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Gewerkschaften

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G. sind dauerhafte Vereinigungen von Unselbstständigerwerbenden (Erwerbstätigkeit) zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Nicht unter den Begriff fallen spontane Zusammenschlüsse mit beschränkten Zielsetzungen. G. unterscheiden sich von parität. Berufsverbänden, indem sie nur Lohnarbeiter organisieren. Weiter muss die Vereinigung freiwillig erfolgen und darf nicht von Aussenstehenden abhängen. Zur Konstituierung braucht es ein berufs-, schicht- oder klassenspezif. Bewusstsein, das erlaubt, Forderungen gemeinsam zu definieren und in kollektives Handeln umzusetzen. G. besitzen Doppelcharakter: Da sie Bewegungen für bessere Arbeitsbedingungen führen, bilden sie die Gegenmacht der Arbeiter und später auch der Angestellten. Zugleich leiten sie als Ordnungsfaktor Protest in geregelte Bahnen. Ihre Macht beruht auf zwei Faktoren: Der Organisationsgrad rechtfertigt den Vertretungsanspruch auf Betriebs- und Branchen- oder regionaler und nationaler Ebene. Das Mobilisierungspotential, d.h. die Fähigkeit, Streiks oder andere Arbeitskonflikte zu führen, die den Ablauf der Produktion oder den Ruf eines Betriebes beeinträchtigen, verleiht ihren Forderungen das nötige Gewicht.

G. wirken auf drei Ebenen: Erstens begründen sie eine innere Solidarität durch die gegenseitige Versicherung mittels Unterstützungsinstitutionen wie Kranken-, Unfall-, Sterbe- und Arbeitslosenkassen sowie durch die Ausrichtung von Reise- und Notlagenentschädigungen (Sozialversicherungen). Diese Funktion trat im Laufe des 20. Jh. in den Hintergrund, z.T. weil Grundlagen entfielen (ohne Wanderschaft keine Reisekasse), v.a. aber weil nach dem 2. Weltkrieg der Sozialstaat zunehmend Verantwortung für die soziale Sicherheit übernahm. Zweitens führen sie eine kollektive Vertragspolitik, die von informellen Absprachen über Verhandlungen auf mehreren Ebenen bis zu Streiks versch. Massnahmen beinhaltet. Drittens nehmen sie polit. Einfluss auf den Gesetzgeber. In ihrem Handeln müssen sie auch Interessen von Aussenstehenden berücksichtigen (Trittbrettfahrer), weil deren Verhalten die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt mitprägt.

Unselbstständigerwerbende organisierten sich zunächst v.a. nach Berufen, seltener nach Branchen oder Ortschaften. Ende 19., Anfang 20. Jh. kamen Status und Weltanschauung als wichtige Dimensionen dazu. Entlang diesen gliederte sich die Gewerkschaftsbewegung in Arbeiter- und Angestellten- bzw. in freie (d.h. der Sozialdemokratie nahe stehende), christl. oder liberale Organisationen. Die "gelben G." - so werden G. bezeichnet, die stark von Unternehmern abhängig sind - spielten in der Schweiz keine grosse Rolle. Status und Weltanschauung vermochten die Dachorganisationen im Inland lange zu trennen; auf internat. Ebene dagegen gehörten die drei bedeutendsten zum Europ. Gewerkschaftsbund: der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) seit 1973, der Christlichnationale Gewerkschaftsbund (CNG) seit 1974 und die Vereinigung schweiz. Angestelltenverbände (VSA, Angestelltenorganisationen) seit 1991. In der Mitgliedschaft überwogen bisher die Männer. In jüngster Zeit holten die Frauen allerdings auf, was sich auch im Repräsentativ- (Kongress, Vorstand usw.) und im Administrativsystem (Sekretariat) auswirkte.

