05/12/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Helvetische Gesellschaft

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Die 1761 bzw. 1762 in Schinznach Bad von einem Freundeskreis um den Basler Ratsschreiber Isaak Iselin, den Zürcher Stadtarzt Hans Caspar Hirzel, den Luzerner Ratsherr Joseph Anton Felix von Balthasar und den Berner Rechtsprofessor Daniel von Fellenberg gegründete H. sammelte die aufklärerisch gesinnten Kräfte der Schweiz des 18. Jh. (Vereine). Der Philosoph und Arzt Johann Georg Zimmermann aus Brugg, der Dichter und Künstler Salomon Gessner aus Zürich und die Ökonom. Patrioten Johann Rudolf Tschiffeli sowie Vinzenz Bernhard und Niklaus Emanuel Tscharner aus Bern verliehen der Sozietät eine über die Landesgrenzen hinausreichende Ausstrahlung. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen hist.-polit. Verein, den 1727 Johann Jakob Bodmer in Zürich ins Leben rief und der bis etwa 1746 bestand.

Die Unzufriedenheit mit der Stagnation in den Alten Orten führte nach lebhaften Diskussionen zu einem allgemein auf die Förderung der helvet. Freundschaft und Eintracht ausgerichteten Gesellschaftszweck. Die jährlich im Mai stattfindende Versammlung (ab 1780 in Olten, 1795-97 in Aarau) bot viel Raum für Begegnungen im Beisein illustrer ausländ. Gäste. Die Publikation der "Verhandlungen" betreute ein Sekretär. Die Präsidialansprachen und Beratungen widerspiegeln die Themenvielfalt der schweiz. Aufklärung. Es ging um die "Verbesserung" der Zustände in allen Lebensbereichen, allerdings innerhalb des bestehenden polit. Systems. Die H. bezweckte die Reform, nicht die Revolution, und entwarf Utopien, deren Umsetzung sie den lokalen Sozietäten überliess.

Infolge Repressionen aus polit. und konfessionellen Gründen durch die Obrigkeiten von Bern (1766) und Luzern (1769-70) sowie den Bf. von Lausanne (1767) zog sich die Gründergeneration zurück zugunsten jüngerer Mitglieder, die Geselligkeit und Unterhaltung über das ernste Gespräch stellten. Der neue Stil verlieh den Zusammenkünften die Attraktivität einer "Patriotenkilbe" (Johann Jakob Huber) und liess die Teilnehmerzahl auf über 200 Personen steigen. Der H. gehörten neben Gutsherren, Geistlichen, Kaufleuten, Magistraten und Verwaltungsbeamten in geringerer Zahl auch Professoren, Ärzte, Offiziere aus fremden Diensten, Handwerker und Künstler beider Konfessionen an. Viele hatten polit. Ämter inne. Munizipalstädte waren ebenso vertreten wie die regierenden Hauptorte und Mülhausen. In Olten wurden Gattinnen und Töchter als Gäste zugelassen. Ab den 1780er Jahren erfolgte die regelmässige Einbeziehung der franz. Schweiz, die mit Philippe-Sirice Bridel und Pierre Frédéric Touchon, der 1797 die H. präsidierte, vertreten war; aus der ital. Schweiz ist kein Teilnehmer bekannt. Unter den ausländ. Mitgliedern befanden sich Prinz Ludwig Eugen von Württemberg, Goethes Schwager Johann Georg Schlosser und der Elsässer Pädagoge Gottlieb Konrad Pfeffel.

Mit dem Ziel, das eidg. Wehrwesen zu reformieren, hatten einzelne Mitglieder 1779 in Olten die Helvetisch-militär. Gesellschaft als Schwesterorganisation gegründet (ab 1795 in Aarau). Beide Sozietäten brachen nach 1797 ihre Tätigkeit ab. Die H. wurde 1807 erneuert, geriet aber allmählich in die Nähe einer Volksversammlung der liberalen und radikalen Bewegung und endete 1858 (Neue Helvetische Gesellschaft). Die Bemühungen um die Wiederbelebung der Helvetisch-militär. Gesellschaft führten nach 1833 zur Gründung der Schweiz. Offiziersgesellschaft.

Die H. verstand die vaterländ. Geschichte als dauerndes Fortschreiten republikan. Tugend hin zur Freiheit, Gleichheit und Überwindung des Konfessionalismus (Religiöse Toleranz). Der Reformdiskurs postulierte die Verbesserung der Erziehung, die moral. Vervollkommnung des Einzelnen und den Ausbau der wirtschaftl. Existenzgrundlagen. Als Mittelpunkt der Sozietätsbewegung und bedeutendste gesamtschweiz. Vereinigung förderte die H. die Entfaltung eines neuen Nationalgefühls und den eidg. Zusammenhalt; diesen helvet. Patriotismus zelebrierte sie an ihren Versammlungen sinnfällig mit Johann Kaspar Lavaters "Schweizerliedern" und dem Kult um Wilhelm Tell.


Literatur
– U. Im Hof, F. de Capitani, Die H., 2 Bde., 1983, (mit Prosopographie der Mitglieder und Gäste)
– E. Erne, Die schweiz. Sozietäten, 1988

Autorin/Autor: Emil Erne