Lebensreformbewegung

Die L., die als Begriff im späten 19. Jh. auftauchte, umfasste alle Bestrebungen zur Erneuerung der Lebensführung. Sie setzte mit der Ernährungsreform (Ernährung) und der Naturheilkunde ein. Viele Pioniere der L., unter ihnen die Schweizer Arnold Rikli und Theodor Hahn, beschrieben, wie sie durch eigene Krankheitserfahrung und Versagen der naturwissenschaftlich orientierten Medizin zu einer naturgemässen Lebensführung gezwungen und wegen der strikten Beachtung der von ihnen selbst entwickelten Naturheilverfahren vor erneuter Erkrankung verschont worden seien. Zu den von ihnen propagierten Behandlungsmethoden zählten der Vegetarismus sowie Sonnen- und Bäderkuren (Freikörperkultur).

Im ausgehenden 19. Jh. wandelte sich die L. von einer medizin.-hygien. zu einer sozialreformer. Bewegung; wichtig wurde die Soziale Frage. Es entstand die Boden-, die Siedlungs- und Wohnungsreformbewegung (Hygiene). Die Bodenreformer forderten das Gemeineigentum an Grund und Boden (Freiwirtschaftliche Bewegung). Die Siedlungsbewegung wollte nicht nur eine Gegenkultur aufbauen, sondern erhoffte sich von den realisierten Siedlungen, dass diese durch ihren Modellcharakter zur Lösung gesamtgesellschaftl. Probleme beitragen würden. Anfang des 20. Jh. bestimmten oft ästhet. Kriterien die Reformwünsche: Die Kleidungsreform, die Körperkultur, die Gymnastik und der Tanz waren die wichtigsten Strömungen. Die Siedlung Monte Verità in Ascona (gegr. 1900), die Siedlung Grappenhof in Amden (1901) sowie das Goetheanum der Allgemeinen Anthroposoph. Gesellschaft in Dornach (1913) (Anthroposophie) waren die international bedeutendsten Zentren der L. in der Schweiz.

Die L. hatte weder eine die versch. Strömungen verbindende Theorie noch brachte sie eine umfassende Organisationsform hervor. Ihre Anhänger waren auf Absonderung bedacht und von einem tiefen, innerweltl. Glauben an die in jedem Menschen verborgenen natürl. Kräfte geprägt. Sie versagten allen polit. Parteien die Gefolgschaft. Zu den profiliertesten Lebensreformern in der Schweiz zählte neben Johannes Künzle und Maximilian Oskar Bircher-Benner auch Werner Zimmermann. Dessen Vorschlag eines sog. dritten Weges zielte auf die Schaffung einer "natürlichen" Wirtschaftsordnung ohne Grundrente, Kapitalzins und Spekulationsgewinn.


Literatur
– E. Barlösius, Naturgemässe Lebensführung, 1997
– R. Kurzmeyer, Viereck und Kosmos, 1999
Die Lebensreform, 2 Bde., Ausstellungskat. Darmstadt, 2001

Autorin/Autor: Roman Kurzmeyer