1 - Anfänge der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung

Die Anfänge der schweiz. Gewerkschaftsbewegung lassen sich nicht nur mangels Forschung bloss grob skizzieren; auch die Abgrenzung zu Gesellenorganisationen (Gesellen) des zünftigen Handwerks bietet Probleme. Inwiefern nach Aufhebung der Zünfte personelle und institutionelle Kontinuitäten zu Hilfsvereinen bzw. -kassen (Typografen in Aarau 1818, Zürich 1819, Bern 1824) führten, ist nicht bekannt. Um diese bildeten sich Frühformen von G., zunächst lokal begrenzte, äusserst zerbrechl. Gebilde, die oft nach einem Misserfolg oder der Abreise eines begabten Organisators wieder verschwanden. Neben den Typografen organisierten sich früh Handwerker wie Schreiner, Zimmerleute, Steinmetze, Schneider und Schuhmacher, wobei Anstösse auch von dt. Gesellenvereinen ausgingen (Arbeitervereine, Deutsche Arbeitervereine). Im industriellen Bereich wirkten Uhren- und Bijouteriearbeiter als Pioniere. Förmliche gewerkschaftl. Aktivitäten begannen sich gegen die Jahrhundertmitte zu verdichten. Als erste nationale Gewerkschaft entstand 1858 der Schweiz. Typographenbund (STB), der anfänglich auch Prinzipalen offen stand (Gewerkschaft Druck und Papier, GDP). Bis in die 1860er Jahre schränkten kant. Koalitionsverbote das Wirken der G. ein. Sie konnten das Vereinsrecht der Bundesverfassung 1848 im Gegensatz zu polit. Organisationen nur beschränkt beanspruchen, weil kollektive Forderungen die liberale Auffassung, wonach jeder auf dem Arbeitsmarkt einen individuellen Vertrag aushandelt, in Frage stellten. In der Praxis hemmten aber lange weniger rechtl. Hindernisse als Repressalien von Unternehmern sowie fehlende Ressourcen der Arbeiter die Entfaltung der G.

Eine erste breite Gewerkschaftsbewegung, verbunden mit einer bisher nicht gekannten Streiktätigkeit, formierte sich in den späten 1860er Jahren im Rahmen der Internat. Arbeiter-Assoziation (Internationale). Von deren 1868 ca. 10'000 Mitgliedern in der Schweiz organisierte sich ein beachtl. Teil zumindest vorübergehend wegen gewerkschaftl. Aktivitäten. In den frühen 1870er Jahren bestand allerdings nur noch ein bescheidener Rest dieser Organisation. Bald aber vereinigten sich - z.T. unterstützt vom (Alten) Schweizerischen Arbeiterbund - neben den Typografen weitere Berufe in überregionalen Verbänden, so 1871 die Goldschalenmacher, 1872 die Emailzifferblattmacher, 1873 die Leder- und die Holzarbeiter, 1876 die Schneider, die Buchbinder und die Lokomotivführer sowie 1877 die Glaser und die Spengler. Als dauerhaft erwiesen sich aber nur die Gründungen der Lokomotivführer, Schneider und Spengler. 1873 konstituierte sich auch der Schweizerische Kaufmännische Verband (SKV), die später bedeutendste Privatangestelltengewerkschaft.

2 - Aufstieg im Zeichen des Klassenkampfs

Ab Mitte der 1880er Jahre erlebte die Arbeiterbewegung, begünstigt durch anhaltendes Wirtschaftswachstum, einen beachtl. Aufschwung. Diesen begleitete eine funktionale Differenzierung, als deren Folge sich gewerkschaftliche klarer von polit. und kulturellen Organisationen abhoben. Das zunehmende Streben nach besseren Arbeitsbedingungen äusserte sich auch in der stark steigenden Streiktätigkeit; selbst koordinierte überregionale Aktionen wurden möglich (Typografenstreik 1889). Obwohl ab Mitte des 19. Jh. zunehmend umfassendere Tarife zustande kamen, breiteten sich Gesamtarbeitsverträge erst Anfang 20. Jh. zögerlich aus.

Die gewerkschaftl. Organisation erfolgte auf versch. Ebenen: Als langfristig erfolgreichste Gründung erwies sich die des SGB (1880), der allerdings zunächst ein bescheidenes Dasein fristete. Die Verbreitung weiterer stabiler, vorerst auf beruflich begrenzte Teilarbeitsmärkte ausgerichteter Zentralverbände begann kurz darauf, so in den Branchen Uhren (1883 Uhrfedermacher), Eisenbahn (1885 Zugpersonal), Holz (1885 Glaser, 1886 Schreiner), Metall (1886 Giesser), Bau (1888 Steinhauer) und Lebensmittel (1889 Müller). In den 1890er Jahren folgten Organisationen im Bereich der Textilindustrie (1890 Seidenbeuteltuchweber) und der PTT (1890 Depeschenträger). Zum SKV gesellten sich weitere Angestelltenverbände (1886 Union Helvetia, 1893 Werkmeisterverband). Zu Beginn des 20. Jh. entstand ausserdem eine christl. Gewerkschaftsbewegung (1901 Holz-, 1904 Textil-, 1905 Metall-, 1906 Bau-, 1907 Transport- und Lebensmittelarbeiter), die sich 1907 mit dem Christlichsozialen Gewerkschaftsbund der Schweiz (CSG, 1921 CNG) eine eigene Dachorganisation gab. Schliesslich bildeten sich autonome Berufsverbände (1883 Buchhandlungsgehilfen, 1899 Metzgerburschen, 1906 Konditorengehilfen, 1907 Polizeibeamte). V.a. in der Westschweiz wandte sich um die Jahrhundertwende ein Teil der G. vorübergehend dem revolutionären Syndikalismus zu, schloss sich aber noch vor dem 1. Weltkrieg dem SGB an. Neben den Berufsverbänden erlangten bis Ende des 1. Weltkrieges Arbeiterunionen grosse Bedeutung. Sie koordinierten die Gewerkschaftsbewegung auf lokaler Ebene und traten als Träger von polit. und wirtschaftl. Aktivitäten auf (z.B. Zürcher Generalstreik 1912).

