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Helvetia (Allegorie)

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Personifizierte weibl. Repräsentationsfigur der Schweiz, die auch in der bloss begrifflich-verbalen Variante - z.B. als Landesbezeichnung auf den Briefmarken - bekannt ist. Für die bildl. Darstellung lassen sich zwei Typen festmachen. Die symbolisch weniger aufgeladene, allegor. Variante, die sich nur auf den geogr. Raum der Schweiz bezieht, unterscheidet sich bis zu einem gewissen Grad von der politischen, welche die Nation und den Staat repräsentiert. In beiden Fällen werden bestimmte semant. Inhalte durch zusätzl. Bezeichnungen, bildl. Attribute, Kontextfiguren usw. zum Ausdruck gebracht. Paradoxerweise besteht zwischen den einzelnen europ. Länderpersonifikationen eine auffallende Ähnlichkeit, so dass die nationalen Allegorien nur durch ihre Attribute als solche erkennbar sind.

In der geogr. Variante werden mit Hilfe der Darstellung von Landesprodukten wie Früchten und Käse mehrheitlich die Produktivität und der Reichtum (etwa den klassischen utilitas und abundantia entsprechend) veranschaulicht. In der polit. Variante sind es Waffen aller Art, aber auch der Lorbeerkranz und weiterer Schmuck, die Tugenden wie Wachsamkeit, Unerschrockenheit, Freiheits- und Friedensliebe sowie Eintracht (vigilantia, fortitudo, libertas, pacificatio, concordia) in Erinnerung rufen. Als Gegenbild werden zuweilen, v.a. vor dem Hintergrund des Söldnerwesens, die Gefahren der Laster, insbesondere der Gier (aviditas) und der Wollust (voluptas), gezeigt. Die Kategorie der H. verwendend, finden sich barocke Gegenüberstellungen von positiven und negativen Zuständen helvet. Seins, so auf Albrecht Kauws Ölgemälde von 1672 mit der Darstellung der kritisch gesehenen H. moderna - im Gegensatz zur vorbildlichen, im Bild jedoch nicht gezeigten H. antiqua. Johann Caspar Weissenbach stellte die "auff- und abnemmenden Jungfrawn Helvetiae" in seinem 1672 entstandenen, die Dekadenz beklagenden und die Gesundung fordernden Drama "Eydgnosssisches Contrafeth" einander gegenüber. Dieses Muster lebte in den Festspielen des 19. Jh. fort, etwa im Stück "Helvetia" (1895) von Pfarrer Heinrich Weber. Den polit. Gehalt der frühen H.-Darstellungen sollte man nicht unterschätzen. Da im Gegensatz zu den intensiv gepflegten Repräsentationsformen der einzelnen eidg. Stände jene der Gesamteidgenossenschaft noch schwach entwickelt war, wurde die H. schon im 17. Jh. als allegor. Figur schweiz. Staatlichkeit verwendet.

Im 18. Jh. erfuhr die H. eine weitere Aufwertung. Sie musste ihre Position und Funktion nun nicht mehr mit männl. Figuren - dem nicht weiter individualisierten Krieger oder Tell - teilen, sondern nahm jetzt als thronende Einzelfigur den Platz im Bildzentrum ein. Das Veranschaulichungsbedürfnis des aufklärer. Republikanismus räumte der Frauenfigur breiten Raum ein. Nicht jede antike Frauengestalt ist jedoch eine H. In vielen Fällen sollte einzig die allenfalls um andere Ideale angereicherte libertas dargestellt werden, häufig mit antiken Attributen wie dem Stab (pilum), der Phrygenmütze (pileus) und dem republikan. Symbol des Liktorenbündels. Die offizielle Repräsentationsfigur der Helvetik war aber nicht sie, sondern der Tell mit seinem Büblein.

Während die frühen Darstellungen v.a. der Verständigung unter der Elite dienten, hatten diejenigen nach 1800 die zuvor nicht benötigte staatspolit. Funktion, in den breiten Schichten der Bevölkerung die Identifikation mit der Nation zu stiften. In der Phase des nation building erlangte die H. wachsende Bedeutung und wurde von den Architekten des jungen Bundesstaats auf Marken und Münzen eingesetzt. Gegen Ende des 19. Jh. wurde sie zu einem beliebten Denkmal- und Postkartenmotiv.

Die H. diente aber nicht nur der Bekräftigung oder Einforderung des nationalen Konsenses. Nicht weniger oft wurde sie - und wird noch immer - von dissidenten Kräften für die Kritik am Status quo umgedeutet. Da sie semantisch beinahe leer ist, lässt sie sich polyvalent vereinnahmen. Insofern gibt es keine Biografie der Gestalt, sondern einzig eine Geschichte ihrer vielfältigen Verwendung.


Literatur
Zeichen der Freiheit, Ausstellungskat. Bern, 1991
– G. Kreis, H. - im Wandel der Zeiten, 1991
– Y. Boerlin-Brodbeck, «Alpenlandschaft als polit. Metapher», in ZAK 55, 1998, 1-10
– G. Kreis, «Umworben und ausgelacht», in 1848: Drehscheibe Schweiz, hg. von P. Kaenel, 1998, 153-163
– A. Stercken, Enthüllung der H., 1998
– T. Maissen, Die Geburt der Republic: Staatsverständnis und Repräsentation in der frühneuzeitl. Eidgenossenschaft, 2006, 253-277

Autorin/Autor: Georg Kreis