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Mellingen

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Polit. Gem. AG, Bez. Baden. Die beidseits der Reuss gelegene Gem. mit markant geschlossenem ma. Altstadtkern und den beinahe vollständig erhaltenen Wehrbauten bildet mit den zahlreichen Aussenquartieren der Neuzeit das Zentrum der Kleinregion Unteres Reusstal. 1045 Mellingen (Kopie 16. Jh.), 1217-39 Menelingen. Um 1600 ca. 400 Einw.; 1755 325; 1803 586; 1850 746; 1900 899; 1950 1'634; 1970 3'211; 2000 4'239.

Im Gheid zahlreiche mesolith., im Ebereich neolith. Funde. Die Römerstrasse Baden-Suhr überquerte vermutlich 500 m unterhalb der nachmaligen Altstadt als Furt die Reuss. Eine Brücke wird 1253 erwähnt. Ein rechtsufriges Dorf M. (ab SpätMA meist Trostburger Twing genannt) bestand schon im FrühMA (Gräberfunde u.a. im Brand) und führte bis 1798 rechtlich ein gesondertes Dasein. Die Stadt M., am linken Ufer der Reuss errichtet, wurde vermutlich um 1230 von Gf. Hartmann dem Älteren von Kyburg als strateg. Brückensiedlung zwischen den kyburg. Zentren Baden und Lenzburg gegründet. 1242 erstmals als Stadt erwähnt, ging M. 1273 durch Kauf an Habsburg über. 1296 verlieh Hzg. Albrecht M. das Stadtrecht. 1415 eroberten Zürich und Luzern die Stadt zuhanden der eidg. Orte. Landesherren waren von nun an bis 1712 die acht alten Orte, nachher nur noch Zürich, Bern und Glarus. Verwaltungstechnisch gehörte M. zur Grafschaft Baden, verstand es aber, auch nach 1415 seine Rechte als Stadt zu wahren: Markt, gerichtl. Autonomie mitsamt der um 1400 erworbenen Blutgerichtsbarkeit, Wahl der Behörden (über 100 öffentl. Ämter), eigene Gesetzgebung und Verwaltung unter der Leitung eines Schultheissen. 1364 erwarb die Stadt M. von den Herren von Trostberg die niedere Gerichtsbarkeit im Trostburger Twing. Wahrscheinlich bis zum Alten Zürichkrieg bildete der Trostburger Twing eine selbstständige polit. Körperschaft mit eigenem Dorfrecht. Die Stadt war Königsfelden zehntpflichtig, der Twing dem Spital Baden. Verwaltungstechnisch gehörte er weiterhin zum Amt Rohrdorf, kirchlich zur Pfarrei Rohrdorf. Erst in der Helvetik wurde der Trostburger Twing politisch endgültig M. zugeschlagen, kirchlich sogar erst 1896. M. war eine der wenigen aarg. Städte, die Gerichtsherrschaften zu erwerben verstanden. Ausser im Trostburger Twing übte M. von 1415-94 auch in Stetten und von 1543-1798 in Tägerig die niedere Gerichtsbarkeit aus. Das von den kath. Orten dominierte, strategisch wichtige M. war der bedeutendste Brückenort zwischen den beiden ref. Hauptmächten Zürich und Bern. Von der Einführung der Reformation 1528 bis zum Villmergerkrieg 1712 wurde die Stadt zwölfmal besetzt. Während des Bauernkrieges erlitt ein Bauernheer vor den Toren von M. eine Niederlage. Der ausgehandelte Friedensschluss, der sog. Mellinger Friede vom 4.6.1653, widerspiegelt den für die Bauern ungünstigen Verlauf. 1798 beschloss M., seine städt. Verfassung aufzugeben. Es wurde dem Distrikt Bremgarten im helvet. Kanton Baden zugeschlagen. Die am 19.2.1803 abgehaltene erste Gemeindeversammlung nach neuer Rechtsordnung bildet den Ausgangspunkt der heutigen modernen Gem. als Bestandteil des Bez. Baden im neu geschaffenen Kt. Aargau.

1045 ist in M. erstmals eine Kirche im Besitz des Stifts Schänis erwähnt. Die Kollatur lag ab Ende des 13. Jh. bei Habsburg, ab dem 15. Jh. bei der Stadt. Im MA war die Kirche Johannes dem Evangelisten geweiht, ab dem 14. Jh. zusätzlich Johannes dem Täufer und in den letzten Jahrhunderten nur noch dem Letzteren. 1529 trat M. zur Reformation über, wurde aber 1532 von den Siegern der Kappelerkriege zwangsweise rekatholisiert. 1675 wurde die heutige frühbarocke Stadtkirche errichtet. Der got. Kirchturm mit Fresken aus dem 14. Jh. blieb erhalten. 1910 erfolgte der Bau einer ref. Kirche für die 1894 gegründete evang.-ref. Genossenschaft M. und Umgebung.

Obwohl M. wegen der vielen umliegenden Städte wirtschaftlich gesehen eine Fehlgründung war, ist ab ca. 1600 trotzdem ein vielfältiges Gewerbe (im 17. Jh. über 20 Berufsgattungen) feststellbar. Im 19. Jh. blieb der Aufschwung bescheiden. Kleingewerbe und Landwirtschaft prägten weiterhin das Leben. Der seit dem MA blühende Weinbau verschwand um 1900 vollends. Fabriken siedelten sich erst Ende des 19. Jh. an, so eine Ziegelei, Textilfabriken, Strohflechterei. Diese Betriebe gingen im 20. Jh. wieder ein. Industrie, Handel und Gewerbe haben sich stark diversifiziert. Mit Alters- und Pflegeheim (hervorgegangen aus dem 1313 gegr. Spital), Bezirksschule (gegr. 1862), vier Schulhäusern und grossen Sportanlagen nimmt M. heute die Funktionen eines Schul-, Kultur- und Sozialzentrums des Unteren Reusstales wahr. Im Verkehrsknoten M. bündeln sich neun teils stark befahrene Strassen. Sechs Postautolinien erschliessen M. mit öffentl. Verkehrsmitteln. Die SBB-Linie Aarau-Wettingen (Teilstück der 1877 eröffneten Nationalbahn) wurde in den letzten Jahrzehnten für den Personenverkehr beinahe bedeutungslos, nicht aber für das in den 1960er Jahren in der Nähe der Station gebaute grösste Öl- und Benzintanklager der Schweiz. Das starke finanzielle Engagement der Gem. beim Bau der Bahn hatte M. nach deren Konkurs 1878 in eine schwere polit. Krise (fast vollständige Verarmung der Bürgergem.) gestürzt.


Literatur
– H. Rohr, Die Stadt M. im MA, 1947
Kdm AG 6, 1976, 382-433
– R. Stöckli, Gesch. der Stadt M. von 1500 bis zur Mitte des 17. Jh., 1979
Mellinger Städtlichronik 1991-
– R. Stöckli, 950 Jahre Kirche M., 1995

Autorin/Autor: Rainer Stöckli