Nach der Jahrhundertwende fusionierten Berufsverbände in bedeutendem Masse, so 1903 bzw. 1908 zum Textilarbeiterverband (Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier, GTCP), 1904 zum Verband der Lebens- und Genussmittelarbeiter, 1905 zum Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter (Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste), 1912 zum Uhrenarbeiterverband, 1915 zum Verband der Handels-, Transport-und Lebensmittelarbeiter (Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel, VHTL) und zum Schweiz. Metall- und Uhrenarbeiterverband (Smuv, Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen). Durch Wachstum und Fusionen erreichten sie die nötige Grösse zur Einrichtung ständiger Sekretariate, als erster 1894 der Verband schweiz. Eisenbahnangestellter, dem 1897 der SGB, 1900 STB und Smuv und dann v.a. 1904-06 der Grossteil der freien G. folgten. Ausländer, vorab Deutsche, spielten bis zum 1. Weltkrieg eine wichtige Rolle. Anders als im polit. System waren sie in der Wirtschaft in vielerlei Hinsicht gleichberechtigt und konzentrierten deshalb ihre Aktivitäten auf diesen Bereich.

3 - Partielle Integration in Wirtschaft und Staat

Zu Beginn des 1. Weltkriegs brachen die G. zunächst weitgehend zusammen, weil Ausländer heimkehrten und Schweizer in die Armee einberufen wurden. Ab 1917 setzte aber ein gewaltiger Aufschwung ein. Gewerkschaftl. Bewusstsein verbreitete sich selbst unter Angestellten, was sich in der Radikalisierung bestehender und in der Gründung neuer Verbände äusserte, so 1917 des Zentralverbands des Staats- und Gemeindepersonals, 1918 der Verbände der Angestellten der Maschinenindustrie und des Bankpersonals und v.a. der Dachorganisation VSA. Die Organisation des Zürcher Bankpersonals war von 1919-23 gar dem SGB angeschlossen. Einen Wendepunkt der Gewerkschaftsgeschichte bedeutete der Landesstreik im Nov. 1918. In seinem Gefolge zeigten versch. Industrien erstmals Bereitschaft zu offiziellen Verhandlungen auf nationaler Ebene, v.a. zur Einführung der 48-Stunden-Woche. Im Gewerbe wurden in einem bisher nicht gekannten Ausmass Gesamtarbeitsverträge abgeschlossen. Auf polit. Ebene bezog v.a. das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement zunehmend Vertreter der G. in Entscheidungsprozesse ein. Nach Auflösung des vom (Neuen) Schweiz. Arbeiterbund getragenen Arbeitersekretariates gingen dessen Bundessubventionen ab 1921 an die gewerkschaftl. Dachorganisationen. Auf organisator. Ebene erfolgte eine weitgehende Umgruppierung, deren Ergebnisse bis gegen Ende des 20. Jh. Bestand hatten. 1919 vereinigten sich bisher stark zersplitterte Organisationen im Schweiz. Eisenbahnerverband (Schweizerischer Eisenbahn- und Verkehrspersonalverband) und schlossen sich dem SGB an. Weitere Fusionen führten 1922 zum Bau- und Holzarbeiter-Verband (Gewerkschaft Bau und Holz, GBH), 1923 zum Verband der Bekleidungs- und Lederarbeiter (VBLA) und 1928 zur PTT-Union. Die Arbeiterunionen dagegen verloren rasch ihre Bedeutung. In Abgrenzung zum SGB entstanden 1919 der freisinnige Landesverband Freier Schweizer Arbeitnehmer (LFSA) und 1920 der Schweizerische Verband evangelischer Arbeitnehmer (SVEA), die trotz geringen Gewichts den Status von Dachorganisationen beanspruchten. Die christl. Gewerkschaftsbewegung dehnte sich in den öffentl. Dienst aus (1919 Verkehrs-, 1922 Gemeinde- und Staats-, 1923 PTT-Personal) und nannte ihre Dachorganisation ab 1921 zur deutlicheren ideolog. Positionierung christlich-national statt christlich-sozial.

