 1994
– «Bibliographie de Marc Vuilleumier», in Pour une histoire des gens sans histoire, 1995, 23-32
– M. Bürgi, Die Anfänge der Zweiten I., 1996
Komintern: l'histoire et les hommes, hg. von J. Gotovitch, M. Narinski, 2001

Autorin/Autor: Markus Bürgi