Heimatschutz

Der Begriff H. wird in den 1880er Jahren durch den dt. Musiker Ernst Rudorff (1840-1916) geprägt. Er zielt auf die Bewahrung von Landschaft und Siedlungsweise, lokaler Sitten und Traditionen. Der H. manifestiert sich als Reaktion auf die beschleunigte Industrialisierung und Urbanisierung in der 2. Hälfte des 19. Jh. Beklagt werden die Verschandelung von Stadt und Land, der Verlust traditioneller Werte und damit einhergehend ein wachsendes Gefühl der Entwurzelung in der Bevölkerung (Lebensreformbewegung).

In der Schweiz wird der aufblühende Tourismus mit seinen Hotelbauten und Bergbahnen zu einer beliebten Zielscheibe der Kritiker. In Zeitungsartikeln wehren sich vor der Jahrhundertwende engagierte Einzelpersonen aus Literatur und Bildender Kunst überdies gegen Auswüchse des sog. Reklamewesens, gegen den Abbruch hist. Bauwerke und gegen die Modernisierung der Altstadtkerne. Aus dieser frühen Kritik entwickelte sich das ideolog. Fundament der H.-Bewegung. Zentral ist die Idealisierung des traditionellen Landlebens und der Landwirtschaft, die mit Werten wie Einfachheit, Reinheit und Echtheit verknüpft werden. Kritisiert werden der dominierende Utilitarismus und die "Banalisierung" der Landschaft. Der Begriff H. wird zunehmend zu einer umfassenden Kategorie, die weit über den Schutz hist. Bauwerke hinausgeht und nahezu alle Äusserungen der Volkskultur umfasst (u.a. Handwerk, Kleidung, lokale Architektur, Volkslied, Dialekte). In der Schweiz werden der Natur (Naturschutz) und insbesondere den Identität stiftenden Alpen im Gedankengut des H.es eine viel zentralere Rolle beigemessen als im Ausland.

Im März 1905 regte die Malerin und Dichterin Marguerite Burnat-Provins die Gründung einer Ligue pour la beauté an. Gleichzeitig gab der erfolglose Versuch, die Solothurner Turnschanze vor dem Abbruch zu bewahren, den Anstoss zur Gründung der Schweiz. Vereinigung für H. am 1.7.1905 in Bern (franz. Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque). Unter ihrem ersten Obmann, dem Basler Regierungsrat Albert Burckhardt, wuchs die Vereinigung rasch an und zählte nach fünf Jahren bereits 7'000 Mitglieder, die sich mehrheitlich aus Künstler-, Politiker- und Gelehrtenkreisen rekrutierten. Innerhalb der Organisation bildeten sich themat. Gruppen, die sich einzelner Problemkreise (Naturschönheiten, Reklameschilder, Denkmalpflege, Gebräuche usw.) annahmen. Ab 1906 erschien die Monatsschrift "Heimatschutz", die sich neben der Informationsverbreitung und Propaganda auch der Verankerung ästhet. Normen widmete. In didakt. Bilderserien wurden jeweils "gute" und "schlechte" Beispiele von Architektur einander gegenübergestellt. Auch wenn sich die H.-Aktivisten aus dem relativ engen sozialen Segment des geisteswissenschaftlich orientierten Bildungsbürgertums rekrutierten, beriefen sie sich bei konkreten Konflikten immer wieder auf die breite Bevölkerung, indem sie z.B. landesweite Petitionen lancierten. Aufsehen erregte etwa der Kampf gegen die geplante Matterhornbahn, gegen versch. Wasserkraftwerke oder für die Erhaltung von Rheinfall und Silsersee, später auch gegen die geplanten Autobahnen durch das Simmental und das Wallis sowie den Waffenplatz in Rothenthurm. Im Bereich der Architektur beschränkte sich der H. nicht auf das Bewahren, sondern suchte mit der Ausschreibung versch. Wettbewerbe (z.B. Wettbewerb für einfache schweiz. Wohnhäuser, 1908) auch neue Formen, bei denen Ästhetik und Nützlichkeit gleichermassen berücksichtigt werden sollten.

Das beschleunigte Wirtschaftswachstum nach dem 2. Weltkrieg stellte den H. vor neue Herausforderungen. Der ab 1946 zusammen mit dem Bund für Naturschutz jährlich durchgeführte Verkauf von "Schoggitalern" erlaubte die Rettung zahlreicher Natur- und Kunstdenkmäler. Im legislativen Bereich wurde 1962 nach jahrelangem Bemühen erstmals ein Artikel über Naturschutz und H. in der Bundesverfassung verankert (neue BV Art. 78). Heimatschutzziele verfolgen auch die drei Inventare, das Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS, seit 1973), das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN, seit 1977) und das Inventar der hist. Verkehrswege der Schweiz (IVS, 1984-2003). Seit 1972 verleiht die Vereinigung jährlich den Wakkerpreis an eine Gem., die sich auf dem Gebiet des H.es besondere Verdienste erworben hat.


Literatur
– D. Le Dinh, Le H., une ligue pour la beauté, 1992
– F. Walter, Bedrohl. und bedrohte Natur: Umweltgesch. der Schweiz seit 1800, 1996 (franz. 1990)
– C. Schläppi, «Anwalt des Lautlos-Selbstverständlichen», in Der kleine Bund, 28.6.1997
– R. de Miller, «Quelle histoire pleine de vitalité!», in Heimatschutz, 1998, Nr. 1, 12-18
Erhalten und Gestalten: 100 Jahre Schweizer H., hg. von M. Bundi, 2005
40 Wakkerpreise, 1972-2011, 2011
– S. Bundi Graubünden und der H., 2012

Autorin/Autor: Stefan Bachmann