Die Zahl der Streikenden überschritt nach den bewegten Jahren 1917-22 erst 1946 wieder die Grenze von 10'000. Gewerkschaftsintern setzten sich in der Zwischenkriegszeit Bürokratisierung, Zentralisierung und Hierarchisierung durch. Ausgaben für Streiks machten nur mehr einen Bruchteil derjenigen für Versicherungen (Arbeitslosigkeit, Krankheit) aus. Die zuvor von heftigen Auseinandersetzungen geprägten Kongresse verkamen zu Ritualen. Sekretäre, einst regelmässig scharfer Kritik der Basis ausgesetzt und gelegentlich von der Abwahl bedroht, standen nun in sicheren Arbeitsverhältnissen. Die radikale Richtung, die sich in den freien G. mit z.T. fragwürdigen Mitteln gegen die Entmachtung der Basis wehrte, wurde marginalisiert und z.T. ausgeschlossen (1921 Auflösung von Smuv-Sektionen, 1927 Ausschluss des Gewerkschaftskartells Basel und 1930 des VBLA aus dem SGB). Die Weltwirtschaftskrise mit ihrer Massenarbeitslosigkeit schwächte die Stellung der G. erheblich. Nach wie vor sperrte sich die Industrie gegen Gesamtarbeitsverträge; das Friedensabkommen in der Metall- und Maschinenindustrie von 1937 markierte als rein schuldrechtl. Vertrag keine Wende in den industriellen Beziehungen (Arbeitsfrieden). Im Gewerbe dagegen stieg die Bedeutung der Gesamtarbeitsverträge nicht zuletzt deshalb, weil Meister und G. gemeinsam für staatl. Arbeitsbeschaffung eintraten. Auf Bundesebene trug die v.a. von SGB und VSA getragene Kriseninitiative (1935), obwohl vom Volk abgelehnt, nicht unwesentlich zur Abkehr von der Abbaupolitik bei.

4 - Die schweizerische Form der Sozialpartnerschaft

Im 2. Weltkrieg erlitten die G. nur einen bescheidenen Rückschlag, und 1945 setzte erneut ein massiver Aufschwung ein. Die Position der G. verbesserte sich entscheidend, als 1945 mit der Basler Chemie erstmals eine wichtige Exportindustrie einen Gesamtarbeitsvertrag abschloss. Dieser folgten, z.T. unter dem Druck einer Streikwelle, weitere Branchen, so dass ein breites Vertragsnetz entstand. Verhandlungen wurden zunehmend unter Ausschluss der Basis geführt. Kollektive Konflikte führten nur noch selten zu Streiks; krit. Stellungnahmen und sporad. Demonstrationen blieben fast die einzigen Kampfmittel. Der Wirtschaftsboom ermöglichte bis Mitte der 1970er Jahre die weitgehende Erfüllung materieller Forderungen ohne erbitterte Verteilungskämpfe. In polit. Entscheidungsprozesse, v.a. ins vorparlamentar. Verfahren, waren die G. stark eingebunden. Der Ausbau des Sozialstaates entschärfte viele ihrer Forderungen. Es bildete sich eine schweiz. Form der Sozialpartnerschaft heraus, für die eine - verglichen mit Deutschland oder Österreich - schwächere Stellung der G. charakteristisch ist.

Angesichts der gelungenen Integration vernachlässigten die G. ihre Strukturprobleme. Der Frauenanteil im SGB blieb bei einem Zehntel, im CNG fiel er von einem Viertel auf das gleiche Niveau und in der VSA stagnierte er bei ca. 15%. Mit Ausländern hatte anfänglich v.a. der SGB seine Mühe, was ihn bei der Schwarzenbach-Initiative 1970 in erhebl. Schwierigkeiten brachte. Im stark wachsenden Angestelltenbereich blieb die Verankerung schwach. Schliesslich repräsentierten die G. bis in die 1990er Jahre weitgehend die Branchenstruktur der 1910er und 20er Jahre und passten sich den Veränderungen der Berufsfelder und -bilder nie an.

Mitte der 1960er Jahre erreichten die G. einen Höhepunkt ihrer Anerkennung in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Danach machte ihnen der Wertewandel, v.a. die Individualisierung, schwer zu schaffen. Die Zahl der Mitglieder stagnierte, deren Bindung lockerte sich. Das Festhalten an starren Regelungen und das Misstrauen gegenüber sozialen Innovationen trug den G. den Ruf konservativer Organisationen ein. Die Krise Mitte der 1970er Jahre verlieh ihnen vorübergehend wieder Auftrieb und einen Mitgliederzustrom. Im starken wirtschaftl. Strukturwandel entwickelten die G. aber nur beschränkt eigene Initiativen und wurden mehr und mehr in die Rolle der Verteidiger bestehender Errungenschaften gedrängt. In der Krise der 1990er Jahre setzte ein massiver Mitgliederschwund ein. Unter diesem Druck beschleunigte sich der gewerkschaftl. Strukturwandel nach zaghaften Anfängen im vorangegangenen Jahrzehnt (SVEA, GDP). G. aller Richtungen suchten mit Fusionen den neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen (Travail.Suisse, Gewerkschaft Kommunikation, Comedia, Unia). Zudem traten verschiedene von ihnen wieder deutlicher als soziale Bewegungen in Erscheinung. Symbol. Aktionen sowie Kundgebungen unter Einsatz moderner Werbemittel (z.B. Fahnen, T-Shirts und Mützen mit Logo und Parolen) fanden ein breites Medienecho. Ab den späten 1990er Jahren nahm auch die Streiktätigkeit beträchtlich zu.

Mitglieder der gewerkschaftlichen Dachorganisationen 1910-1999a
 SGBCNGVSA
191075 3443 782 
1920223 57216 67755 182
1940212 58236 78760 564
1950377 30847 09475 198
1960437 00679 755102 503
1970436 66993 680123 364
1980459 852103 234144 742
1990443 885116 482135 574
1999380 184102 274104 861

a Daten nur bis 1999, weil die Zahlen ab 2000 wegen tief greifendem Strukturwandel bei verschiedenen Organisationen nicht mehr vergleichbar sind.

Quellen:HistStat; BFS

Eine umfassende Untersuchung identifizierte 1987 insgesamt 82 Arbeitnehmerorganisationen, die Vertragsverhandlungen führten und mindestens eine Sprachregion abdeckten. Davon waren sechs Föderationen und drei Dachorganisationen. Die 73 Mitgliederverbände zählten insgesamt 912'113 Organisierte, davon 599'664 in der Privatwirtschaft.

Quellen und Literatur

Literatur
– J. Siegenthaler, Die Politik schweiz. G. nach dem Zweiten Weltkrieg, 1968
– F. Höpflinger, Industriegewerkschaften in der Schweiz, 1976
Un siècle d'Union syndicale suisse, 1880-1980, 1980
– B. Degen, Richtungskämpfe im Schweiz. Gewerkschaftsbund, 1918-1924, 1980
– P. Garbani, J. Schmid, Le syndicalisme suisse, 1980
– Gruner, Arbeiter
– F. Höpflinger, Die anderen G., 1980
– W. Keller, Zeittabellen von 1800-1978, 1980
– E. Ribbe-Ochsner, Der Schweiz. Gewerkschaftsbund und seine Verbände, 1980 (mit Bibl.)
– R. Jenatsch-Walker Der christlichnationale Gewerkschaftsbund und seine Verbände, Diplomarbeit Zürich, 1983 (mit Bibl.)
Arbeitsfrieden - Realität eines Mythos, 1987
– E. Kobelt, Die Wirtschaftspolitik der G., 1920-1950, 1987
– Gruner, Arbeiterschaft 2
– B. Degen, Abschied vom Klassenkampf, 1991
– R. Fluder et al., G. und Angestelltenverbände in der schweiz. Privatwirtschaft, 1991
– R. Fluder, Interessenorganisationen und kollektive Arbeitsbeziehungen im öffentl. Dienst der Schweiz, 1996
– K. Armingeon, S. Geissbühler, G. in der Schweiz, 2000
– J. Steinauer, M. von Allmen Weg mit den Baracken! Die Immigranten in den schweiz. G. 1945-2000, 2000 (franz. 2000)
Vom Wert der Arbeit, hg. von V. Boillat et al., 2006

Autorin/Autor: Bernard Degen